Debatten

Der schleichende Tod der Globalisierungsdebatte

Ein Nachruf

Modeströmungen haben ihren inneren Rhythmus: Sie beginnen zunächst zaghaft, breiten sich dann spektakulär aus, erreichen einen Höhepunkt und verschwinden schließlich im Nichts. Die Globalisierungsdebatte gehört dazu. Sie hat inzwischen das Endstadium ihres Modezyklus erreicht:

Die Zahl der Publikationen nimmt ab, die Hörsäle bleiben leer, die Medien berichten kaum noch von dem einst erwarteten „historischen Umbruch“, den die Globalisierung bringen sollte. Woher kommt der Niedergang und wie ist er zu beurteilen?

Auf den ersten Blick könnte man vielleicht meinen, dass es sich hier gar nicht um einen Niedergang handelt. Der amerikanische Feldzug gegen den Irak und der sogenannte “Kampf gegen den internationalen Terrorismus” habe die Aufmerksamkeit nur absorbiert, so dass kaum Raum für das Thema Globalisierung geblieben sei. Diese Sichtweise greift zu kurz. Der Krieg spielt gewiss eine wichtige Rolle, aber nicht als bloßer Verdrängungsfaktor. Der Niedergang setzte schon früher ein, ist im theoretischen Kern der Diskussion angelegt. Um dies zu verstehen, sollen die Inhalte und die zeitgeschichtlichen Umstände der Debatte kurz beleuchtet werden.

Der Börsenboom der 90er Jahre, der im Frühjahr 2000 seinen Zenit erreichte und von der Einführung neuer Kommunikationstechnologien begleitet und teilweise getragen worden war, bildete den wichtigsten Bezugspunkt der Globalisierungsdebatte. Man fokussierte sich auf das spektakuläre Börsengeschehen, nämlich auf das so genannte Finanzkapital, auf die Aktien, Anleihen und Derivate, die dort gehandelt werden und die unter Inanspruchnahme der modernen Kommunikationstechnik in Sekundenschnelle über die Ländergrenzen hinweg und von jedem Ort der Welt aus gekauft und wieder verkauft werden können. Es schien nahe zu liegen, dass die Börse die Hauptarena des Kapitals bildet und dass die Portfoliomanager, die Börsenhändler und die Banken die eigentlichen Akteure sind. Demgegenüber fand der wirkliche Reproduktionszusammenhang mit den feststehenden Industrieanlagen, den Infrastruktureinrichtungen etc. kaum Beachtung.

Nun weist das in den Vordergrund gerückte Finanzkapital weder eine territoriale noch eine sektorale Differenzierung auf. Die Globalisierungsdebatte hat es entsprechend als eine weitgehend homogene Größe, als einen „globalisierten Finanzblock“ (Biermann/Klönne), als ein “kapitalistisches Weltsystem“ ohne territoriale Bindung (Soros, Hardt/Negri) charakterisiert. „Die Welt ist eins“ - so haben Hans-Peter Martin und Harald Schumann in ihrem mehrfach aufgelegten populären Buch „Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand“ die finanzkapitalistische Globalisierung auf eine einfache Formel gebracht.

Aus der Vorstellung vom Finanzkapital folgt als Konsequenz die Globalisierungsthese. Danach entsteht eine „neue Internationale des Kapitals“ mit dem Finanzkapital als „Kraftzentrum der Globalisierung“ (Martin/Schumann). „Die simulative Geisterakkumulation des Spekulationskapitals reguliert nicht nur die Warenströme nach ihren Geisterbedürfnissen; sie ist auch logischerweise das Zentrum der Globalisierung, weil sie in einem weitergehenden Sinne als die reale Warenproduktion unmittelbar global sein kann.“ (Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus, S. 753) Die globalisierten Finanzmärkte würden zu Richtern und geschworenen jeder Wirtschaftspolitik, ein Sonderweg sei nun nicht mehr möglich. Die Nationalstaaten lösen sich tendenziell auf oder bestehen schon gar nicht mehr: „Und auch der Nationalstaat hat aufgehört zu existieren“, (Toni Negri, Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, Jan. 2001). An die Stelle einst konkurrierender imperialistischer Staaten tritt das „zentralisierte Empire“ als ein der globalisierten Welt entsprechendes abstraktes Machtmonopol. „In diesem glatten Raum des Empire gibt es keinen Ort der Macht – sie ist zugleich überall und nirgends. Das Empire ist ein ou-topia, oder genauer: ein Nicht-Ort“. (Hardt/Negri, Empire, S. 202)

Es ist schon erschreckend, welche theoretischen Konsequenzen gezogen werden. Ein neues Stadium des Kapitalismus hat man wieder einmal verkündet, diesmal als eine Art „Ultraimperialismus“, getragen von einem weltweit und einheitlich operierenden Finanzkapital. Dabei werden weder die aktuellen Entwicklungstendenzen systematisch analysiert, noch werden diese in einen historischen Zusammenhang gestellt. Man bemüht sich nicht um eine Klärung der Begriffe. Tendenzen mit nur temporärer Bedeutung werden nicht nur bruchlos in die Zukunft verlängert, man vernachlässigt zudem Gegentendenzen, so dass sich die Debatte notwendig in Widersprüchen verwickelt und ihr schwerwiegende Fehleinschätzungen unterlaufen. Näheres dazu habe ich an anderer Stelle ausgeführt. (Guenther Sandleben, Nationalökonomie & Staat. Zur Kritik der Theorie des Finanzkapitals, VSA-Verlag 2003)

Dass selbst „gestandene“ Autoren zum Träger einer derart vulgären Globalisierungsdebatte werden konnten, belegt ihre Orientierungslosigkeit. Ihnen fehlt die Einsicht in die modernen kapitalistischen Verhältnisse. Sie scheuen davor zurück, die gesellschaftlichen Formen, insbesondere die Formen des Kapitals gründlich zu analysieren. Kapital gilt ihnen dann entweder als Ding, als produziertes Produktionsmittel, das dann in irgendwelchen Netzwerken auf geheimnisvolle Art “deterritorialisiert” und damit globalisiert wird, oder aber das Kapital wird oberflächlich in der verdrehten Gestalt eines schon in sich selbst widersprüchlichen Finanzkapitals wahrgenommen. Ihre eigene Begriffslosigkeit macht sie anfällig für allerlei Modeströmungen, die gewöhnlich aus der bürgerlichen, angelsächsischen Diskussion stammen und dann hier begierig aufgesogen und durch weitere Einfälle modifiziert werden.

Kaum hat man das Ende des Nationalstaats proklamiert, beweisen gerade diese als Tod geglaubten Nationalstaaten auf spektakuläre Weise ihre Eigenständigkeit und zeigen wie vor hundert Jahren ihre imperialistischen Muskeln. Die These vom „glatten Raum des Empires“ erweist sich mit dem Überfall auf den Iraks und den damit einhergehenden Spannungen zwischen den USA und dem „alten Europa“ als geradezu peinliche Fehleinschätzung. Angetrieben von ihren jeweiligen „nationalen Kapitalen“ stehen die Staaten in vorderster Reihe, wenn es um die Aufteilung der Ölquellen, um die Milliardenschweren Aufträge oder um die politischen Einflusssphären im Mittleren Osten geht. Der US-Staat mischt sich mit Konjunkturprogrammen wieder stärker in seine Wirtschaft ein, praktiziert entgegen der Auffassung von einer „neoliberalen Globalisierung“ eine handfeste keynesianisch geprägte nationale Wirtschaftspolitik, behindert ausländische Konkurrenz, hebt zur Stärkung der inneren Sicherheit demokratische Rechte auf, stachelt zum Nationalismus an, intensiviert seine Geheimdienstorgane und bereitet sich mit gewaltigen Rüstungsprogrammen auf weitere Kriege vor. Europäische Nationalstaaten fühlen sich herausgefordert, eine Aufholjagd zeichnet sich in der Kriegsproduktion ab.

Es ist der gewandelte Zeitgeist, der der Globalisierungstheorie heute entgegensteht und der das Endstadium einer fruchtlosen Debatte eingeleitet und befördert hat. Zu allem Unglück für die Protagonisten der Globalisierungsthese hat der Zeitgeist zusätzlich das gedankliche Hilfsmittel wegschmelzen lassen. So hat die Aktien-Baisse von Frühjahr 2000 bis März 2003 zu einer Schrumpfung des entsprechenden Finanzkapitals auf weniger als die Hälfte seines Werts geführt. Die etwa von Robert Kurz in den Vordergrund gerückte „simulative Geisterakkumulation des Spekulationskapitals“ hat schlicht den Geist aufgegeben, das behauptete „Zentrum der Globalisierung“ erweist sich bereits durch die Ereignisse an der Aktienbörse als Illusionen. Da man mit Selbstkritik kaum rechnen kann, darf man gespannt sein, welche Skurrilitäten der nächste Modezyklus hervorbringen wird.

Ende der Bescheidenheit: Zur Sozialismus-Debatte in der Kalaschnikow

Die erste Mystifikation besteht in einem Demokratie-Fetisch.

Gemeinsam ist ihnen, daß sie die vorfindliche Demokratie, wie sie als besondere Staatsform einer kapitalistischen Gesellschaft auftritt, von dieser gesellschaftlichen Grundlage abtrennen und in ein allgemein anwendbares Instrument verklären. Die historisch besondere, bürgerlich-kapitalistische Form wird auf diese Weise in den Sozialismus hinein verlängert. Der Unterschied von Sozialismus und Kapitalismus schrumpft zusammen auf ein Mehr oder Minder von Demokratie.

Unzufrieden sollte der Leser mit der bisherigen Sozialismus-Debatte in der Kalaschnikow nicht sein. Eine ganze Reihe von Hinweisen wird er erhalten haben, nicht nur daß eine Änderung des Bestehenden möglich und notwendig ist, sondern auch darüber, wie eine solche Alternative aussehen könnte. Die gedankenlose, spießbürgerlich-satte Zufriedenheit mit der darin eingeschlossenen unerträglichen Selbstgenügsamkeit ist durch die “Waffe der Kritik”, für die der Name Kalaschnikow steht, ins Visier genommen. Dies ist immerhin schon etwas. Was die Trefferquote anbelangt, könnte zwar manches besser sein, einige Treffer sind dennoch gelandet.

Die Zielgenauigkeit wird vor allem durch drei Mystifikationen getrübt:

Demokratie-Fetisch

Die erste Mystifikation besteht in einem Demokratie-Fetisch, besonders hartnäckig vertreten in den Artikeln von André Brie, “Sozialismus im 21. Jahrhundert” (Kalaschnikow 13/1999) und von Winfried Wolf, “Die zehn sozialistischen Gebote” (Kalaschnikow 14/2000). Hier werden gleich zwei Gebote der Demokratie gewidmet. Auch andere Autoren fallen gelegentlich auf den Demokratie-Fetisch herein, wie Nina Hager in ihrem Beitrag “Sozialismus Reform und Revolution” (Kalaschnikow 14/2000), Charly Kneffel in seiner Artikelserie über den Sozialismus (Kalaschnikow 12-14/2000) oder Michael Karnetzki “Von Kleiderbürsten und Säugetieren” (Kalaschnikow 15/2000).

Sozialismus = Lebenswelt heutiger Parlamentarier?

Gemeinsam ist ihnen, daß sie die vorfindliche Demokratie, wie sie als besondere Staatsform einer kapitalistischen Gesellschaft auftritt, von dieser gesellschaftlichen Grundlage abtrennen und in ein allgemein anwendbares Instrument verklären. Die historisch besondere, bürgerlich-kapitalistische Form wird auf diese Weise in den Sozialismus hinein verlängert. Der Unterschied von Sozialismus und Kapitalismus schrumpft zusammen auf ein Mehr oder Minder von Demokratie. “Sozialismus heißt: umfassende Demokratie. Heißt: Erweiterung der Demokratie im politischen Raum…Demokratie darf nicht am Werkstor enden.” (Winfried Wolf) Überall wird die Notwendigkeit von Abstimmungen, Wahlurnen, Parlamenten etc. gesehen. Alles soll einer Abstimmungsmaschinerie unterworfen werden: Staatsangelegenheiten, Justiz, Unternehmensleitungen, Produktionsziele, Allokationsentscheidungen, erforderliche Umweltschutzmaßnahmen, Wahl der Transportsysteme etc. Bevor eine Maschine in Betrieb gesetzt wird, zuerst die Wähler oder das Parlament befragen, die U-Bahn erhält ein neues Bremssystem - der Wähler muß entscheiden. Überall entstehen demokratische Blockaden des Reproduktionsprozesses. Die Lebenszeit der Menschen wird durch Wahlen, Kontrolle der Gewählten sowie durch Diskussionen über allen möglichen Kram verschwendet - ganz im Zentrum thronen die Parlamentarier und die gekürten Regierungen. Die beschränkte Lebenswelt heutiger Parlamentarier, einschließlich der zu kurz gekommenen, wird zur sozialistischen Lebenswelt verallgemeinert.

Ulrich Weiß: Parlamente stehen einer Emanzipation entgegen

Ulrich Weiß hat in seinem Beitrag “Sozialismus - was ist das?” den Staat samt seiner demokratischen Form entmystifiziert, den bitteren Kern dieser “übernatürlichen Fehlgeburt der Gesellschaft” kritisch herausgearbeitet. Seiner Auffassung nach läßt sich der Staat als mit dem Kapitalismus verbundene Herrschaftsform nicht in den Sozialismus hinein verlängern. ”Die politischen Instrumentarien der bürgerlichen Gesellschaft, der Parlamentarismus und die auf Macht gerichteten Parteien transformieren selbst die basisdemokratische Bewegung, das breiteste emanzipatorische Engagement in ihr Gegenteil.” (Kalaschnikow 13/ S. 125) Deshalb kann die Selbstverwaltung, wie Weiß bemerkt, “nur durch Aufhebung von Lohnarbeit und durch die Lostrennung allgemeiner Aufgaben vom Staat, also durch die Funktionslosigkeit des Staates, also durch dessen Aufhebung Wirklichkeit werden.” (Kalaschnikow 13/S. 122) Im Sozialismus verschwinden Staatsgewalt und mit ihr die demokratischen Herrschaftsformen; an die Stelle der Regierung über Personen und Klassen tritt, wie der klassische Sozialismus klar formuliert hat, “die Verwaltung von Sachen und die Leitung der Produktionsprozesse.”
Es ist keineswegs zufällig, daß diejenigen in der Sozialismus-Debatte, welche die Demokratie verewigen wollen, dies auch mit dem Markt und den darin eingeschlossenen Geld- und Eigentumsverhältnissen vorhaben.

2. Marktfetisch: Kritik marktsozialistischer Auffassungen von Brie, Wolf u.a.

Die zweite Mystifikation betrifft die Existenz von Märkten. “Den Markt als effektives Regulierungsinstrument zu begreifen”, schreibt Brie in Kalaschnikow 13/ S. 114, “heißt weder, ihn in seiner kapitalistischen Daseinsform zu bewahren, noch die Ambivalenz des Marktes zu mißachten. Die Mächte des Marktes (…) sind riesig, und ungezügelt sind sie zerstörerisch.” Winfried Wolf will, daß nur die “großen Ressourcen der Gesellschaft nach einem gesellschaftlichen Plan eingesetzt werden. Dies den anonymen Markt zu überlassen, fördert Vergeudung und falsche Allokation…Angebot und Nachfrage sind sinnvolle Kriterien für überschaubare Sektoren.” (Kalaschnikow 14/ S. 106)
Auf den Markt, auf “Angebot und Nachfrage”, will man also nicht verzichten; der Markt muß nur gezügelt werden, um dem Sozialismus als “effektives Regulierungsinstrument” zu dienen.

Voraussetzungen des Marktes:

Woraus gewinnt der Markt aber diese geheimnisvolle, organisatorische Macht, was sind seine Voraussetzungen? Unterstellt ist mit dem Markt die Existenz von Angebot und Nachfrage, also Warenangebot auf der einen Seite, zahlungsfähiges Bedürfnis danach auf der anderen. Beides kann sich erst nach vollendeter Produktion treffen. Der Markt entscheidet post festum über den gesellschaftlichen Charakter der Produktion, indem die Ware einen Käufer findet, der sie gebrauchen kann. Ausschlaggebend für den gesellschaftlichen Charakter der in der angebotenen Ware enthaltenen Arbeit ist immer die Nachfrageseite, d.h. das Geld, das die Ware anzieht.

…besondere gesellschaftliche Form der Arbeit…

Anders herum gesagt: Würde die Arbeit bereits in der Produktion unmittelbar gesellschaftlich sein, wäre also zugleich der gesellschaftliche Charakter der Produktion vorausgesetzt, dann könnte eine gesonderte gesellschaftliche Vermittlung durch den Markt überhaupt nicht stattfinden; die Arbeit wäre von vornherein Glied der allgemeinen Produktion, und müßte nicht erst durch das in Form der Nachfrage auftretende gesellschaftliche Bedürfnis im nachhinein dazu gemacht werden. Die Existenz des Marktes, also die von der Produktion getrennte, gesonderte Vermittlung von Angebot und Nachfrage setzt demnach unabhängig betriebene Privatarbeiten und keine unmittelbare gesellschaftliche Arbeit voraus; der Markt beruht auf Verhältnissen, die dem Sozialismus entgegengesetzt sind.

…Privateigentum…

Wenn Brie, Wolf u.a. meinen, den Markt in den Sozialismus hinein verlängern zu müssen, dann treten sie für die Fortexistenz selbständiger Privatwirtschaften ein. Natürlich ist damit zugleich die Beibehaltung des Privateigentums unterstellt. Auf dem Markt, im Tauschprozeß der Waren, müssen sich die Warenbesitzer wechselseitig als solche Privateigentümer anerkennen, indem sie ihre Waren tauschen.
Die Marktsozialisten betonen die Regulierungsfunktion des Marktes, der durch eine “unsichtbare Hand” (Smith) geleitet, die Ressourcen dorthin fließen lasse, wo sie am meisten benötigt würden. Hinter dieser geheimnisvollen organisierenden Macht steht die Wanderungsbewegung des Kapitals, das sich einerseits auf die Produktionszweige mit den höchsten Profitraten wirft, andererseits die mit geringster Profirate meidet und über eine entsprechende Marktpreisbewegung tendenziell für einen Ausgleich sorgt. Die hier bewunderte Allokationsfunktion des Marktes faßt sich in dem Gesetz vom Ausgleich der Profitraten zusammen.

…Kapital und Lohnarbeit

Unterstellt sind also auch noch Profite und eine von allen Schranken befreite Kapitalbewegung, wodurch der von den Lohnarbeitern produzierte Profit auf die Kapitale entsprechend ihrer Größe verteilt wird. Die Bewunderung der Allokationsfunktion der Märkte ist nur eine oberflächliche, ideologisch vernebelte Bewunderung des bestehenden Kapitalismus.
Der Markt als scheinbar harmlos daher kommendes “effektives Regulierungsinstrument” beinhaltet also nicht weniger als die Beibehaltung der bestehenden Produktionsverhältnisse.

Quellen der Mystifikationen

Leider werden diese gesellschaftlichen Voraussetzungen des Marktes durch die Marktverhältnisse selbst mystifiziert. Der besondere gesellschaftliche Charakter der zunächst privat verausgabten Arbeit tritt nämlich verschlüsselt als Gegenständlichkeit, als eine Natureigenschaft von Dingen auf, an der scheinbar selbst eine sozialistische Gesellschaft nichts ändern kann. Eine solche Gegenständlichkeit ist die Konsequenz aus der Tatsache, daß die Arbeit ihren gesellschaftlichen Charakter erst dann erhält, nachdem das Arbeitsprodukt vorliegt, die Arbeit sich also darin vergegenständlicht hat. Die geronnene, vergegenständlichte Arbeit kann ihre Gesellschaftlichkeit nur auf gegenständliche Weise, d.h. in sachlicher Form ausdrücken. Sie erscheint im Körper einer anderen Ware, die schließlich als Geld ausgesondert wird und durch Wertzeichen ersetzt werden kann. Diese sachlich verschlüsselte und damit mystifizierte Form der gesellschaftlichen Arbeit bildet als Preisform eine wichtige Bestimmung der Ware.
Quelle der Mystifikation ist nicht die Vergegenständlichung der Arbeit, die eine ganz selbstverständliche Tatsache eines jeden Arbeitsprozesses bildet, sondern die historisch besondere gesellschaftliche Form warenproduzierender Arbeit. Diese Form stellt sich dar erstens als Preis der Ware, zweitens als Geld und drittens als Koordinationsmechanismus von Warenangebot und (kaufkräftiger) Nachfrage. Ware, Geld und Markt sind in dieser verdinglichten Gestalt gegeneinander verselbständigt. Alle Arbeitsprodukte scheinen von Natur aus einen Preis zu haben, bilden also immer schon Waren, das Geld erscheint als ein von der Ware getrenntes, unverzichtbares Zirkulations- und Zahlungsmittel aller Ökonomien und schließlich verliert der Markt alle gesellschaftlichen Bestimmungen und wird zu einem bloß äußerlichen Allokationsinstrument, das dann alternativ zum Plan eingesetzt werden kann.

Marktsozialisten im ordoliberalen Gewand

Ein solcher Reduktionismus des Marktes liegt der neoliberalen Ordnungstheorie zugrunde, die interessanterweise nun den Rahmen der marktsozialistischen Auffassungen bildet. Unter Abstraktion von allen Produktionsverhältnissen macht z.B. Walter Eucken die Art der Ressourcenallokation zum konstitutiven Merkmal einer Wirtschaftsordnung, wobei die am Grundtyp “freie Verkehrswirtschaft” ausgerichtete Wirtschaft ökonomisch effektiver sein soll als eine mehr “zentralgeleitete Verwaltungswirtschaft.”
Euckens Konstruktion der Wirtschaftsordnungstypen unterstellt alle möglichen Übergangsformen zwischen den beiden polaren ORDO-Typen - ein Gradualismus, der nun auch bei dem Marktsozialismus anzutreffen ist.

3. Gradualismus

Die instrumentelle Sichtweise von Demokratie und Markt kennt keine gesellschaftlichen Brüche und Revolutionen mehr, da alles Neue nur in einem geänderten Mischungsverhältnis bereits vorhandener Ordnungselemente existiert.

Sozialismus = mehr Demokratie + weniger Markt
Durch den Reduktionismus auf Demokratie und Allokation werden sämtliche übrigen Fragen über die Differenz von Kapitalismus und Sozialismus, wie die Eigentumsfrage, die Klassenfrage, oder Fragen nach dem Inhalt einer sozialistischen Emanzipation ausgeblendet. Was als Unterschied nur noch gefaßt werden kann, besteht in einer unterschiedlichen Verbreitung von Demokratie bzw. in einer unterschiedlichen Intensität staatlicher Regulierung, also in einem Gradualismus der Staatsintervention. Keynesianisch dominierte Wirtschaftspolitik und mehr “Mitbestimmung” erhalten den Schein des Sozialismus, wie umgekehrt eine neoliberale Wirtschaftspolitik, die den Staatsinterventionismus einschränken will, als Kapitalismus ausgewiesen wird. Es entspricht daher ganz der Logik solcher Markt-„Sozialisten“, den Kampf gegen den Neoliberalismus in einen antikapitalistischen Kampf für den Sozialismus zu verdrehen.

David Tiger: „Brie will nur das, was leider noch da ist“

Die bürgerliche Ausrichtung solcher Sozialismuskonzepte blieb in der Kalaschnikow nicht unwidersprochen. Vor allem die Auffassungen von Brie, welche da am weitesten gehen, haben kritische Stellungnahmen provoziert. Nina Hager hofft durch Rückgriff auf die Luxemburgische Bernstein-Kritik die Frage zu klären, wie Brie das Verhältnis von Kontinuität und Bruch auffaßt. Dieser gut gemeinte Klärungsversuch unterstellt einen auch wirklich vorhandenen qualitativen Unterschied von Sozialismus und Kapitalismus, den es bei Brie nicht gibt. Ihm geht es nicht mehr um eine alternative Gesellschaftsformation sondern dem Kern nach um ein Mehr oder Weniger an keynesianischem Interventionismus und Demokratie.
Auf ein solches “sozialdemokratisches Politikmuster” hat Willi R. Gettél in seinem Artikel “Sohn seiner Klasse” (Kalaschnikow 14/2000) zwar richtig hingewiesen, ohne aber die innere Logik des Brieschen Ansatzes erkannt zu haben. Näher am Kern ist da schon David Tiger, wenn er in seiner Kritik, die den treffenden Titel trägt “Weniger Phantasie kann es nicht geben” (Kalaschnikow 14/2000) den “Hang zur Trostlosigkeit” beklagt und dafür den in der Brieschen Argumentation fehlenden “Gegensatz von Kapitalismus und Kommunismus” anführt. Der bürgerliche Horizont wird nirgends überschritten; Brie will, wie Tiger spöttisch bemerkt, “konsequent nur das, was leider noch da ist.”

Zu einigen Treffern der Sozialismus-Debatte

Einige bemerkenswerte Erkenntnisse hat die Sozialismus-Debatte trotz aller Nebelbildungen dennoch hervorgebracht. Die nachfolgenden Punkte, die aus der bisherigen Sozialismus-Debatte der Kalaschnikow unter der Form der Kritik herausdestilliert werden, sollten Anknüpfungspunkte einer weiterführenden und vertiefenden Diskussion bieten.

4. Eigentum und Aneignungsweise

In den marktsozialistischen Diskussionsbeiträgen von André Brie und Winfried Wolf kann die Eigentumsfrage durch den Reduktionismus ihrer Ordnungstheorie auf Markt und Demokratie keine eigenständige Rolle spielen.

Brie/Wolf: Verbeugung vor dem Privateigentum

Brie führt deshalb die “Pluralität von Eigentumsformen” (Kalaschnikow 13/S. 114) lediglich als Korrekturmittel gegen die zu zähmenden Marktkräfte an, vergleichbar mit der Steuerpolitik, die er in diesem Zusammenhang auch erwähnt. In Winfried Wolfs zehn sozialistisch Geboten taucht die Eigentumsfrage gar nicht erst auf. Verschämt versteckt Karnetzki seine “Überzeugung”, daß das “Privateigentum an Produktionsmitteln überwunden werden muß” (Kalaschnikow 15/ S. 86) in einen Nebensatz. Konsequenzen werden daraus dann auch nicht mehr gezogen.
Nina Hager rückt die “Macht- und Eigentumsfrage” endlich ins Zentrum, ohne deren Lösung “revolutionäre Brüche” in Richtung Sozialismus unmöglich wären. Nach diesem schwungvollen Anlauf, der sie weit über den marktsozialistischen Ordnungsrahmen hinaustreten läßt, scheint sie sich vor ihrer eigenen Courage zu fürchten, vielleicht auch von dem Konflikt mit den vorhandenen Mächten.

Nina Hager: Angriff auf das Privateigentum bleibt ohne Konsequenzen

Sie verfolgt nicht weiter die Eigentumsfrage, fragt nicht nach den Konsequenzen einer Aufhebung des Privateigentums. Zu den verbleibenden “Offenen Fragen”, die sie zum Schluß ihres Artikels formuliert, gehört das Eigentum dann auch schon nicht mehr; sie schlägt eine Rolle rückwärts, thematisiert hauptsächlich innerbürgerliche Abwehrkämpfe gegen Sozialabbau, Rechtsentwicklung und Krieg.
Notwendig wäre eine radikale Kritik des Privateigentums als menschliche Selbstentfremdung gewesen, die darin wurzelt, daß den Menschen der freie Zugang zu der von ihnen erzeugten Welt des Reichtums versperrt wird, daß die vom Menschen erzeugten sachlichen Produktivkräfte als eigene Welt neben den Individuen existieren und somit nicht die Kräfte der Individuen, sondern zunächst die des Privateigentums sind.

Notwendig eine Kritik des Privateigentums als menschliche Selbstentfremdung

In einer solchen Kritik würde es nicht ausreichen, nur die kapitalistische Form des Privateigentums mit der Konsequenz einer dreifachen Entfremdung der Lohnarbeit in Frage zu stellen: das als fremde, unabhängige sachliche Macht auftretende eigene Arbeitsprodukt (der Lohnarbeiter hat sein Leben im Arbeitsresultat vergegenständlicht, das ihm feindlich und fremd als erweiterte Kapitalmacht gegenübertritt und das sich in der Produktion wie ein Vampir an ihn legt, um möglichst viel Mehrwert einzusaugen), die Entfremdung innerhalb der produzierenden Tätigkeit (dies ist eine Konsequenz der ersten Entfremdung vom Arbeitsresultat; die Arbeit gehört dem Kapital, ist Zwangsarbeit, ist also das Gegenteil von Selbsttätigkeit), schließlich die Entfremdung vom gemeinschaftlichen Leben.
Der freie Zutritt zur Welt des Reichtums kann auch von einem allgemeinen Privateigentum versperrt sein. Dies war in den realsozialistischen Ländern der Fall, wo nicht den wirklichen Produzenten, sondern dem Staat die im Reichtum existierenden Produkivkräfte gehörten. In dieser Fremdheit lagen alle weiteren Konsequenzen für die Art des Arbeitens begründet:
Die Arbeit behielt ihren Charakter als Erwerbsarbeit und diente den Arbeitern weiterhin als bloßes Mittel zur Erhaltung ihrer individuellen Existenz. Sie erhielten Lohn, um Lebensmittel zu erwerben. Ihre Arbeitsresultate gehörten nicht ihnen, sondern fielen automatisch dem allgemeinen Privateigentümer zu. Je mehr sie sich ausarbeiteten, um so mächtiger wurde die aus all den angeeigneten Arbeitsresultaten bestehende fremde, gegenständliche Welt. Die Gemeinschaft blieb eine Gemeinschaft fremd bestimmter Arbeit, worin das produktive, gemeinschaftliche Leben zum Mittel das individuelle Leben verkümmerte. Dem produktiven Leben fehlte die Selbsttätigkeit, dem Freizeitleben die produktive, gesellschaftliche Seite. Beides blieb dann schal, langweilig eintönig, roh.

David Tiger: Freier Zugang zu allen Produktionsstätten - Ende des Privateigentums

Die radikale Kritik des Privateigentums als menschliche Selbstentfremdung bildet in dem Artikel “Kapitalismus - Kommunismus ein ignorierter Gegensatz” (Kalaschnikow 14/2000) von David Tiger den selbstverständlichen Ausgangspunkt. “Man stelle sich vor, alle DDRler hätten den möglichsten freien Zugang gehabt zu allen Produktionsstätten, also freie Wahl der Tätigkeit mit der Gelegenheit zum reichlichen Wechsel dieser Tätigkeit.” (Kalaschnikow 14, S. 96) Diese in letzter Konsequenz ausgesprochene Kritik des Privateigentums beinhaltet die Aneignung aller sachlichen Produktivkräfte, wie sie etwa als Industrie oder Landwirtschaft vorhanden sind.
Die Aneignung bestimmt sich nach dem Gegenstand und den aneignenden Individuen. Aufgrund des universellen Charakters der Produktivkräfte kann nur eine große Anzahl von Produktionsinstrumenten unter jeden Produzenten und das Eigentum muß unter alle subsumiert werden, was das Ende des Privateigentums bedeutet.

5. Freie Assoziation der Produzenten

Die Kritik des Privateigentums ist demnach zugleich Kritik der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit. Sie ist erstens Kritik der besonderen Art der Gesellschaftlichkeit, insbesondere des durch den Markt gesetzten gesellschaftlichen Charakters der Arbeit. Die Kritik hat als Konsequenz eine Gemeinschaftlichkeit, die der Produktion als Grundlage vorausgesetzt werden muß.
Die Kritik des Privateigentums ist zweitens Kritik der Zwangsverhältnisse in der Organisation der Arbeit, wodurch die Produzenten unter eine ihnen vorausgesetzte, fremde Macht geraten, unter die Arbeitsteilung subsumiert werden, statt daß sie umgekehrt die vorhandenen sachlichen Bedingungen ihrer vereinigten Macht unterwerfen. Sie werden von den staatlichen oder privaten Eigentümern für fremde Zwecke benutzt, sind also nicht Herren ihrer eigenen Arbeitsbedingungen.
Diese doppelseitige Kritik des Privateigentums mündet in der Forderung nach Herstellung einer freien Assoziation der Produzenten: Assoziation hebt die Gemeinschaftlichkeit hervor, die der Produktion vorausgesetzt sein muß, frei steht für die Beseitigung der Fremdheit, der Knechtschaft, sowohl in ihrer kapitalistischen als auch staatlichen Gestalt.
André Brie, Winfried Wolf und letztendlich auch Michael Karnetzki und Nina Hager halten mehr oder weniger an der mit dem Privateigentum verbundenen Zwangsorganisation heutiger Arbeit fest. Nirgends wird über diesen Rahmen wirklich hinaus gedacht, wird die Möglichkeit in Erwägung gezogen, daß die in der Produktion vereinten Menschen als Herren ihrer eigenen Arbeitsbedingungen auftreten könnten. Der gesellschaftliche Zusammenhang bleibt in seiner Äußerlichkeit und Fremdheit bestehen.
Demgegenüber wird bei David Tiger die freie Assoziation als Grundlage, als Voraussetzung einer neuen Produktionsweise als Selbstverständlichkeit unterstellt, wenngleich nicht näher ausgeführt.
Ausführlich geht Ulrich Weiß auf die, wie er sie nennt, “Selbstverwaltung freier Assoziationen” ein. Der Sozialismus besteht seiner Meinung nach aus einem Netz solcher Selbstverwaltungen, das nach und nach, also bereits unter heutigen Bedingungen, durch immer weitere Assoziationen, durch “emanzipatorische Bewegungen” und “runde Tische” geknüpft werde.

Kritik des Selbstverwaltungs-Sozialismus von Ulrich Weiß

Vor dem historischen Hintergrund gescheiterter Selbstverwaltungsprojekte etwa in der Form der Genossenschaften muß eine solche Vorstellung als unerreichbare Utopie erscheinen. Ulrich Weiß bringt diese Kritik in einem “Kurzen Disput über die Unmöglichkeit der Selbstverwaltung” selbst vor. Früher sei dies tatsächlich unmöglich gewesen, weil die fordistische Produktionsweise noch mit partieller Emanzipation vereinbar gewesen wäre, Entwicklungsblockaden noch innerkapitalistisch aufgebrochen worden sind. Aufgrund solcher systemimmanenter Entwicklungspotentiale hätte die Selbstverwaltung keinen Schritt weiter kommen können.
Mit der heutigen Krise der tayloristisch-fordistischen Fertigungsweise seien nun aber die “zivilisatorischen Potenzen der bürgerlich-kapitalistischen Epoche ausgeschöpft”; die Selbstverwaltungen müßten nun zum Träger der zivilisatorischen Potenzen werden.
Scheiterten die früheren Assoziationen reihenweise an der eigenen Begrenztheit und der darin eingeschlossenen ungenügenden Produktivität, scheint Ulrich Weiß nun umgekehrt vom Scheitern der kapitalistischen Unternehmen infolge einer blockierten Produktivkraftentwicklung überzeugt zu sein. Nicht mehr die Selbstverwaltungen reproduzieren alle Mängel des kapitalistisch Systems, sondern umgekehrt: die freie, nicht mehr durch die Lohnform bestimmte Arbeit der Assoziation zersetzt die kapitalistisch Form der Produktion.
Wieso sollen neue Technologien und die damit einhergehenden Produktivitätsfortschritte nicht auch in Zukunft von den kapitalistischen Unternehmen angewendet werden? Ein Stillstand der Produktivkraftentwicklung würde ganz dieser Produktionsweise widersprechen, die in der Umwälzung der Produktivkräfte ihr Mittel zur Steigerung der relativen Mehrwertproduktion findet. Ständig besteht die Tendenz zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität, um durch Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit, wie sie sich in der Lohnhöhe niederschlägt, die Mehrarbeitszeit und damit den Mehrwert bzw. den Profit zu steigern.
Die ganze Kraft dieses Gesetzes der relativen Mehrwertproduktion illustriert die gegenwärtige, stürmisch-vorwärtsschreitende Entwicklung der Informations-, Telekommunikations- sowie der Biotechnologie. Die kapitalistisch Unternehmen sind da keineswegs durch irgend welche unüberwindliche “Entwicklungsblockaden” gelähmt, stehen ganz und gar nicht abseits und müssen zuschauen, wie die Selbstverwaltungen das große Rad des Produktivkraftfortschritts drehen, müssen nicht um ihr Überleben fürchten. Ganz im Gegenteil: Die Unternehmen stehen nicht nur mitten drin, sie sind durch ihre kapitalistische Bestimmung die notwendigen Träger des Prozesses. Entgegen der Voraussagen von Ulrich Weiß spielen in diesen Sturm- und Drangperioden die Selbstverwaltungen nicht nur keine exklusive, sondern überhaupt keine Rolle.
Könnte aber nicht, wie Ulrich Weiß noch zu hoffen scheint, die Selbstverwaltung durch bessere Nutzung der schöpferischen Arbeit günstigere Entwicklungschancen haben? Für das industrielle Zeitalter besteht Grund zur gegenteiligen Annahme! In der großen Industrie ist die Produktion des Reichtums weniger von der unmittelbar angewandten, lebendigen Arbeit, als vielmehr von der Maschinerie abhängig, die als gewaltiges Arbeitsmittel zwischen den Produzenten und dem Arbeitsresultat steht. Die Hoffnung auf die produktivitätsbestimmende schöpferische Arbeit gehört der handwerklichen Epoche an, wo für die Produktivkraft das persönliche Geschick tatsächlich ausschlaggebend war.
Die selbstorganisierte, noch überwiegend auf lebendiger Arbeit beruhende Kleinproduktion, wie sie Weiß als Ausgangspunkt der Selbstverwaltung nimmt, dürfte - von wenigen, keinesfalls verallgemeinerbaren Ausnahmen abgesehen - heutzutage ebenso wie in früheren Zeiten der großindustriellen Produktion unterlegen sein wie der mittelalterliche Bogenschütze dem mit Raketen und Bomben ausgestatteten modernen Soldaten. Die Chancen stehen unverändert schlecht, daß von solchen Selbstverwaltungen, wie Ulrich Weiß hofft, ”praktisch die Auflösung von Kapital und Staatsherrschaft” ausgehen könnte. Ihre Aneignungsweisen werden solange beschränkt und damit borniert bleiben, bis die Menschen die sachlichen Produktivkräfte insgesamt vom Privateigentum befreien und sie zu ihren unmittelbaren universellen Kräften werden lassen.

6. Befreiung der Arbeit

Heutzutage bilden Arbeit und Lebensgenuß einen prinzipiellen Gegensatz: Die Arbeit ist Erwerbsarbeit. Sie vollzieht sich in aller Regel als Lohnarbeit unter fremden Bedingungen und für fremde Zwecke, sie reduziert das Individuum auf eine Teilfunktion, ruiniert seinen Körper und Geist und erfordert dann weitere “Reparaturarbeiten”. Wenn der Mensch arbeitet, gehört er nicht sich selbst, sondern anderen. Unter der Knute des Privateigentümers besitzt er keine Chance, seine Lebenstätigkeit zu genießen. Entsprechend schal und leer ist die Freizeit, die nur kindische, ermüdende oder gar brutale Genüsse zuläßt. Abgetrennt von der produktiven Tätigkeit und ihrem eigentlichen Inhalt, bemüht man sich dann darum, den ansich inhaltslosen Tätigkeiten wenigstens die Illusion eines Inhalts zu geben.
Muß dieser Gegensatz von Arbeit und Lebensgenuß auch in einer zukünftigen Gesellschaft fortexistieren oder besteht die Möglichkeit, daß die Trennung überwunden wird, indem die Arbeit den Genuß in sich aufnimmt und ihn durch die produktive Seite bereichert?
In der Sozialismus-Debatte der Kalaschnikow finden sich dazu drei mehr oder weniger klar umrissene Positionen:

Arbeit als ewige Last

Eine erste Gruppe (Brie/Wolf/Karnetzki/Hager) geht prinzipiell von der Fortexistenz des Lastcharakters der Arbeit aus, wie er heutzutage in Form der Lohnarbeit anzutreffen ist. Die kapitalistische Seele der fremdbestimmten Arbeit ist dabei als ewig gültige Notwendigkeit jeglichen Arbeitens unterstellt. In ihrer Phantasielosigkeit können sich die Autoren nur solche Änderungen vorstellen, die bereits zum Alltag gehören und nur in die Zukunft hinein verlängert werden müssen.

Ulrich Weiß: Eine technologische Utopie der Arbeit

Die zweite Position vertritt Ulrich Weiß. Er hat eine Vorstellung davon, daß Arbeit zugleich Genuß bedeuten kann, sich beides also als höhere Lebenstätigkeit miteinander vermählt. Wie es dazu kommt, wird nicht klar gesagt. Einerseits scheint einer Befreiung der Arbeit die kapitalistische Form des Produzierens entgegenzustehen, die deshalb zu beseitigen wäre. Andererseits wird auf einen technologischen Automatismus vertraut: Der unmittelbare Produzent, der in der fordistischen Produktion eine Lücke in der Maschinerie ausgefüllt habe, könnte nun dank der Elektronik aus diesen “knechtenden Verhältnissen heraustreten und frei tätig werden” etwa in den Bereichen des Dirigierens, Kontrollierens und Entwerfens.
Das Gespür, das Ulrich Weiß hinsichtlich der gesellschaftlichen Formbestimmungen an etlichen Stellen seines Beitrags aufbringt, geht hier an einem zentralen Punkt verloren. Warum sollte ein Mensch an einer Maschine nicht eben solche Freude haben wie ein Bücherwurm, der in modernen Folterkammern der Fitness-Studios seinen vom vielen Sitzen schlaff gewordenen Körper ertüchtigen will? Statt dorthin zu gehen, könnte er produktive Maschinenarbeit als willkommene Abwechselung aufsuchen. Alles hängt von der Organisationsweise der Arbeit ab und nicht davon, ob eine Tätigkeit anstrengend ist. Zur Qual wird sie natürlich immer dann, wenn aus der Maschinenarbeit ein mehrjähriger oder gar lebenslänglicher Maschinenarbeiter wird, der aufgrund einer privat- oder staatswirtschaftlichen Organisationsweise seine Tätigkeit nicht mehrmals am Tag wechseln kann, also nicht z.B. morgens studiert, dann sich körperlich in der Fabrik ertüchtigt und abends diskutiert.
Ulrich Weiß unterscheidet nicht die technische Existenzweise der Maschinerie von ihrer kapitalistischen oder realsozialistischen Anwendungsweise. Das Knechtschaftsverhältnis, das erst durch eine solche spezifische Anwendungsweise entsteht, wird in die Maschine selbst hineingesponnen, die dann den Charakter eines großen Zwangsapparats erhält. Die gesellschaftliche Knechtschaft wird also in eine technisch bedingte Knechtschaft umgemünzt, die entsprechend nur durch neue Technologien ausgeräumt werden kann.
Diese fehlende Unterscheidung zwischen gesellschaftliche Form und Naturform der Maschine macht blind für die Emanzipationsmöglichkeiten der Arbeit, die mit der Maschinerie entstanden sind: Durch die Vereinfachung der Arbeit ist technisch eine personelle Fixierung der einzelnen Funktionen überflüssig und damit ein Wechsel der Tätigkeiten möglich geworden. Daß dies unter heutigen Verhältnissen nur partiell und dazu in gehässigen Formen, verbunden mit Herabstufungen, steigender Arbeitsintensität und Arbeitslosigkeit passiert, hat mit der technischen Seite nichts zu tun.
Während Weiß die Lohnknechtschaft als technisch notwendige Seite der Maschinenarbeit verklärt, werden die Tätigkeiten des Dirigierens, Kontrollierens und Entwerfens ganz aus dem heutigen Zwangsverhältnis herausgenommen: Solche Tätigkeiten, die häufig selbst als besser bezahlte Lohnarbeit verrichtet werden, vollziehen unter kapitalistischen Bedingungen zugleich Herrschaftsfunktionen oder sind an der Organisation des Ausbeutungsprozesses beteiligt, können also kaum als frei bezeichnet werden.
Das Emanzipationspotential vermutet Weiß im kombinierten Charakter dieser Tätigkeiten, die mit wissenschaftlichen Fähigkeiten und Kommunikationsprozessen verbunden wären. Ein aus den “knechtenden Verhältnissen herausgetretener und frei tätiger” Arbeiter ist also jemand, der - statt jahrelang Räder in einer Autofabrik montieren zu müssen - nun seinen Beruf im höherwertigen Dirigieren oder Kontrollieren gefunden hat. Die Argumentation von Ulrich Weiß läuft auf eine romantizistische Reminiszenz einer weniger geteilten handwerklichen Tätigkeit hinaus, hier nur unter der Form einer modernen technologischen Utopie.
Die komplizierten Berufe sind weiterhin Teilarbeiten, die jeden Menschen ruinieren, sobald sie an ihn für längere Zeit befestigt werden. Die vielen vor allem seelischen Krüppel aus der Managerwelt sprechen da eine klare Sprache.
Wie in der heutigen Gesellschaft bleiben die Arbeitsleute mit einer lediglich komplexer gewordenen Tätigkeit unter der Arbeitsteilung subsumiert, so daß auch die Gegensätze, die durch die Existenz von eigenständigen Berufen vorhanden sind, fortexistieren müssen.
Trotz mancher rücksichtsloser Kritik, mit der Ulrich Weiß die bestehenden Verhältnisse attackiert, den Staat abschaffen will und das Kapitalverhältnis in Gestalt der Selbstverwaltungen zu vernichten glaubt, sein Selbstverwaltungs-Sozialismus behält eine Reihe bürglicher Züge vor allem was den Kern angeht, das Verhältnis der Menschen zur Produktion.

Arbeit als Lebensfreude

Dieser Springpunkt aller Emanzipation wird in einer dritten Position ganz in den Vordergrund gerückt. David Tiger hat die kapitalistische Anwendungsweise der Maschinerie und die Chancen, die durch eine Beseitigung dieser Anwendungsform für das produktive Leben eröffnet werden, klar herausgearbeitet: Er vermeidet den Fehler, Lohnarbeit mit Arbeit, die stofflich-technische Seite der Maschinerie mit der kapitalistisch Anwendungsweise oder die Teilarbeit mit dem Teilarbeiter zu vermengen. Mit der Kritik der heutigen Form des Produktionsprozesses legt er alle materiellen Voraussetzungen einer neuen sozialen Ordnung frei, die gerade durch die Maschinerie geschaffen worden sind:
“Der universell produzierende Mensch ist mehr und mehr Produktionsbedingung der großen Industrie, die heutzutage die große Masse des materiellen Reichtums liefert.” (Kalaschnikow 14/S. 94ff) Die heutige Organisationsweise der Arbeit schaffe aber die Tendenz, die vereinfachten Funktionen des Arbeitsprozesses in ausschließliche Tätigkeiten der arbeitenden Individuen zu verwandeln. Die Arbeit werde einfacher, aber durch die Personifizierung der Teilarbeit für ihre Träger immer inhaltsleerer und qualvoller.
“Wenn die Sklavenarbeit unproduktiv wurde in dem Augenblick, in dem die Produktivkraft der Arbeit mehr als rohe Kraftanstrengungen verlangte, so war die Lohnarbeit technisch überholt, als das variable Arbeitsvermögen Produktionsbedingung wurde.” Der Sozialismus wird eine ökonomische Notwendigkeit, um alle Hindernisse auszuräumen, die der Kapitalismus der Reichtumsproduktion entgegenstellt.

Marxsche Kritik als notwendiger Ausgangspunkt einer Sozialismus-Debatte

Die gedankliche Auflösung der Arbeit in Selbsttätigkeit, d.h. die Befreiung der Arbeit aus allen Beschränkungen, die das Privateigentum schafft, setzt eine klare Unterscheidung von gesellschaftlichen Formbestimmungen und der materiell-technischen Seite des Arbeitsprozesses voraus. Marx ist in dieser Unterscheidung am weitesten gegangen. Ausgehend von der Analyse der Ware weist er alle gesellschaftlich-spezifischen Formbestimmungen nach, die Warenform, Geldform, Kapitalform usw. und schält sie aus ihrer Verquickung mit den gegenständlichen Formen heraus. Hierdurch wird die heutige Form der Produktion als historisch-besondere, die zu beseitigen ist, charakterisiert. Hinter dieser Form blitzt als reale Möglichkeit und mehr und mehr als Notwendigkeit die Befreiung der Arbeit hervor. Hieran wäre in einer weiterführenden Sozialismus-Debatte anzuknüpfen.

7. Verkürzung der Arbeitszeit

Die unzureichende Erfassung der gesellschaftlichen Formbestimmungen führt auch bei der Behandlung der Arbeitszeitverkürzung zu einer oberflächlichen Sichtweise.

Zur Kritik des „Teilzeit-Sozialismus“

Aus der Tatsache, daß die Produktivkraftentwicklung eine Verkürzung der in den Waren enthaltenen Arbeitszeit bedeutet, wird vorschnell eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung gefolgert. Dabei wird übersehen, daß heutzutage technischer Fortschritt ein Mittel der Mehrwertproduktion ist, nicht aber den Lebensbedürfnissen der Produzenten dient. Widersprüchliche Entwicklungen treten zutage: Statt die Arbeitszeit allgemein zu verkürzen, führt die kapitalistische Anwendung zu Überarbeit, statt den Reichtum zu mehren, kommt es zu Arbeitslosigkeit und Verarmung, statt die Arbeitsbedingungen zu verbessern, steigen Arbeitsintensität und Unsicherheit. Die technischen Möglichkeiten einer Arbeitszeitverkürzung verkehren sich in ihr Gegenteil.

Verteilung der Arbeit auf alle Hände

Wird auf der einen Seite die technisch mögliche Arbeitszeitverkürzung als real existierende Tendenz vorgetäuscht, so wird andererseits die technisch mögliche Auflösung der Massenarbeitslosigkeit durch Verteilung der vorhandenen Arbeit auf alle arbeitsfähigen Hände gar nicht erst in Erwägung gezogen. André Brie, Winfried Wolf oder Michael Karnetzki kommen auf diese einfache Verteilung der Arbeit deshalb nicht, weil sie die Massenarbeitslosigkeit als natürliches, ewig gültiges gesellschaftliches Ereignis betrachten.
Unter der Bezeichnung “Sozialismus” wird jeder mögliche Sozialklimbim erfunden, um das schändliche Problem der Arbeitslosigkeit auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse zu entschärfen. Karnetzki u.a. gilt dieser Schandfleck gar als Grundlage des “Teilzeit-Sozialismus”, wo die Arbeitslosen - kaserniert in einem “Dritten Sektor” - durch allerlei Betreuungsarbeiten ruhig zu stellen sind.

Einsparung überflüssiger Arbeiten - Was aber ist „überflüssig“?

Zu einer interessanten Überlegung setzt Winfried Wolf an, wenn er durch Beseitigung “gesellschaftlich nicht sinnvoller, vermeidbarer oder gar zerstörerischer Arbeiten” eine Verkürzung der Arbeitszeit ins Auge faßt. Welches Auswahlkriterium legt er aber zugrunde bei der Aussonderung ganz verschiedener Bereiche wie Werbung, privates Fernsehen, Internet, mobile Kommunikation, Atom- und Gentechnologie, Rüstungsproduktion etc.? Die Auswahl wird zu einer Sache seines eigenen Geschmacks.
Auch hier fehlt wieder die Formbestimmung, die in einer Sozialismus-Debatte doch ganz im Vordergrund stehen müßte. Denn kann die neue Welt in ihrem Anfangsstadium etwas anderes sein als die alte Welt unter Beseitigung der alten Formbestimmungen und auf der Grundlage einer neuen Gemeinschaftlichkeit in Gestalt der freien Assoziationen? Hätte Winfried Wolf statt des eigenen Geschmacks die kapitalistische Form des Privateigentums als Maßstab gesetzt, dann würde er eine große Anzahl verschiedener, direkter oder mittelbarer Diener des Privateigentums gefunden haben, darunter Rechtsanwälte, Richter, Gefängniswärter, Polizisten, Sozialarbeiter, Politiker, natürlich auch Ideologen allerdings nicht nur des privaten Fernsehens.
Würden solche mühevollen, für das Wohlergehen der Menschen überflüssigen und meist schädlichen Arbeiten eingespart, dann könnte die Arbeitszeit erheblich eingeschränkt werden.

Wie Rentner ihr Leben endlich genießen können

Darüber hinaus gibt es noch Einsparpotentiale, die direkt mit der Befreiung der Arbeit zusammenhängen. Befreit von der Lohnform und auf Grundlage einer freien Assoziation verliert die Arbeit, wie gezeigt, ihren bitteren, leidvollen Charakter. Der Produzent übt für eine kurze Zeit eine bestimmte, durch die Arbeitsteilung festgelegte Teilfunktion aus, ohne lebenslanger Teilarbeiter sein zu müssen. An die Stelle des zerhackten Teilindividuums tritt die total entwickelte Persönlichkeit, für welche verschiedene gesellschaftliche Funktionen einander ablösende Betätigungsweisen bilden. In einer solchen wirklich freien Gesellschaft werden die Menschen ganz ohne Zwang und ohne äußeren Anreiz aus Freude arbeiten. Dies schafft Voraussetzungen für die Einbeziehung aller arbeitsfähigen Personen ins produktive Leben, die heutzutage wegen der unerträglichen Arbeitshetze ausgegrenzt werden, wie z.B. die Rentner. Nicht länger getrennt von der gesamten Lebenstätigkeit, dem eigentlichen Inhalt des Lebens, könnte ihre bislang inhaltslose Freizeitgestaltung mit neuen, produktiven Formen des Genießens bereichert werden.

Diebstahl fremder Arbeitszeit

von Horst Schulz

Für euch gelesen:
Oskar Lafontaine & Christa Müller: “Keine Angst vor der Globalisierung”, Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, Bonn, 1998

“Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden und den Menschen doch das Kostbarste stehlen: Die Zeit” (Napoleon).

Dieser bedeutende Kenner der Materie, der so manchem Soldaten die Lebenszeit geklaut hat, wird nicht gewußt haben, welch eine tiefe Wahrheit er damit zur Sprache brachte.

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Der Raubzug der Manager

von Horst Schulz

Für Euch gelesen:
Jürgen Bruhn, Der Raubzug der Manager
Aufbau-Verlag GmbH, Berlin, 1998

“Manager sind Schweine” - so könnte der Titel des Buches lauten, das da der Herr Bruhn geschrieben hat. Aber das wäre natürlich kein Buchtitel für einen gebildeten Menschen. “Der Raubzug der Manager” ist schon weniger passend, aber auch nicht nur verkehrt. Immerhin trägt der Mann empörende Zahlen und Zahlenverhältnisse zusammen, die jeden Posträuber und jeden Panzerknacker vor Neid erblassen lassen.

Bruhn hat festgestellt, daß die Manager in den Wolkenetagen der großen Konzerne keineswegs von den in den USA so beliebten Lebensmittelmarken sich ernähren, sondern raffen, was es zu raffen gibt. Er liefert uns seinen aufwühlenden Bericht nicht etwa, um uns zu erzählen, warum die sagenhaften Einkommen dieser Leute im umgekehrten Verhältnis zu den Vergütungen der gemanagten Klasse stehen. Er beschäftigt sich mit den irren Managerbezügen nur, um ihre Empfänger schuldig zu sprechen, sie für die vermeintliche Entartung des Kapitalismus haftbar zu machen.
In seiner blinden Wut auf die Chefpiloten des “Turbokapitalismus” nimmt er ihre Auftraggeber und deren willige Helfer kaum noch wahr. Was ist denn mit Professoren, Beratern, Juristen, Hofberichterstattern usw.? Sind die “Manager” nicht ausführende Organe einer ungeheuren Anzahl von unauffälligen und scheinbar harmlosen Despoten, die alle für ihr Geld mit der allergrößten Selbstverständlichkeit ein Plus erwarten? Werden die Manager nicht gefeuert, wenn die Aktionäre oder ihre Interessenvertreter über die “Ertragsschwäche” des Unternehmens zu klagen haben? Und sind da nicht noch die ungezählten Priester der kapitalistischen Produktionsweise in den Amts- und den Redaktionsstuben, auf den Lehrstühlen, auf den Partei- und Gewerkschaftssesseln, die dem tagtäglichen Elend die Illusion hinzufügen und die naturgesetzliche Begründung, um es dauerhaft zu gestalten?
Wenn er schon nicht imstande ist, die maßlosen Managerbezüge als das angemessene Honorar für ihre Beutekunst aufzufassen, warum betrachtet er sie nicht einfach als Schmutzzulage? Wie sollten die ihren Schweinejob für weniger erledigen können? Tausenden müssen sie im Auftrag der Aktionäre das Arbeiten verbieten, während sie die übrig gebliebenen Figuren zu Krüppeln arbeiten müssen. Unzählige Sparer und Spieler in aller Welt erwarten von ihnen Entscheidungen, mit denen unzählige andere in Angst und Schrecken versetzt werden. Und dafür sollen sie entlohnt werden wie z.B. ein Hochschullehrer? Das kann Bruhn nicht ernstlich meinen.
Ein Hochschullehrer, der seine Studenten zur Volkswirtschaftslehre abrichtet, der hat deswegen selten schlechte Nächte. Tätigkeitsbedingte Gewissensbisse sind diesem Berufsstand wesensfremd. Das liegt einfach daran, daß so ein Professor in aller Regel die Konsequenzen seiner Handlung gar nicht übersieht. Sein enger Horizont - er hat womöglich einen Amtseid geleistet! - gestattet ihm nicht, wenn er über “Nachfragemangel”, “Güterknappheit”, “Produktionsfaktoren” oder über “Globalisierung der Wirtschaft” seine schlauen Lesungen hält, sich persönlich dafür haftbar zu machen, wenn seine strebsamen Studenten demnächst nichts weiter anstellen können, als fremde Leute zu entlassen. Ein lehrender Fachidiot von der ideologischen Fakultät hält seine Tätigkeit garantiert für eine schlechthin notwendige und segensreiche Veranstaltung. Er bekommt, da er mit dieser Auffassung nicht alleine steht, zu seinem Sold auch noch die Naturalleistung “gesellschaftliche Anerkennung” und daher einen gesunden Schlaf. Gastprofessor Bruhn schätzt das gering. Er braucht nicht Millionen Dollar Schmutzzulage, obgleich man sein komplettes Einkommen als solche betrachten kann. Der Tarif für eine Professorenüberzeugung liegt deutlich darunter, aber immer noch recht hoch im Vergleich zum Lohn eines Metallarbeiters, der dank der professoralen Anstrengungen auch schwere Nächte hat. Kein Manager erledigt seinen Job ohne die würdevolle Unterstützung seitens der geistigen Ordnungskräfte an den Schulen und Hochschulen. Leben die etwa nicht von der Beute, die der “Raubzug der Manager” einbringt? Natürlich leben sie davon. Das ließe sich ja auch noch leicht verkraften, wenn die doch bloß ihr Geld umsonst bekämen - wie andere Sozialhilfeempfänger auch! Aber so liegen die Dinge leider nicht.
Manager und Professor arbeiten Hand in Hand wie Maurer und Zimmerleute. Aber sie produzieren keine Villen, sondern wohnen nur darin. Die einen sorgen für eine ordentliche Beute, die anderen werben für die Einbildung, daß das prinzipiell so in Ordnung ist, Managergehalt hin oder her. Nichts begünstigt die Sklaverei mehr als die Klage über die Ruchlosigkeit mancher Sklavenhalter. Bruhn beschwert sich daher nur über die “Auswüchse” und gibt sich besorgt über die kalte Habgier, mit der die Managersippe anderen Abgreifern die legitimen Ansprüche bestreitet.
Diese globale und zweifellos kriminelle Vereinigung lenkt nicht nur schamlos die Millionen Dollar auf die falschen Kontonummern, sondern hat zu diesem Zwecke
“in den Unternehmen durch raffinierte Verfahrensweise die alten Kapitaleigner entmachtet, Belegschaften vom Mitbestimmen in den entscheidungsbefugten Unternehmensvorständen ausgeschlossen und dann durch Depotstimmrecht, Aktienoptionen, Shareholder Value etc. ihre Herrschaft ausgebaut”.
Es ist zum Heulen. Solche falschen Herrscher haben nichts weniger im Sinn als einen “sozialen Kapitalismus”; sie denken überhaupt nicht daran, den “Widerspruch von Kapital und Arbeit zu entkrampfen”, sie vereiteln jede “gerechte Verteilung der Rationalisierungsgewinne”. Und dann rotten diese Leute auch noch die Arbeit einfach aus:
“Den Produktionsfaktor Arbeit so schnell wie möglich durch Roboter überflüssig zu machen ist ein entscheidendes Element bei der Managerjagd nach Rationalisierung und Steigerung der Konkurrenzfähigkeit, und so werden Arbeitsplätze systematisch vernichtet”.
Statt sich daran zu begeistern, wenn hier die materiellen Bedingungen der Reichtumsproduktion sich bessern, jammert Bruhn darüber, daß bald keine Arbeitsleute mehr als “Produktionsfaktoren” durch die Fabrikhallen gejagt werden, und hält diese bei weitem nobelste aller Manageraufgaben für nichts weiter als eine Vergewaltigung der sozialen Marktwirtschaft. Daher wird es kommen, daß er die Manager immer wieder aufdringlich als die “neuen Barbaren” denunziert. Was für ein schräger Vergleich! Wenn schon ein historisches Muster, dann doch wohl: “die neuen Lords”. Sie stellen Roboter für Menschen in die Fabrik wie einst die britischen Landlords Rindviecher statt Bauern auf die Weiden. Herr Bruhn spricht von den “neuen Barbaren” nur, weil er an den Niedergang Roms erinnern will, wenn er durch das “unheilvolles Wirken” der Manager den Untergang der heilen Welt, das “Ende der humanen Gesellschaft” heraufziehen sieht:
“In der Tat muß der humane, fürsorgliche Staat …- erkämpft von unseren Großeltern und Urgroßeltern - gegen eine ausbeuterische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verteidigt werden”.
Nur deshalb macht er also soviel Palaver, weil er zur Rettung des geliebten Sozialstaates aufrufen will! Er tritt geradezu fanatisch ein für einen idyllischen Mitbestimmungskapitalismus ohne Ausbeutung und mit ganz viel Fürsorge und Arbeit! Während Tierschützer für die Befreiung der Hühner aus den Legebatterien auf die Straßen gehen, verlangt der Sozialstaatsanwalt Bruhn für seine Schützlinge in ähnlichen Verhältnissen erträgliche Bedingungen: “die Humanisierung der Produktionsarbeit” und auch die “Aufwertung der geringgeschätzten Tätigkeiten”. Ein ergonomisches Fließband und eine gute Meinung von den Drecksarbeiten - das wär´s doch! Nebenher einen staatlichen Service für die Verunglückten und Unbrauchbaren. Für solche sozialverantwortliche Menschenhaltung sollen sich die Gewerkschaften und wir guten Menschen alle uns ins Zeug legen. Anders wird es nämlich nicht weitergehen, denn die Lage ist fatal:
“Wir laufen im ersten Sektor unausweichlich auf einen Kapitalismus ohne Arbeit zu. Die von der Dritten Industriellen Revolution Freigesetzten, die Globalisierungsverlierer, müssen dann eine sinnvolle Beschäftigung und Entlohnung außerhalb der alten formalen Wirtschaft finden, wenn sie überleben (wozu?) wollen und wenn das zukünftige Gesamtsystem genügend Kaufkraft (dazu!) erzeugen soll, damit die produzierten Güter und Dienstleistungen abgesetzt werden können”.
Wir wollen ja nicht darauf herumreiten, warum die Produktionsarbeit noch humanisiert werden soll, obgleich sie doch “unausweichlich” gerade abgeschafft wird. Viel interessanter ist sein offenherziges Geständnis bezüglich der Menschenverwendung: Es will ihm einfach nicht entfernt einfallen, daß die “Globalisierungsverlierer” ihre Kräfte, Anlagen und Fähigkeiten genießen, also leben wollen. Das wäre doch glatt ein unverschämtes, überhaupt nicht denkbares, also antimarktwirtschaftliches Anliegen. Dafür sind diese Figuren einfach nicht vorgesehen.
Die Leute sollen nicht Gebrauchswerte produzieren, die sie haben wollen, sondern sich um den Absatz der “Güter und Dienstleistungen” verdient machen. Sie sollen “überleben” dürfen - als stoffliche Träger der “Kaufkraft”. Dieser Kaufkraft gilt seine ganze Sorge. Nicht zur Kinderzeit des Menschengeschlechts ist soviel Fetischdienst gewesen. Die wildesten Wilden wären nicht auf einen solchen Trichter gekommen! Wo hat man je davon gelesen, daß irgendwelche Eingeborenen von ihren Göttern “Kaufkraft” verlangt hätten und nicht endlich den ersehnten Regen oder ohne Zwischenziel direkt eine reichhaltige Ernte? Sie wären verlacht worden von ihrer kompletten Sippe. Bruhn kann sich darauf verlassen, daß seine Sippe ihn nicht auslacht. Der Mann spricht es offen aus, daß nicht die Produktion des Nützlichen und des Angenehmen irgendeine Schwierigkeit darstellt, sondern die nötige “Kaufkraft”, also das Geld. Er weiß also, daß die Kaufkraft nichts anderes ist als eine Kraft, mit der die Reichtumsproduktion für die Reichtumsproduzenten verhindert wird? Und doch fordert er nicht einmal angesichts der vermeintlichen Weltuntergangssituation die Beseitigung der Warenproduktion und damit des Geldes. Die Warenproduktion scheint ihm die einzig mögliche Weise, Unterhosen, Fahrräder, Brötchen, Marmelade, Tische, Stühle und warme Wohnungen in die Welt zu setzen. Und weil das “Einkommen” dann auch die einzige Möglichkeit ist, an diese Dinge heranzukommen, macht er sich daran, eine neue Einkommensquelle zu entwerfen. Denn da die Manager immer mehr Leute vor die Fabriktür setzen, reicht der gesamte Lohn nicht mehr hin, die schönen Waren auch alle zu kaufen. Es müssen also unbedingt neue Einkunftsarten erschlossen werden, denn die Verminderung der Arbeitszeit pro Nase wird beileibe nicht ausreichen, um alle Menschen zu beschäftigen und mit dem für die Kaufkraft erforderlichen Lohn auszustatten:
“Arbeitszeitverkürzung allein wird in der globalen Marktwirtschaft das Problem der auf uns zukommenden 20:80 Gesellschaft langfristig nicht lösen können”.
Was will uns der Herr Professor damit sagen? Vermutlich hat er sich bei einem seiner Zunftgenossen mit der dollenhausreifen Hypothese bekannt gemacht, nach der die “Arbeit ein knappes Gut” geworden ist. Wer solche Vorstellungen zu akzeptieren in der Lage ist, dem ist alles zuzutrauen: Weil die Arbeit knapp ist, können nicht alle was davon abhaben!
Warum sollte eine Arbeitszeitverkürzung “allein” das “Problem” nicht beheben können? Kann der Mann nicht rechnen? Wenn vorher 20 Leute in je 40 Stunden den nötigen Plunder für 100 Leute in die Welt setzen, dann können hinterher 100 Leute dasselbe in je 8 Stunden erledigen.
Sollte eine vernünftige Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit von Dämonen und Kobolden verhindert werden? Dann wird wohl wirklich nichts bleiben als der Weg zurück ins finstere Mittelalter unter der Führung der “neuen Barbaren”. Sollte dagegen die Rechenoperation aber an der “Kaufkraft” scheitern, dann wäre nichts naheliegender als deren Abschaffung.
Die schwachsinnige Behauptung des Herrn Bruhn hat keinen anderen Zweck als den, der Leserschaft mitzuteilen, daß da mit der “20:80 Gesellschaft” ein bedenkliches, von einigen bedeutenden Priestern der heutigen Weltordnung bereits erkanntes Problem auf uns zustürzt, das nur noch durch die Einführung eines “Dritten Sektors” gebannt werden kann. Dieser “Dritte Sektor” ist nichts als ein ungeheures Gehege für die 80%, die in den anderen beiden Sektoren keine Verwendung mehr finden können. Und irgendwie kommt das dem Leser doch bekannt vor:
“Der Dritte Sektor - der unabhängig von der Marktwirtschaft existieren würde - scheint der einzige Weg zu neuen Beschäftigungs- und Entlohnungsformen zu sein”…, er wird “die einzige Möglichkeit sein, den von der Technologieerzeugung (die macht das also - und nicht die Manager?!) freigesetzten Massen Einkommen und Brot zu verschaffen”.
Warum noch Brot, wenn das Einkommen stimmt? Egal! Weil der moderne Mensch vom Brot allein nicht überlebt, werden im Dritten Sektor viel wichtigere Tätigkeiten gepflegt als das Backen:
“Und zwar auf Gebieten, die für das Überleben der menschlichen Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sein werden - eben Umweltschutz, Recycling, Kranken - und Altenfürsorge, Stadtteilpflege und -instandsetzung, Jugendbetreuung, Heim- und Sozialarbeit, Kriminalitäts- und Drogenbekämpfung etc. Andere Arbeitsbereiche, die umfassend genug wären, um die auf uns zukommende Massenarbeitslosigkeit aufzufangen, gibt es nicht und wird es nicht geben”.
Alles klar? Uns droht mit der Lohnarbeit die Arbeit, ja jede sinnvolle Beschäftigung auszugehen, wenn wir nicht schleunigst einen ordentlichen Arbeitsdienst einrichten. Es geht bei der Einführung des “Dritten Sektors” glatt um das “Überleben der menschlichen Gesellschaft”! Der gutwillige Leser, der vielleicht Bruhns Ausführungen zur Kaufkraft überlesen hat, mag sich einbilden, der Autor handle hier immerhin von einer zum Überleben der Menschen erforderlichen Grundversorgung, etwa nach Art der untergegangenen realsozialistischen Existenzsicherungsgesellschaften. Weit gefehlt! Wenn dieser Mann vom “Überleben der Gesellschaft spricht”, dann meint er das auch, nämlich das Überleben der für ihn einzig möglichen Gesellschaft: “Marktwirtschaft”:
“Um zu überleben, braucht das komplexe System Marktwirtschaft die Vielfalt seiner Akteure.”
Dem Leser wird also die letzte Unsicherheit darüber genommen, ob die “Marktwirtschaft” für die Leute da ist - oder umgekehrt. Damit ist der ganze Humanismus unseres Autors ziemlich lückenlos entwickelt: Dem marktwirtschaftlichen 1. Sektor geht die Arbeit aus, weshalb ein davon “unabhängiger” 3. Sektor eingerichtet werden muß, in dem eine Vielfalt von “Akteuren” zur Rettung der “Marktwirtschaft” tätig sein wird. Der Mann weiß also genau, wovon er redet, wenn er den 3. Sektor als eine neben der Markt- und der Staatswirtschaft eingerichtete Mitgefühlswirtschaft verkauft. Nämlich von dem massenweisen Elend, das die “Marktwirtschaft” produziert. Der 3. Sektor ist ein ungeheures Arbeitslager in einem noch größeren Elendsquartier, das von den Opfern der ausgegangenen Arbeit bevölkert wird. Daran hat auch Bruhn keinen Zweifel.
Dieser Sektor wäre ganz undenkbar ohne Veranstaltungen, die die Umwelt versauen, da dann ja nichts zu schützen und zu reparieren wäre. Unbedingt erforderlich sind auch Drogendealer und Ganoven aller Art, weil sonst nichts zu bekämpfen ist. “Junge, Alte und Kranke”, also Menschen in ganz normalen Lebensphasen, müssen in derart beschissenen Verhältnissen vegetieren, daß möglichst viele Sozialarbeiter, Animateure, Pfleger usw. sich an ihnen wichtig machen können. Und wenn die sich selbst verkrüppeln bei dieser ungeheuer notwendigen Arbeit, dann werden sie irgendwann auch endlich selber Pfleger nötig haben. Das alles gibt vielen Menschen Arbeit und dem Leben einen Sinn in der Zeit nach dem “Turbokapitalismus”. Das Ungeheuer “Massenarbeitslosigkeit” ist dann gefangen und die Zivilisation gerettet!
Wenn also die eine Hälfte der überzähligen 80% gepflegt, getröstet, bewacht, bedroht, beschützt und behütet werden muß, dann werden ganz viele tolle Arbeitsplätze als Pfleger, Tröster, Bewacher, Beschützer für die andere Hälfte geschaffen. Hinzu kommen noch die unzähligen Staatsspitzel, Steuerfahnder, Wirtschaftsjuristen und was weiß ich wer, die erforderlich sind, um von den Leuten aus dem 1. Sektor die zur Finanzierung des 3. Sektors erforderlichen Steuern einzutreiben.
Ohne solche “für die Gesellschaft elementar wichtigen Aufgaben, die nicht allein freundlichen Dilettanten überlassen bleiben dürfen…, wird es zum menschenunwürdigen Tittytainment für den großen Rest keine Alternative geben”.
Dieser Autor vergißt nichts. Wer die miserablen kapitalistischen Verhältnisse verewigen will, der darf unmöglich die Fürsorgearbeit “freundlichen Dilettanten” überlassen. Der Mann weiß genau, daß das Berufsbild “Menschenfreund” nichts ist für einen Nebenjob, sondern außerordentliche Belastungen bedeutet, die Amateure dauerhaft überhaupt nicht aushalten können. Die Durchsetzung der humanistischen Ideale verlangt den ganzen Menschen und gehört daher in die Hände der Profis. Nur wer mit seiner physischen Existenz vollständig von einer solchen Tätigkeit abhängt, der wird sie auch zuverlässig erledigen können.
Konsequent ist insofern auch seine Polemik gegen das “Tittytainment”. Tittytainment steht als die moderne Fassung für “Brot und Spiele”, meint also einen vollen Magen und einen leeren Kopf. Dieses eher passive Vergnügen ist dem Mann viel zu unsicher und daher keine “Alternative” zum menschengemäßen Leben für die “soziale Marktwirtschaft”.
Ein wahrhaft genialer Vorschlag ist dieses als Endlösung der sozialen Frage angelegte Beschäftigungsprogramm, das Herr Bruhn den “3.Sektor” nennt. Aber sehr originell ist es nicht. Denn es handelt sich ja nur um das bekannte End- und Zwischenlager mit integrierter Wiederaufsbereitungsanlage für den abgebrannten Menschenmüll, der im “marktwirtschaftlichen” 1. Sektor regelmäßig anfällt. Weil dieser Müll hochgiftig ist, müssen umfängliche Vorkehrungen zur Schadensverhütung getroffen werden, was eben durch Perfektionierung der Menschenhaltung dem dafür eigens eingerichteten totalen Sozialstaat bisher auch prima gelungen ist. Nichts ist also leichter zu haben als ein 3. Sektor, weil es ihn in erdrückendem Maße ja längst gibt. Dieses hochorganisierte Lager zur Sicherung der kapitalistischen Warenproduktion gegen die Lebensansprüche derjenigen, denen die Gründe zum Aushalten dieser Produktionsweise wie zum Mitwirken abhanden gekommen sind, ist buchstäblich nicht mehr wegzudenken - für Leute wie Bruhn.
Wer es wegdenkt, stellt sich eine Frage: Was wäre, wenn die Leute Güter produzierten, was die Produktionskraft hergibt, ohne eine andere Schranke als die ihrer Bedürfnisse anzuerkennen? Der Sozialstaat samt Zubehör wäre für die Katz, weil die heutigen Alten, Kinder, Jugendlichen, Kranken, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfänger und Dealer sich mit Dingen beschäftigten, die sich die komplette Weltelite der Brahmanen nicht einmal vorstellen kann. Und mit ihm wäre das vollständige von Bruhn gelobte Betreuungspersonal von der Bildfläche verschwunden, wie ja auch die Abtrittanbieter verschwunden sind, diese ambulanten Bedürfnisanstalten, die im 18. Jahrhundert mit Schüsseln oder Eimern und weiten Gewändern den Stadtbewohnern das öffentliche Pinkeln ermöglichten. Auch dieser Beruf konnte sich nur so lange halten, solange die Leute in ihrer Not nicht wußten wohin, und er hat sich erledigt, seit es massenhaft Toiletten gibt.
Und dann erst die ganze regierende Kaste, Politiker und ihre Kofferträger und Speichellecker, die ganze Meute der Beamten in ihren unsäglichen Amtsstuben, Regierungsräte, Referenten, Richter, Advokaten, dieses ganze vornehme Tyrannenzubehör auf zwei Beinen - alle hätten sie längst ihre Papiere abholen müssen, wären ihre ekeligen Jobs losgeworden und dürften sich täglich auf gesunde, sinnvolle und abwechslungsreiche Arbeit freuen, die ihnen auch die Mußezeit zum Vergnügen machen könnte. Wer sollte etwa noch Advokaten, Richter und ihre Zulieferer brauchen, wenn die Leute massenhaft den Plunder produzieren dürften, den sie brauchen und wollen - statt sich jahrelang mit Erschaftsangelegenheiten, Ehescheidungen oder sonstwas die Tage zu versauen. Und wer wollte dann noch Advokat oder Richter sein? Wer wollte es noch tagtäglich in den bedrückenden Amtsgebäuden aushalten, wenn er nicht mehr mit Stempelkissen, Formblättern, Dienstvorschriften und sonstigen amtlichen Folterwerkzeugen fremden Menschen das Leben zur Hölle machen könnte, sondern Gelegenheit zur anregenden und nützlichen Betätigung bekäme? Wer will heutzutage schon Abtrittanbieter sein?
Und um zurückzukommen auf den ausufernden Reichtum einiger Topmanager, der nach Bruhn für das mickerige Leben der meisten Leute verantwortlich sein soll. Was wäre denn so ein Jahresgehalt von 20 Mio. Dollar, wenn die Gelegenheit fehlte, damit arbeitsame Menschen zu kaufen. Nix wäre dieses Jahresgehalt. Und wer sonst sind diese arbeitsamen Leute, die daraus etwas machen, wenn nicht die künstlich erzeugten Habenichtse, die gezwungen sind, Körper, Geist und Seele in einem der drei Sektoren bei der Warenproduktion oder bei deren Sicherung zu ruinieren - statt sie als ihre Kräfte zu genießen. Der kapitalistische Reichtum, also auch der der Manager, besteht in nichts sonst als in der Armut der tatsächlichen oder möglichen Produzenten. Und diesen Reichtum möchte Herr Bruhn unter dem Titel “Marktwirtschaft” durch die Einführung eines 3. Sektors für alle Ewigkeit sichern helfen. Einen anderen Zweck kann dieses Buch unmöglich haben.

Autor: David Tiger
zuerst erschienen in: Kalaschnikow - Das Politmagazin
Ausgabe 12, Heft 1/99

Krawall ums Paradies

von Horst Schulz

Huisken gegen Sandleben

„Blase jeder, was er kann, Lichter aus, und Feuer an.
Lobt die Jesuiten!“
(Chamisso/Nachtwächterlied)

In der Hoffnung auf Klarstellung hat Günther Sandleben in der „Kalaschnikow“ (1/99) eine angebliche Haushaltstheorie des „GegenStandpunktes“ angegriffen. Und was erntet er? Wir werden sehen.

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