Parasitenforschung

Wo bleibt die Opposition?

von Guenther Sandleben

Generalstreiks in Griechenland und Italien, Dauerrevolte in Athen – wo bleibt der Widerstand in Deutschland?

Unter dem Druck der Krise haben alle Klassen und Parteien eine merkwürdige Allianz gebildet. Klassenunterschiede und Gegensätze scheinen auf einmal nicht mehr zu existieren. Wo bleibt die Opposition?

Alle sitzen am „Tisch der gesellschaftlichen Vernunft“, einer Vernunft, die ganz der kapitalistischen Logik folgt. Subsumiert unter dieser Vernunft sitzen sie dort ähnlich vereint wie einst unter Karl Schiller, der ab Februar 1967 die „konzertierte Aktien“ als Burgfriedenspolitik zur Beseitigung der bis dahin schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit einsetzte. In der heutigen, weitaus schwereren Wirtschaftskrise reicht das gemeinsame Ziel weiter: Wie lassen sich Finanzkrise und Konjunktureinbruch so abfedern, dass ein Zusammenbruch des kapitalistischen Systems verhindert wird.

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Blockaden auf dem Gebiet der Parasitenforschung

von Guenther Sandleben

“Auch hättest du, Mathematik studierend und Sternkunde anstatt Politik und Wirtschaft, weniger Betrug getroffen.
Die Sternbahnen werden nicht so verheimlicht als die Wege der Kartelle.
Der Mond klagt nicht auf Geschäftsschädigung.” Bertolt Brecht

Anders als im Bereich der Biologie stößt die moderne Parasitenforschung im Bereich des gesellschaftlichen Lebens auf erbitterten Widerstand. Freie wissenschaftliche Forschung wird hier mit Tabus belegt, Theorien, die über die systematische Ausnutzung von Leistungen anderer Auskunft geben könnten, werden von den Lehrplänen der Universitäten gestrichen, die entsprechenden wissenschaftlichen Werke sind längst aus den Regalen der meisten Bibliotheken verschwunden. Während die Biologen über den Parasitismus und seine vielfältigen Formen in der Natur, beispielsweise über den „Kleptoparasitismus“, unbefangen debattieren dürfen, kommt es den Sozialwissenschaftlern nicht einmal in den Sinn, eine vergleichbare Fragestellung auch nur aufzuwerfen. Lediglich in wenigen Nischen, gewissermaßen als eine Art Untergrundwissenschaft, ist der Parasitismus des gesellschaftlichen Lebens meist unter der Bezeichnung „Ausbeutung“ ein Gegenstand der Forschung geblieben.

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Maurer und Regierungsrat

von Horst Schulz

Das Maurerhandwerk ist eine schöne Beschäftigung, bei der man oft an der frischen Luft seine unterschiedlichsten Organe nützlich beansprucht und daher in Form hält. Zum Genuss der eigenen körperlichen wie geistigen Kräfte kommt das intellektuelle Vergnügen über ein gelungenes Produkt und über die Freude der Nutznießer des Produkts. Menschen, die das Maurerhandwerk ausführen, könnten allen Grund zur Zufriedenheit haben, da sie mit ihrem Geschick sich selber und anderen äußerst nützlich sind.

Wir wissen, dass das heutzutage nicht so ist. Für einen Maurer, der das Maurerhandwerk als Beruf ausübt, sieht die Sache schon merklich anders aus als für einen Menschen, der manchmal mauert und manchmal eben nicht. Wer ausschließlich maurert, um sein Leben zu fristen, der verzehrt seine Kräfte für einen äußeren Zweck und genießt sie nicht. Seine Tätigkeit ist ihm nicht eine willkommene Abwechslung mit anderen Beschäftigungen, sondern eine einseitige Belastung seiner Organe.
Noch schlimmer ergeht es dem Maurer noch als Lohnarbeiter. Denn jetzt verkauft er seine Arbeitskraft einem Anwender, der möglichst seine komplette Lebenskraft verzehren will. Seine Kräfte und das Geschick seiner Arbeit sind nicht mehr die Quelle seines Genusses, sondern die seiner Arbeitsqual, denn sie finden überhaupt nur Anwendung, nicht um Lebensfreude und ein Haus zu produzieren, sondern Geld. Sie werden angewandt nicht vom Maurer, sondern vom Bauunternehmer, und für diesen Bauunternehmer sind seine Kräfte und sein Geschick die Geldquellen. Daher kann der Maurer sie auch nicht mehr genießen und sucht seine Entschädigung im Bier.
Ein Maurer, selbst wenn er unter Aufsicht des Bauunternehmers gerade die schönste Villa aufgebaut hat, bewohnt nicht selten selbst einen kleinen Teil einer geschmacklosen Mietskaserne. Er hat also reichlich Grund zum Neid und nur wenig Grund, sich über das gelungene Produkt und die Freude seines Nutznießers zu freuen. Hat der Maurer zu viele Häuser gebaut, dann kommt es leicht vor, dass sein Neid sich steigert, weil er obdachlos wird und nicht einmal mehr in der Mietskaserne unterkommen kann.
Das Haus, das er gerade verfertigt hat, mag z.B. ein Regierungsrat beziehen. Für den, obgleich er womöglich keinen Stein auf den anderen legen könnte, ist die Villa erstellt worden. Warum? Warum beziehen Regierungsräte Villen und Maurer Mietskasernen? Warum können Bauarbeiter obdachlos werden und Regierungsräte nicht?
Wir müssen keinen Regierungsrat fragen, der in das neue Haus einzieht, das die Maurer ihm errichtet haben, ob er lieber ein Maurer geworden wäre. Er ist mit einem guten Grund Regierungsrat geworden. Im Vergleich zum Maurer ist sein Leben angenehmer, bequemer, sicherer, obgleich er nicht an der frischen Luft arbeitet und auch keine Freude haben kann an seinem Produkt. Ein Regierungsrat kann zum Beispiel zuständig sein für die Einhaltung der Gesetze, die dazu führen, dass ein Bauarbeiter, der zu viele Villen gebaut hat, obdachlos geworden ist. Das weiß der Herr Regierungsrat, und dennoch hat er sich für diese einträgliche Tätigkeit und nicht dagegen entschieden. Er mag nie darüber nachgedacht haben, dass das Maurerhandwerk eine feine Beschäftigung darstellt; selbst wenn er im Fitness-Studio seine Organe mit nahezu denselben Geräten bearbeitet, mit denen der Maurer die seinigen ruinieren muss, wird der Regierungsrat kaum über die Vorteile des Maurerhandwerks nachdenken. Seine Borniertheit ist vollkommen. Die des Maurers leider auch.
Aber der Regierungsrat weiß, dass im Unterschied zur Tätigkeit des Maurers seine nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich ist. Denn er hat eine lange Schulzeit hinter sich und gelernt, dass in feudalen Zeiten die Grundeigentümer und andere Herren auf Kosten der hervorbringenden Klasse gelebt haben. Und er weiß, dass er heute wenigstens eine der Funktionen des damaligen Grundeigentümers erledigt.
Wir müssen nicht danach fragen, ob die Gesellschaft der Leute, die sich wie er für diesen Beruf entschieden haben, eine Verschwörung bildet gegen die Maurer. Sie bilden eine! Denn sie wollen nicht das Los teilen, das sie den Maurern auferlegen. Sie brauchen sich nicht extra im Geheimen zu verschwören, nachdem sie sich für ihre Einkommensquelle entschieden haben. Ihr Beruf ist eine Verschwörung gegen die arbeitenden Klassen.

Horst Schulz, Juli 2004

Die Parabel

„Angenommen, Frankreich behalte alle genialen Menschen, die es in den Wissenschaften, in der Kunst und im Handwerk besitzt, habe aber das Unglück, am selben Tage Monsieur, den Bruder des Königs, Seine Durchlaucht den Herzog von Angoulême, Seine Durchlaucht den Herzog von Berry, Seine Durchlaucht den Herzog von Orléans, Seine Durchlaucht den Herzog von Bourbon, die Frau Herzogin von Angoulême, die Frau Herzogin von Berry, die Frau Herzogin von Orléans, die Frau Herzogin von Bourbon und das Fräulein von Condé zu verlieren.

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Parasiten als „Helden der Arbeit“ - Wer viel bekommt, hat viel geleistet

Die beiden Professoren Antonio Negri und Michael Hardt haben eine pfiffige Idee, die auch anderen Professoren, dazu den gut bezahlten Unterhaltern, Schriftstellern, Staatsbeamten, Politikern, Kulturschaffenden, Stars etc. gut gefallen wird. Sie verleihen der “affektiven Arbeit”, die dort geleistet wird, eine besondere wertschaffende Qualität. Die üppige Bezahlung solcher Dienste erhält ihre ökonomische Rechtfertigung.

Eine Hand wäscht die andere: Für seine Pfründe wertet der Ideologe die anderen Parasiten der Gesellschaft zum wertvollsten und unverzichtbaren Teil der Gesellschaft auf.

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Was ist Parasitenforschung?

von Horst Schulz

Wenn es um alte Zeiten oder ferne Länder geht, dann entdecken Berichterstatter, Schulmeister und selbst Politiker überall die Pfründewirtschaft, also die parasitäre Bereicherung der herrschenden Cliquen. Wenn aber die modernen demokratischen Verhältnisse begutachtet werden, dann bemerkt man professionelle Müßiggänger und Sinekuristen vielleicht einmal als Ausnahmewesen. Nach herrschender Meinung schöpfen heutzutage weder Geld- und Amtsadel noch andere notwendige Funktionäre einer betrügerischen Gesellschaftsordnung den Arbeitsfleiß der arbeitsamen Menschen systematisch ab. Man kann das auch grundlegend anders sehen.

Die einen bauen Kanäle, Automobile, Straßen, Häuser, schneidern Klamotten, fertigen Stühle und Schränke, machen Ländereien urbar, pflanzen und ernten allerlei Kraut und Knollen, entwickeln die Wissenschaften und wenden sie an; die anderen brechen Willen, treiben Steuern ein, unterdrücken Lebenskräfte und beanspruchen unbefangen die Autos, Häuser, Straßen, Kleider, Salate, Stühle etc., die jene erzeugt haben…
Wenn von primitiven Lebensformen die Rede ist, dann gilt allen die Angelegenheit als eine Selbstverständlichkeit. Das ist sehr merkwürdig. Ausgerechnet die Biologen erforschen die gesetzmäßigen Beziehungen zwischen Wirts- und Parasitenpopulationen; sie kennen nicht nur das Phänomen, daß die Parasiten ihren Wirtsorganismus zu Tode bringen; sie haben nicht nur die gleichzeitig an einem Wirt schmarotzenden Multi-Parasitenarten entdeckt, sondern auch den Clepto-Parasitismus und sogar den Staatsparasitismus als Sonderfälle. Selbst Parasiten der Parasiten sind den Biologen schon bekannt; wenn die einen Schmarotzer von anderen befallen werden, dann nennen sie das Hyper-Parasitismus.
Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß die von den Biologen verwendeten Bezeichnungen aus dem Reich der Menschen in das Reich der unmenschlichen belebten Natur gewandert sind - statt umgekehrt; um so verwunderlicher ist es daher, wenn die entsprechenden Stichwörter in den Lexika der Geschichte, Soziologie, Politik und Philosophie keine Behandlung finden. Was die Biologen untersuchen, das ist den “Sozialwissenschaftlern“ offenbar nicht erlaubt oder fällt ihnen gar nicht erst ein. Schon immer war es dagegen aber ein Vorrecht dieser oder jener Parasitenstämme, Schädlingseigenschaften bei anderen zu denunzieren. Die kirchlichen Würdenträger des Mittelalters, die selbst nicht ohne den Zehnten existieren konnten, verdächtigten so nützliche Charaktere wie Jongleure, Kneipenwirte oder Chirurgen; die faschistischen Staatsparasiten verleumdeten massenwirksam sogar die bloße Herkunft; und heute heißen Sozialschmarotzer nicht etwa die Figuren der erfolgreichen müßigen und schädlichen Gesellschaftskreise, sondern lediglich die Schlechtweggekommenen, denen das Leben von den Früchten fremder Arbeit ein aufgezwungenes Übel ist und mehr als ein elendes Weiterschleppen eh nicht zuläßt.

Wer uns den Vorwurf macht, wir wollten die Unzufriedenheit der hervorbringenden Klassen steigern, der liegt richtig. Wer dagegen meint, wir sähen die bevorzugten Menschenexemplare gerne in einem Arbeitslager, einem Irrenhaus oder gar auf einem Friedhof, der sollte sich belehren lassen. Wir sind weit entfernt, von derartigen Einrichtungen die Besserung der elenden Verhältnisse zu erwarten; wir sind auch weit davon entfernt, diesen Exemplaren ähnliche Schicksale zu wünschen, die sie selbst gegenüber den benachteiligten Klassen wenigstens billigend in Kauf nehmen. Wir teilen nicht einmal deren eigene Selbsteinschätzung als “Verantwortungsträger“, sondern legen diese als eine notwendige Selbsttäuschung und Täuschung aus, die wir ausräumen wollen. Daher dieses Projekt. Wir wollen, um die Potenzen einer durch Arbeit erneuerten Gesellschaft sichtbar zu machen, das Ausmaß des Schadens erhellen, den die besseren Leute anrichten.

In vergangenen Zeiten war es, wenigstens bei vielen denkenden Beobachtern, überhaupt nie ein Geheimnis, daß die übermäßige Arbeit der einen dem Vorteil der anderen dient und unter den gegebenen Verhältnissen dienen muß:

“Das Menschengeschlecht kann, so wie es ist, nur bestehen, wenn es eine große Anzahl brauchbarer Menschen gibt, die überhaupt nichts besitzen; denn ein Mensch, der im Wohlstand lebt, wird sein Stück Land gewiß nicht verlassen, um eures zu bearbeiten” (Voltaire).

„Wie die Pflanze von der Erde, das Vieh von der Pflanze oder vom pflanzenfressenden Vieh lebt, so der Teil der Gesellschaft, der freie Zeit, disposable nicht in der unmittelbaren Produktion der Subsistenz absorbierte Zeit besitzt, von der Mehrarbeit der Arbeiter. Reichtum ist daher disposable Zeit. Wir werden sehen, wie die Ökonomen etc. diesen Gegensatz als natürlichen betrachten” (Marx).

“Damit es einen breiten, tiefen und ergiebigen Erdboden für eine Kunstentwicklung gebe, muß die ungeheure Mehrzahl, über das Maß ihrer individuellen Bedürftigkeit hinaus, der Lebensnot sklavisch unterworfen sein. Auf ihre Unkosten, durch ihre Mehrarbeit soll jene bevorzugte Klasse dem Existenzkampfe entrückt werden, um nun eine neue Welt des Bedürfnisses zu erzeugen und zu befriedigen… Das Elend der mühsam lebenden Menschen muß noch gesteigert werden, um einer geringen Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwelt zu ermöglichen“ (Nietzsche).

Schreiben Sie uns, wenn Sie Manager, Handelsvertreter, Berufsverbrecher, Mechanikerin, Dachdeckerin, Wirtschaftsprüfer, Prostituierte oder der Papst sind oder etwas ganz anderes. Wir wollen die Berufsberichte aus erster Hand, denn wir wollen nicht glauben, daß staatlich bestellte Sozialforscher, die die Welt aus der Perspektive ihrer Treue- und Gehorsamspflichten gegenüber ihrem Arbeitgeber betrachten müssen, irgendetwas Erhellendes zustande bringen. Sie weiden fernab vom pulsierenden Leben und daher auch von den Sorgen, Nöten und Hoffnungen der Figuren auf dem Schachbrett der bürgerlichen Gesellschaft, über die sie zum Zwecke ihres Lebensunterhalts berichten.

Horst Schulz