Drei Gesichter des Kapitals: Globalität, Nationalität, Individualität
von Guenther Sandleben
Eine Kritik der Globalisierungsthese
Die bisherige Globalisierungsdebatte hat den inneren Zusammenhang von Globalität und Nationalität weitgehend ignoriert. Sie fasst das national-staatliche Element als ein antiquiertes, historisches Überbleibsel, das dann je nach Standpunkt des Autors entweder als Hort des Widerstandes gegen die losgelassenen Kräfte des Marktes und die dort operierenden transnationalen Konzerne als verteidigenswert erscheint, oder aber dessen allmähliches Verschwinden als Beseitigung der nationalen Gefahr begrüßt wird.
Nachfolgend soll nachgewiesen werden, dass das Kapital neben seiner Individualität und Globalität zusätzlich eine territoriale Bestimmung erhält. Die territoriale Fokussierung in Form verschiedener Nationalstaaten geht - so die These - aus dem produktiven Kapital selbst hervor. Globalisierung und nationalstaatliche Zersplitterung sind zwei Seiten einer Medaille.
Bereits ein Blick auf die historische Landkarte zeigt, dass die Geschichte des Kapitalismus keineswegs durch eine tendenzielle Abnahme der Nationalstaaten, sondern eher durch deren Zunahme gekennzeichnet ist. Globalisierung geht faktisch Hand in Hand mit nationalstaatlicher Abgrenzung. Auch ist nicht zu übersehen, dass die Geburtsstunde der kapitalistischen Produktionsweisen, die einen Schub an Globalisierung brachte, von einem grell leuchtenden nationalen Stern in Gestalt des Merkantilismus begleitet worden war. Die jüngste Entwicklung in Mittel- und Osteuropa zeigt ein vergleichbares Phänomen: Dort erfolgt die kapitalistische Restauration nicht unter Beibehaltung der vergleichsweise großen Wirtschaftsräume, sondern sie ist begleitet von einer nationalstaatlichen Zersplitterung in viele Natiönchen, die vor der gesellschaftspolitischen Wende kaum noch bekannt waren und die nun plötzlich ihre Besonderheit und Eigenständigkeit entdecken. Solche Tendenzen legen den Verdacht nahe, dass die “nationale Frage” etwas mit dem Kapital zu tun haben muss.
I.
Globalisierung wird durch die allgemeinen Bestimmungen des Kapitals notwendig hervorgetrieben: Kapital, abstrakt gefasst, ist ein sich verwertender Wert, der sich in der Bewegung erhält und vergrößert, d.h. mit einem Profit versehen, zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Seinem Begriff nach ist es endlos in seiner Bewegung, kennt keine Fokussierung auf einzelne Länder, keine nationalen oder territorialen Besonderheiten. Seine charakteristische Eigenschaft besteht gerade in der Gleichgültigkeit gegenüber geographischen und stofflichen Gegebenheiten. Seine Bestimmungen sprechen für Globalität, nicht für Nationalität.
Entsprechend global ausgerichtet war das Kaufmannskapital gewesen, bevor die kapitalistische Produktionsweise etabliert wurde. Die Kaufleute kauften in der Hauptsache noch nicht kapitalistisch produzierte Waren, um sie teurer zu verkaufen.
Wie wenig die Kaufleute mit einem besonderen Land verbunden waren, zeigt z.B. die Hanse. Ihr waren Kaufleute aus völlig verschiedenen Städten mit unterschiedlicher Kultur und Tradition angeschlossen; der Handel trug einen globalen, keinen nationalen Charakter. Außenhandel, Handelsbilanzüberlegungen etc. waren dieser Welt des Handels fremd. Es fehlte die Ortsgebundenheit, die territoriale Verbundenheit des Kapitals. Diese existiert erst beim modernen, die Produktion beherrschenden Kapital.
II.
Die Manufaktur bildet die erst bedeutende Existenzweise des Kapitals, das die Produktion zu beherrschen beginnt. Seine Verwertung wird entsprechend mehr und mehr bestimmt von den Bedingungen der Produktion und nicht mehr von denen der Zirkulation, dem bloßen Kauf und Verkauf von Waren. Auch das Kaufmannskapital erhält unter diesen neuen Bedingungen eine andere Existenzweise. Es operiert nun nicht mehr zwischen nichtkapitalistischen Polen, sondern handelt zunehmend mit Waren, die kapitalistisch produziert worden sind. Das industrielle Kapital ist ihm vorausgesetzt, bestimmt mehr und mehr seine Profitabilität und überhaupt die Verwertung des gesamten in der Region ansässigen Kapitals. Die Kaufleute bilden jetzt nur noch eine besondere Gattung von Kapitalisten, die eine besondere Funktion ausüben.
Wie das Kaufmannskapital tritt auch das industrielle Kapital zunächst als Geldkapital in die Zirkulation. Es kauft aber nicht Waren, um sie unverändert weiter zu veräußern, sondern um ihren Gebrauchswert zu verändern. Für einen solchen Produktionsprozess sind verschiedene Produktionsmittel wie Rohstoffe, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel sowie Arbeitskräfte erforderlich.
Durch die Umwandlung des Geldkapitals in die sachlichen und persönlichen Produktionsvoraussetzungen wird es funktional als produktives Kapital in der Produktion fixiert, von wo aus es nicht mehr oder nur unter Schwierigkeiten zurückkehren kann in die Zirkulation. Es muss als produktives Kapital solange agieren, bis eine verkaufsfähige Ware hergestellt worden ist.
Eine besondere Rolle spielen dabei die Arbeitsmittel wie Fabrikgebäude, Maschinen etc. Diese bleiben in der Produktionssphäre, nachdem sie dort einmal eingetreten sind. Mit der Funktion geht nur ein Teil ihres Werts auf das neu zu produzierende Produkt über, während der andere Teil im Arbeitsmittel und daher im Produktionsprozess zurückbleibt. Aufgrund dieser besonderen Zirkulationsweise des Werts hat Marx den in Arbeitsmitteln verausgabten produktiven Kapitalteil “fixes Kapital” genannt.
Neben die funktionale Fixierung tritt für einen Großteil der Arbeitsmittel die territoriale Fixierung, wodurch das gesamte produktive Kapital - von wenigen Ausnahmen abgesehen - eine weitreichende physische Unbeweglichkeit erhält.
Die örtliche Befestigung von Arbeitsmitteln kann auf zweifacher Weise erfolgen: Ein Teil davon wird territorial fixiert, sobald er als Arbeitsmittel in die Produktionssphäre eintritt, wie z.B. Maschinen, die in Fabrikgebäuden installiert werden; ein anderer Teil wird von vornherein in einer am Ort fixierten Form produziert, wie z.B. Fabrik- und Bürogebäude, Hochöfen, Flughäfen, Hafenanlagen, Straßen, Kanäle, Bodenmeliorationen etc.
Das produktive Kapital schlägt Wurzeln, wird immobil, hängt auf Gedeih und Verderb am Schicksal des entsprechenden Gebiets. Durch die Art der fixierten Arbeitsmittel sind einerseits die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses, also die Produktionsweise selbst, andererseits die allgemeinen Verwertungsbedingungen des Kapitals festgelegt. Zu den gesellschaftlich geschaffenen Produktivkräften kommen noch die Naturgegebenheiten. “Der Umstand jedoch”, schreibt Marx im Zweiten Band des Kapitals “dass Arbeitsmittel lokal fixiert sind, mit ihren Wurzeln im Grund und Boden feststecken, weist diesem fixen Kapital eine eigene Rolle in der Ökonomie der Nationen zu. Sie können nicht ins Ausland geschickt werden, nicht als Waren auf dem Weltmarkt zirkulieren.”
Mit Art und Umfang der fixierten natürlichen und gesellschaftlichen Produktivkräfte ergibt sich eine bestimmte gesellschaftliche Teilung der Arbeit, Art und Umfang der Produktionszweige, Effizienz der Transportmittel, Größe und Dichtigkeit der Bevölkerung, Geschick und Ansprüche der Arbeiter. Diese Bedingungen bestimmen die allgemeine Produktivität und Intensität der in der entsprechenden Region verausgabten Arbeit.
Ein Kapital, das in einem Land angelegt wird, operiert auf der dort allgemein gültigen Grundlage; es sind besondere von anderen Ländern wohl unterschiedene Bedingungen, die es nicht selbst erzeugen kann. Diese Bedingungen bilden ein gemeinschaftliches Monopol aller im Land ansässigen Kapitale gegenüber den Bedingungen anderer Länder. Hierbei handelt es sich um ein aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst entspringendes kollektives Monopol. Das Einzelkapital trägt durch seine besondere Funktion, die es im Lande verrichtet, seinen Teil zur Ökonomie des Monopols bei, ohne sie aber in ihrer Gesamtheit bestimmen zu können. Es bildet ein, wie Marx es nannte, “selbständiges Bruchstück des gesellschaftlichen Gesamtkapitals”.
III.
Dass ein solches Gesamtkapital tatsächlich existiert und als einheitlich agierende Größe auftritt, hat Marx en détail nachgewiesen, und wird auch von der Volkswirtschaftslehre unter den Titeln “Makroökonomik” bzw. “Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung” anerkannt, wenngleich nicht verstanden. Merkwürdigerweise nimmt die aktuelle Globalisierungsdebatte keinen Bezug auf diese wichtige Kategorie, die erst eine wissenschaftliche Grundlage für eine Diskussion über mögliche Grenzen der Globalisierung liefert. Stattdessen lässt man sich impressionistisch von vermeintlich “neuen” Tendenzen leiten, die bereits Marx und Engels im Kommunistischen Manifest in bewundernswerter Weise dargestellt haben und die schon der Imperialismusdiskussion zu Beginn des Jahrhunderts als Anschauungsmaterial dienten.
Was ist unter dem Begriff des Gesamtkapitals zu verstehen?
Marx weist im Zweiten Band des Kapitals nach, wie sich genau die Kreisläufe der Einzelkapitale ineinander verschlingen, sich wechselseitig voraussetzen, einander bedingen und wie sie in dieser Verschlingung die Bewegung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals konstituieren. Entsprechend greifen die Interessen der Funktionäre des Kapitals beständig ineinander, bildet sich bei aller Entzweiung durch die Konkurrenz ein gewisses gemeinsames Interesse am Wirtschaftsprozess heraus.
Das Gesamtkapital bildet aber nicht einfach die Summe aus Einzelkapitalen bzw. deren Bewegungen; es treten besondere Momente hinzu, wodurch es eine eigenständige Qualität erhält. Dazu gehört die besondere Reproduktionsweise des Gesamtkapitals: Während der konstante Teil des Einzelkapitals in völlig verschiedenen Gebrauchsgegenständen wiedererscheint, etwa als Brot des Bäckers, als Speiseeis des Eisproduzenten etc. erscheint der konstante Teil des Gesamtkapitals wohl geordnet in einer bestimmten Menge Produktionsmittel. Und auch die beiden anderen Wertbestandteile, das variable Kapital und der Mehrwert, erscheinen jetzt nicht mehr in ihrer großen Buntheit von Gebrauchsgegenständen, sondern als zusammengezogene Größe einer bestimmten Menge Konsumtionsmittel. In dieser geordneten Gestalt sind die Voraussetzungen für den Stoff- und Wertersatz der gesellschaftlichen Reproduktion gegeben.
Das Gesamtkapital tritt in Gestalt der Durchschnittsprofitrate als tatsächlich agierende Einheit auf. Diese Eigenständigkeit zeigt sich nach innen hin im Ausgleich der Profitraten zwischen den Einzelkapitalen: Die Profitrate des Gesamtkapitals oder die Durchschnittsprofitrate behandelt tatsächlich jedes Einzelkapital als Teil eines gemeinsamen Ganzen; sie beherrscht die scheinbar selbständige Bewegung der Einzelkapitale, drückt dem “kreativen Unternehmergeist” den Zwang der Verhältnisse auf. Dieser Geist ist nur der Geist des Verwertungszwangs des Geldes, umgesetzt in die konkreten Umstände, unter denen er sich um der Kapitalsache willen abmühen muss.
Die Durchschnittsprofitrate bestimmt die Proportionen, zu denen sich die Einzelkapitale über die Gesellschaft hinweg zu verteilen haben. Es ist der Sachzwang, der in Form der Bewegung der Marktpreise und der darin eingeschlossenen Profitratenbewegung den Einzelkapitalen aufgeherrscht wird; sie stehen, wie man zu sagen pflegt, unter dem “Diktat des Marktes”. In all dem wirren Durcheinander der Konkurrenz und der Anarchie setzt sich die erforderliche Reproduktion des Gesamtkapitals stofflich und wertmäßig in den erforderlichen Proportionen durch.
IV.
Die Eigenständigkeit des Gesamtkapitals besteht aber nicht nur im Verhältnis zu seinen Teilen, sondern macht sich auch nach außen hin geltend gegenüber anderen Gesamtkapitalen. Warum gibt es überhaupt ein solches Außenverhältnis mit einer Vielzahl von Gesamtkapitalen und nicht eine einzige Welt-Kapitalgesellschaft?
Das Kapital, abstrakt gefasst, enthält alle Bestimmungen, die jedem Kapital als solchem zukommen. Seine Eigenschaften sind gleich. Diese Gleichheit muss sich auch in der Verwertung zeigen. Das Maß dieser Verwertung wird gebildet durch das Verhältnis des vom Kapital angeeigneten Mehrwerts zum vorgeschossenen Wert. Diese Profitrate, bestimmt durch den allgemeinen Kapitalbegriff, ist die Durchschnittsprofitrate, die sich als einheitliche Zinsrate darstellt. Die Bedingungen der Gleichheit, d.h. der gleichen Profitrate, existieren aber, wie gezeigt, nur für die kollektiven Monopole.
Da auf dem Weltmarkt Ungleichheit der Bedingungen herrscht, ist eine Weltkapitalgesellschaft unmöglich; sie würde im Widerspruch stehen zur Gleichheit der Kapitale.
Aus der Gleichheit des Kapitals und der Ungleichheit seiner allgemeinen Verwertungsbedingungen entsteht die Notwendigkeit, dass sich die Gesamtkapitale entlang ihrer Verwertungsgrenzen voneinander separieren.
Nun sind die Gesamtkapitale durch das fixe Kapital mit ihren jeweiligen Territorien verbunden. Die Verwertungsgrenzen werden Bestimmungsmomente für Ländergrenzen. Das Land erhält dadurch eine besondere ökonomische Bestimmung: Es steht nun nicht mehr einfach für den Erdboden als natürliche Produktionsvoraussetzung. Auch hat sich darin nicht nur fixes Kapital eingegraben. Es dient vielmehr einem real agierenden gesellschaftlichen Gesamtkapital als Ort seiner Existenz.
Ein Ausgleich der Bedingungen zwischen verschiedenen Ländern ist nicht durch fortwährende Übertragung von Kapital aus einem Land in das andere, wo der Profit höher steht, möglich. Wandern Kapitale aus, dann können sie natürlich nicht das im Land vorhandene System der Produktivkräfte bzw. die dort allgemein vorhandenen Verwertungsbedingungen mitnehmen. Sie müssen sich vielmehr den entsprechenden Bedingungen des anderen Landes unterwerfen, fungieren dort als Bestandteil eines anderen Gesamtkapitals.
Was die etwa aus einem entwickelteren Land auswandernden Kapitale mitbringen können, sind immer nur solche Bedingungen, die sich in einer Unternehmung darstellen lassen, wie etwa die Verwendung neuer Maschinen, neuer betrieblicher Organisationsmethoden etc. Sie können aber nicht die allgemeinen Produktions- und Verwertungsbedingungen des alten Standorts importieren.
Der Start eines neuen industriellen Kapitals auf der Grundlage der entwickeltsten Technologie bildet keine besondere Eigenschaft eines importierten Kapitals: Jedes sich neu engagierende Kapital muss diese Möglichkeit für sich nutzen. Durch seine Funktion, die es dann im Land verrichtet, beeinflusst es zwar entsprechend seines Anteils die Gesamtheit der Produktions- und Verwertungsbedingungen, ohne sie aber bestimmen zu können.
Aufgrund von Besonderheiten (Branchenkonjunkturen, besondere persönliche Geschicklichkeit in der Konkurrenz etc.) weichen die individuellen Profitraten vom Durchschnitt mehr oder weniger stark ab. Dies bedeutet keine Aufhebung der Gleichheit der Kapitale. Alle Unternehmen eines Landes haben prinzipiell den gleichen Zugang zu den allgemeinen Produktionsbedingungen, können also in gleicher Weise Anteil haben an der Ökonomie ihres Landes. Dass der eine Unternehmer mehr der andere weniger für sich daraus macht, geschieht auf der Grundlage der gleichen allgemeinen Verwertungsbedingungen.
V.
In der Durchschnittsprofitrate sind die durch die Konkurrenz in gegensätzliche Interessen zersplitterten Unternehmen praktisch miteinander vereint, kommen sich selbst zum Bewusstsein als eine gesellschaftliche Macht, an der jeder im Verhältnis seines Anteils am gesellschaftlichen Gesamtkapital teilhat.
Entsprechend haben die Funktionäre des Kapitals ein gemeinsames Interesse, ihr Eigentum als kapitalistisches Eigentum zu erhalten und damit ihre “Gewinnsituation” durch Beseitigung aller erkennbaren negativen Einflüsse zu verbessern. Diese Gemeinschaftlichkeit ist nach innen hin gegen die Lohnarbeiter, nach außen hin gegen die Vertreter anderer Gesamtkapitale gekehrt. Sie wollen den Erhalt und die Ausweitung profitabler Absatzmärkte im Ausland, sprechen sich gegen Zölle oder anderer Absatzbehinderungen im Ausland aus, spannen ihre Politiker für die Öffnung und Erweiterung ausländischer Märkte ein, begehren preisgünstige Rohstoffe und wollen den eigenen Standort durch eine günstige Infrastruktur, durch Behinderung der ausländischen Konkurrenz und insbesondere durch niedrige Löhne möglichst profitabel gestalten.
Diese Interessensolidarität der Kapitalfunktionäre beruht aber immer schon auf dem Interessengegensatz, der in der Konkurrenz der Einzelkapitale begründet liegt. So sehr auch die Kapitalistenklasse in der Lohnfrage als geschlossene Phalanx erscheint, in vielen anderen Fragen ist sie in ihren Interessen gespalten, durch Rivalitäten zerrissen. Ihr Anliegen tritt umso stärker hervor, je mehr Agenten des Kapitals darin ihr Problem sehen und entsprechend die öffentliche Meinung bestellen.
Sie drücken ihre Interessen nicht in der sonst im Geschäftsleben gewohnten rohen materialistischen Art, sondern weisen sie vornehm als gemeinschaftliches, höheres Anliegen aus. Im Außenverhältnis dienen dazu als Mittel alle möglichen Besonderheiten wie etwa Kultur, Sprache, gemeinsame Tradition, Hautfarbe/Blut, geographische Gegebenheiten etc., die der Standort eines gesellschaftlichen Gesamtkapitals im Unterschied zu anderen Standorten gerade mal liefert. Solche an sich harmlose kulturelle und natürliche Unterschiede verwandeln sich durch die Konkurrenz in einen Gegensatz: Sein Inhalt ist ökonomisch, seine Form national.
“Mit der Manufaktur”, schreibt Marx in der Deutschen Ideologie, “traten die verschiedenen Nationen in ein Konkurrenzverhältnis, in den Handelskampf, der in Kriegen, Schutzzöllen und Prohibitionen durchkämpft wurde, während früher die Nationen, soweit sie in Verbindung waren, einen harmlosen Austausch miteinander hatten. Der Handel hat von nun an politische Bedeutung.” Die Gesamtkapitale haben eine nationale Färbung erhalten. Verkleidet in ihren Nationaluniformen treten sie als französisches, deutsches, japanisches etc. und nicht einfach als Kapital auf.
Diese Nationalität ist eine Angelegenheit des Kapitals, nicht der Arbeiter.
Da das Kapital die gestaltende Kraft und ideologische Macht der Gesellschaft bildet und sich deren Vertreter genötigt sehen, die Volksmassen immer wieder für ihre Zwecke in Bewegung zu setzen, schlägt sich das nationale Element im allgemeinen Volksbewusstsein nieder. Solche nationalen Vorstellungen haben handfeste ökonomische Voraussetzungen, sind verschlüsselte Formen, worin sich der schmutzige Krämergeist der Kapitalistenklasse volksgemeinschaftlich auszudrücken pflegt.
Nicht kulturelle, geschichtliche, biologische oder sonstige natürliche Unterschiede, sondern das Industriekapital selbst bildet die wirkliche Basis und die treibende Kraft der Nation.