Archiv für Januar 2000

Der Raubzug der Manager

von Horst Schulz

Für Euch gelesen:
Jürgen Bruhn, Der Raubzug der Manager
Aufbau-Verlag GmbH, Berlin, 1998

“Manager sind Schweine” - so könnte der Titel des Buches lauten, das da der Herr Bruhn geschrieben hat. Aber das wäre natürlich kein Buchtitel für einen gebildeten Menschen. “Der Raubzug der Manager” ist schon weniger passend, aber auch nicht nur verkehrt. Immerhin trägt der Mann empörende Zahlen und Zahlenverhältnisse zusammen, die jeden Posträuber und jeden Panzerknacker vor Neid erblassen lassen.

Bruhn hat festgestellt, daß die Manager in den Wolkenetagen der großen Konzerne keineswegs von den in den USA so beliebten Lebensmittelmarken sich ernähren, sondern raffen, was es zu raffen gibt. Er liefert uns seinen aufwühlenden Bericht nicht etwa, um uns zu erzählen, warum die sagenhaften Einkommen dieser Leute im umgekehrten Verhältnis zu den Vergütungen der gemanagten Klasse stehen. Er beschäftigt sich mit den irren Managerbezügen nur, um ihre Empfänger schuldig zu sprechen, sie für die vermeintliche Entartung des Kapitalismus haftbar zu machen.
In seiner blinden Wut auf die Chefpiloten des “Turbokapitalismus” nimmt er ihre Auftraggeber und deren willige Helfer kaum noch wahr. Was ist denn mit Professoren, Beratern, Juristen, Hofberichterstattern usw.? Sind die “Manager” nicht ausführende Organe einer ungeheuren Anzahl von unauffälligen und scheinbar harmlosen Despoten, die alle für ihr Geld mit der allergrößten Selbstverständlichkeit ein Plus erwarten? Werden die Manager nicht gefeuert, wenn die Aktionäre oder ihre Interessenvertreter über die “Ertragsschwäche” des Unternehmens zu klagen haben? Und sind da nicht noch die ungezählten Priester der kapitalistischen Produktionsweise in den Amts- und den Redaktionsstuben, auf den Lehrstühlen, auf den Partei- und Gewerkschaftssesseln, die dem tagtäglichen Elend die Illusion hinzufügen und die naturgesetzliche Begründung, um es dauerhaft zu gestalten?
Wenn er schon nicht imstande ist, die maßlosen Managerbezüge als das angemessene Honorar für ihre Beutekunst aufzufassen, warum betrachtet er sie nicht einfach als Schmutzzulage? Wie sollten die ihren Schweinejob für weniger erledigen können? Tausenden müssen sie im Auftrag der Aktionäre das Arbeiten verbieten, während sie die übrig gebliebenen Figuren zu Krüppeln arbeiten müssen. Unzählige Sparer und Spieler in aller Welt erwarten von ihnen Entscheidungen, mit denen unzählige andere in Angst und Schrecken versetzt werden. Und dafür sollen sie entlohnt werden wie z.B. ein Hochschullehrer? Das kann Bruhn nicht ernstlich meinen.
Ein Hochschullehrer, der seine Studenten zur Volkswirtschaftslehre abrichtet, der hat deswegen selten schlechte Nächte. Tätigkeitsbedingte Gewissensbisse sind diesem Berufsstand wesensfremd. Das liegt einfach daran, daß so ein Professor in aller Regel die Konsequenzen seiner Handlung gar nicht übersieht. Sein enger Horizont - er hat womöglich einen Amtseid geleistet! - gestattet ihm nicht, wenn er über “Nachfragemangel”, “Güterknappheit”, “Produktionsfaktoren” oder über “Globalisierung der Wirtschaft” seine schlauen Lesungen hält, sich persönlich dafür haftbar zu machen, wenn seine strebsamen Studenten demnächst nichts weiter anstellen können, als fremde Leute zu entlassen. Ein lehrender Fachidiot von der ideologischen Fakultät hält seine Tätigkeit garantiert für eine schlechthin notwendige und segensreiche Veranstaltung. Er bekommt, da er mit dieser Auffassung nicht alleine steht, zu seinem Sold auch noch die Naturalleistung “gesellschaftliche Anerkennung” und daher einen gesunden Schlaf. Gastprofessor Bruhn schätzt das gering. Er braucht nicht Millionen Dollar Schmutzzulage, obgleich man sein komplettes Einkommen als solche betrachten kann. Der Tarif für eine Professorenüberzeugung liegt deutlich darunter, aber immer noch recht hoch im Vergleich zum Lohn eines Metallarbeiters, der dank der professoralen Anstrengungen auch schwere Nächte hat. Kein Manager erledigt seinen Job ohne die würdevolle Unterstützung seitens der geistigen Ordnungskräfte an den Schulen und Hochschulen. Leben die etwa nicht von der Beute, die der “Raubzug der Manager” einbringt? Natürlich leben sie davon. Das ließe sich ja auch noch leicht verkraften, wenn die doch bloß ihr Geld umsonst bekämen - wie andere Sozialhilfeempfänger auch! Aber so liegen die Dinge leider nicht.
Manager und Professor arbeiten Hand in Hand wie Maurer und Zimmerleute. Aber sie produzieren keine Villen, sondern wohnen nur darin. Die einen sorgen für eine ordentliche Beute, die anderen werben für die Einbildung, daß das prinzipiell so in Ordnung ist, Managergehalt hin oder her. Nichts begünstigt die Sklaverei mehr als die Klage über die Ruchlosigkeit mancher Sklavenhalter. Bruhn beschwert sich daher nur über die “Auswüchse” und gibt sich besorgt über die kalte Habgier, mit der die Managersippe anderen Abgreifern die legitimen Ansprüche bestreitet.
Diese globale und zweifellos kriminelle Vereinigung lenkt nicht nur schamlos die Millionen Dollar auf die falschen Kontonummern, sondern hat zu diesem Zwecke
“in den Unternehmen durch raffinierte Verfahrensweise die alten Kapitaleigner entmachtet, Belegschaften vom Mitbestimmen in den entscheidungsbefugten Unternehmensvorständen ausgeschlossen und dann durch Depotstimmrecht, Aktienoptionen, Shareholder Value etc. ihre Herrschaft ausgebaut”.
Es ist zum Heulen. Solche falschen Herrscher haben nichts weniger im Sinn als einen “sozialen Kapitalismus”; sie denken überhaupt nicht daran, den “Widerspruch von Kapital und Arbeit zu entkrampfen”, sie vereiteln jede “gerechte Verteilung der Rationalisierungsgewinne”. Und dann rotten diese Leute auch noch die Arbeit einfach aus:
“Den Produktionsfaktor Arbeit so schnell wie möglich durch Roboter überflüssig zu machen ist ein entscheidendes Element bei der Managerjagd nach Rationalisierung und Steigerung der Konkurrenzfähigkeit, und so werden Arbeitsplätze systematisch vernichtet”.
Statt sich daran zu begeistern, wenn hier die materiellen Bedingungen der Reichtumsproduktion sich bessern, jammert Bruhn darüber, daß bald keine Arbeitsleute mehr als “Produktionsfaktoren” durch die Fabrikhallen gejagt werden, und hält diese bei weitem nobelste aller Manageraufgaben für nichts weiter als eine Vergewaltigung der sozialen Marktwirtschaft. Daher wird es kommen, daß er die Manager immer wieder aufdringlich als die “neuen Barbaren” denunziert. Was für ein schräger Vergleich! Wenn schon ein historisches Muster, dann doch wohl: “die neuen Lords”. Sie stellen Roboter für Menschen in die Fabrik wie einst die britischen Landlords Rindviecher statt Bauern auf die Weiden. Herr Bruhn spricht von den “neuen Barbaren” nur, weil er an den Niedergang Roms erinnern will, wenn er durch das “unheilvolles Wirken” der Manager den Untergang der heilen Welt, das “Ende der humanen Gesellschaft” heraufziehen sieht:
“In der Tat muß der humane, fürsorgliche Staat …- erkämpft von unseren Großeltern und Urgroßeltern - gegen eine ausbeuterische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verteidigt werden”.
Nur deshalb macht er also soviel Palaver, weil er zur Rettung des geliebten Sozialstaates aufrufen will! Er tritt geradezu fanatisch ein für einen idyllischen Mitbestimmungskapitalismus ohne Ausbeutung und mit ganz viel Fürsorge und Arbeit! Während Tierschützer für die Befreiung der Hühner aus den Legebatterien auf die Straßen gehen, verlangt der Sozialstaatsanwalt Bruhn für seine Schützlinge in ähnlichen Verhältnissen erträgliche Bedingungen: “die Humanisierung der Produktionsarbeit” und auch die “Aufwertung der geringgeschätzten Tätigkeiten”. Ein ergonomisches Fließband und eine gute Meinung von den Drecksarbeiten - das wär´s doch! Nebenher einen staatlichen Service für die Verunglückten und Unbrauchbaren. Für solche sozialverantwortliche Menschenhaltung sollen sich die Gewerkschaften und wir guten Menschen alle uns ins Zeug legen. Anders wird es nämlich nicht weitergehen, denn die Lage ist fatal:
“Wir laufen im ersten Sektor unausweichlich auf einen Kapitalismus ohne Arbeit zu. Die von der Dritten Industriellen Revolution Freigesetzten, die Globalisierungsverlierer, müssen dann eine sinnvolle Beschäftigung und Entlohnung außerhalb der alten formalen Wirtschaft finden, wenn sie überleben (wozu?) wollen und wenn das zukünftige Gesamtsystem genügend Kaufkraft (dazu!) erzeugen soll, damit die produzierten Güter und Dienstleistungen abgesetzt werden können”.
Wir wollen ja nicht darauf herumreiten, warum die Produktionsarbeit noch humanisiert werden soll, obgleich sie doch “unausweichlich” gerade abgeschafft wird. Viel interessanter ist sein offenherziges Geständnis bezüglich der Menschenverwendung: Es will ihm einfach nicht entfernt einfallen, daß die “Globalisierungsverlierer” ihre Kräfte, Anlagen und Fähigkeiten genießen, also leben wollen. Das wäre doch glatt ein unverschämtes, überhaupt nicht denkbares, also antimarktwirtschaftliches Anliegen. Dafür sind diese Figuren einfach nicht vorgesehen.
Die Leute sollen nicht Gebrauchswerte produzieren, die sie haben wollen, sondern sich um den Absatz der “Güter und Dienstleistungen” verdient machen. Sie sollen “überleben” dürfen - als stoffliche Träger der “Kaufkraft”. Dieser Kaufkraft gilt seine ganze Sorge. Nicht zur Kinderzeit des Menschengeschlechts ist soviel Fetischdienst gewesen. Die wildesten Wilden wären nicht auf einen solchen Trichter gekommen! Wo hat man je davon gelesen, daß irgendwelche Eingeborenen von ihren Göttern “Kaufkraft” verlangt hätten und nicht endlich den ersehnten Regen oder ohne Zwischenziel direkt eine reichhaltige Ernte? Sie wären verlacht worden von ihrer kompletten Sippe. Bruhn kann sich darauf verlassen, daß seine Sippe ihn nicht auslacht. Der Mann spricht es offen aus, daß nicht die Produktion des Nützlichen und des Angenehmen irgendeine Schwierigkeit darstellt, sondern die nötige “Kaufkraft”, also das Geld. Er weiß also, daß die Kaufkraft nichts anderes ist als eine Kraft, mit der die Reichtumsproduktion für die Reichtumsproduzenten verhindert wird? Und doch fordert er nicht einmal angesichts der vermeintlichen Weltuntergangssituation die Beseitigung der Warenproduktion und damit des Geldes. Die Warenproduktion scheint ihm die einzig mögliche Weise, Unterhosen, Fahrräder, Brötchen, Marmelade, Tische, Stühle und warme Wohnungen in die Welt zu setzen. Und weil das “Einkommen” dann auch die einzige Möglichkeit ist, an diese Dinge heranzukommen, macht er sich daran, eine neue Einkommensquelle zu entwerfen. Denn da die Manager immer mehr Leute vor die Fabriktür setzen, reicht der gesamte Lohn nicht mehr hin, die schönen Waren auch alle zu kaufen. Es müssen also unbedingt neue Einkunftsarten erschlossen werden, denn die Verminderung der Arbeitszeit pro Nase wird beileibe nicht ausreichen, um alle Menschen zu beschäftigen und mit dem für die Kaufkraft erforderlichen Lohn auszustatten:
“Arbeitszeitverkürzung allein wird in der globalen Marktwirtschaft das Problem der auf uns zukommenden 20:80 Gesellschaft langfristig nicht lösen können”.
Was will uns der Herr Professor damit sagen? Vermutlich hat er sich bei einem seiner Zunftgenossen mit der dollenhausreifen Hypothese bekannt gemacht, nach der die “Arbeit ein knappes Gut” geworden ist. Wer solche Vorstellungen zu akzeptieren in der Lage ist, dem ist alles zuzutrauen: Weil die Arbeit knapp ist, können nicht alle was davon abhaben!
Warum sollte eine Arbeitszeitverkürzung “allein” das “Problem” nicht beheben können? Kann der Mann nicht rechnen? Wenn vorher 20 Leute in je 40 Stunden den nötigen Plunder für 100 Leute in die Welt setzen, dann können hinterher 100 Leute dasselbe in je 8 Stunden erledigen.
Sollte eine vernünftige Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit von Dämonen und Kobolden verhindert werden? Dann wird wohl wirklich nichts bleiben als der Weg zurück ins finstere Mittelalter unter der Führung der “neuen Barbaren”. Sollte dagegen die Rechenoperation aber an der “Kaufkraft” scheitern, dann wäre nichts naheliegender als deren Abschaffung.
Die schwachsinnige Behauptung des Herrn Bruhn hat keinen anderen Zweck als den, der Leserschaft mitzuteilen, daß da mit der “20:80 Gesellschaft” ein bedenkliches, von einigen bedeutenden Priestern der heutigen Weltordnung bereits erkanntes Problem auf uns zustürzt, das nur noch durch die Einführung eines “Dritten Sektors” gebannt werden kann. Dieser “Dritte Sektor” ist nichts als ein ungeheures Gehege für die 80%, die in den anderen beiden Sektoren keine Verwendung mehr finden können. Und irgendwie kommt das dem Leser doch bekannt vor:
“Der Dritte Sektor - der unabhängig von der Marktwirtschaft existieren würde - scheint der einzige Weg zu neuen Beschäftigungs- und Entlohnungsformen zu sein”…, er wird “die einzige Möglichkeit sein, den von der Technologieerzeugung (die macht das also - und nicht die Manager?!) freigesetzten Massen Einkommen und Brot zu verschaffen”.
Warum noch Brot, wenn das Einkommen stimmt? Egal! Weil der moderne Mensch vom Brot allein nicht überlebt, werden im Dritten Sektor viel wichtigere Tätigkeiten gepflegt als das Backen:
“Und zwar auf Gebieten, die für das Überleben der menschlichen Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sein werden - eben Umweltschutz, Recycling, Kranken - und Altenfürsorge, Stadtteilpflege und -instandsetzung, Jugendbetreuung, Heim- und Sozialarbeit, Kriminalitäts- und Drogenbekämpfung etc. Andere Arbeitsbereiche, die umfassend genug wären, um die auf uns zukommende Massenarbeitslosigkeit aufzufangen, gibt es nicht und wird es nicht geben”.
Alles klar? Uns droht mit der Lohnarbeit die Arbeit, ja jede sinnvolle Beschäftigung auszugehen, wenn wir nicht schleunigst einen ordentlichen Arbeitsdienst einrichten. Es geht bei der Einführung des “Dritten Sektors” glatt um das “Überleben der menschlichen Gesellschaft”! Der gutwillige Leser, der vielleicht Bruhns Ausführungen zur Kaufkraft überlesen hat, mag sich einbilden, der Autor handle hier immerhin von einer zum Überleben der Menschen erforderlichen Grundversorgung, etwa nach Art der untergegangenen realsozialistischen Existenzsicherungsgesellschaften. Weit gefehlt! Wenn dieser Mann vom “Überleben der Gesellschaft spricht”, dann meint er das auch, nämlich das Überleben der für ihn einzig möglichen Gesellschaft: “Marktwirtschaft”:
“Um zu überleben, braucht das komplexe System Marktwirtschaft die Vielfalt seiner Akteure.”
Dem Leser wird also die letzte Unsicherheit darüber genommen, ob die “Marktwirtschaft” für die Leute da ist - oder umgekehrt. Damit ist der ganze Humanismus unseres Autors ziemlich lückenlos entwickelt: Dem marktwirtschaftlichen 1. Sektor geht die Arbeit aus, weshalb ein davon “unabhängiger” 3. Sektor eingerichtet werden muß, in dem eine Vielfalt von “Akteuren” zur Rettung der “Marktwirtschaft” tätig sein wird. Der Mann weiß also genau, wovon er redet, wenn er den 3. Sektor als eine neben der Markt- und der Staatswirtschaft eingerichtete Mitgefühlswirtschaft verkauft. Nämlich von dem massenweisen Elend, das die “Marktwirtschaft” produziert. Der 3. Sektor ist ein ungeheures Arbeitslager in einem noch größeren Elendsquartier, das von den Opfern der ausgegangenen Arbeit bevölkert wird. Daran hat auch Bruhn keinen Zweifel.
Dieser Sektor wäre ganz undenkbar ohne Veranstaltungen, die die Umwelt versauen, da dann ja nichts zu schützen und zu reparieren wäre. Unbedingt erforderlich sind auch Drogendealer und Ganoven aller Art, weil sonst nichts zu bekämpfen ist. “Junge, Alte und Kranke”, also Menschen in ganz normalen Lebensphasen, müssen in derart beschissenen Verhältnissen vegetieren, daß möglichst viele Sozialarbeiter, Animateure, Pfleger usw. sich an ihnen wichtig machen können. Und wenn die sich selbst verkrüppeln bei dieser ungeheuer notwendigen Arbeit, dann werden sie irgendwann auch endlich selber Pfleger nötig haben. Das alles gibt vielen Menschen Arbeit und dem Leben einen Sinn in der Zeit nach dem “Turbokapitalismus”. Das Ungeheuer “Massenarbeitslosigkeit” ist dann gefangen und die Zivilisation gerettet!
Wenn also die eine Hälfte der überzähligen 80% gepflegt, getröstet, bewacht, bedroht, beschützt und behütet werden muß, dann werden ganz viele tolle Arbeitsplätze als Pfleger, Tröster, Bewacher, Beschützer für die andere Hälfte geschaffen. Hinzu kommen noch die unzähligen Staatsspitzel, Steuerfahnder, Wirtschaftsjuristen und was weiß ich wer, die erforderlich sind, um von den Leuten aus dem 1. Sektor die zur Finanzierung des 3. Sektors erforderlichen Steuern einzutreiben.
Ohne solche “für die Gesellschaft elementar wichtigen Aufgaben, die nicht allein freundlichen Dilettanten überlassen bleiben dürfen…, wird es zum menschenunwürdigen Tittytainment für den großen Rest keine Alternative geben”.
Dieser Autor vergißt nichts. Wer die miserablen kapitalistischen Verhältnisse verewigen will, der darf unmöglich die Fürsorgearbeit “freundlichen Dilettanten” überlassen. Der Mann weiß genau, daß das Berufsbild “Menschenfreund” nichts ist für einen Nebenjob, sondern außerordentliche Belastungen bedeutet, die Amateure dauerhaft überhaupt nicht aushalten können. Die Durchsetzung der humanistischen Ideale verlangt den ganzen Menschen und gehört daher in die Hände der Profis. Nur wer mit seiner physischen Existenz vollständig von einer solchen Tätigkeit abhängt, der wird sie auch zuverlässig erledigen können.
Konsequent ist insofern auch seine Polemik gegen das “Tittytainment”. Tittytainment steht als die moderne Fassung für “Brot und Spiele”, meint also einen vollen Magen und einen leeren Kopf. Dieses eher passive Vergnügen ist dem Mann viel zu unsicher und daher keine “Alternative” zum menschengemäßen Leben für die “soziale Marktwirtschaft”.
Ein wahrhaft genialer Vorschlag ist dieses als Endlösung der sozialen Frage angelegte Beschäftigungsprogramm, das Herr Bruhn den “3.Sektor” nennt. Aber sehr originell ist es nicht. Denn es handelt sich ja nur um das bekannte End- und Zwischenlager mit integrierter Wiederaufsbereitungsanlage für den abgebrannten Menschenmüll, der im “marktwirtschaftlichen” 1. Sektor regelmäßig anfällt. Weil dieser Müll hochgiftig ist, müssen umfängliche Vorkehrungen zur Schadensverhütung getroffen werden, was eben durch Perfektionierung der Menschenhaltung dem dafür eigens eingerichteten totalen Sozialstaat bisher auch prima gelungen ist. Nichts ist also leichter zu haben als ein 3. Sektor, weil es ihn in erdrückendem Maße ja längst gibt. Dieses hochorganisierte Lager zur Sicherung der kapitalistischen Warenproduktion gegen die Lebensansprüche derjenigen, denen die Gründe zum Aushalten dieser Produktionsweise wie zum Mitwirken abhanden gekommen sind, ist buchstäblich nicht mehr wegzudenken - für Leute wie Bruhn.
Wer es wegdenkt, stellt sich eine Frage: Was wäre, wenn die Leute Güter produzierten, was die Produktionskraft hergibt, ohne eine andere Schranke als die ihrer Bedürfnisse anzuerkennen? Der Sozialstaat samt Zubehör wäre für die Katz, weil die heutigen Alten, Kinder, Jugendlichen, Kranken, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfänger und Dealer sich mit Dingen beschäftigten, die sich die komplette Weltelite der Brahmanen nicht einmal vorstellen kann. Und mit ihm wäre das vollständige von Bruhn gelobte Betreuungspersonal von der Bildfläche verschwunden, wie ja auch die Abtrittanbieter verschwunden sind, diese ambulanten Bedürfnisanstalten, die im 18. Jahrhundert mit Schüsseln oder Eimern und weiten Gewändern den Stadtbewohnern das öffentliche Pinkeln ermöglichten. Auch dieser Beruf konnte sich nur so lange halten, solange die Leute in ihrer Not nicht wußten wohin, und er hat sich erledigt, seit es massenhaft Toiletten gibt.
Und dann erst die ganze regierende Kaste, Politiker und ihre Kofferträger und Speichellecker, die ganze Meute der Beamten in ihren unsäglichen Amtsstuben, Regierungsräte, Referenten, Richter, Advokaten, dieses ganze vornehme Tyrannenzubehör auf zwei Beinen - alle hätten sie längst ihre Papiere abholen müssen, wären ihre ekeligen Jobs losgeworden und dürften sich täglich auf gesunde, sinnvolle und abwechslungsreiche Arbeit freuen, die ihnen auch die Mußezeit zum Vergnügen machen könnte. Wer sollte etwa noch Advokaten, Richter und ihre Zulieferer brauchen, wenn die Leute massenhaft den Plunder produzieren dürften, den sie brauchen und wollen - statt sich jahrelang mit Erschaftsangelegenheiten, Ehescheidungen oder sonstwas die Tage zu versauen. Und wer wollte dann noch Advokat oder Richter sein? Wer wollte es noch tagtäglich in den bedrückenden Amtsgebäuden aushalten, wenn er nicht mehr mit Stempelkissen, Formblättern, Dienstvorschriften und sonstigen amtlichen Folterwerkzeugen fremden Menschen das Leben zur Hölle machen könnte, sondern Gelegenheit zur anregenden und nützlichen Betätigung bekäme? Wer will heutzutage schon Abtrittanbieter sein?
Und um zurückzukommen auf den ausufernden Reichtum einiger Topmanager, der nach Bruhn für das mickerige Leben der meisten Leute verantwortlich sein soll. Was wäre denn so ein Jahresgehalt von 20 Mio. Dollar, wenn die Gelegenheit fehlte, damit arbeitsame Menschen zu kaufen. Nix wäre dieses Jahresgehalt. Und wer sonst sind diese arbeitsamen Leute, die daraus etwas machen, wenn nicht die künstlich erzeugten Habenichtse, die gezwungen sind, Körper, Geist und Seele in einem der drei Sektoren bei der Warenproduktion oder bei deren Sicherung zu ruinieren - statt sie als ihre Kräfte zu genießen. Der kapitalistische Reichtum, also auch der der Manager, besteht in nichts sonst als in der Armut der tatsächlichen oder möglichen Produzenten. Und diesen Reichtum möchte Herr Bruhn unter dem Titel “Marktwirtschaft” durch die Einführung eines 3. Sektors für alle Ewigkeit sichern helfen. Einen anderen Zweck kann dieses Buch unmöglich haben.

Autor: David Tiger
zuerst erschienen in: Kalaschnikow - Das Politmagazin
Ausgabe 12, Heft 1/99