Archiv für Mai 2000

Unser Wochenbrief: Sozialismus - die leistungsstarke Alternative zum Kapitalismus

Rezension des Buchs „Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft“ von Wolfgang Hoss, Norderstedt 2006

In jüngster Zeit spricht man wieder verstärkt über den Sozialismus, über die Zukunft nach dem Kapitalismus. Diese teilweise heftig geführte Debatte ist in einem zentralen Punkt unscharf geblieben, inwieweit nämlich die auf dem Privateigentum basierende Warenform auch noch im Sozialismus fortexistieren kann.

Wolfgang Hoss rückt in seinem bislang zu wenig beachteten Buch „Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft“ das Problem der Warenproduktion in den Vordergrund. Seine Rezeption der klassischen sozialistischen Literatur führt zu dem Ergebnis, dass in einer sozialistischen Gesellschaft, worin gemeinschaftliches Eigentum und eine gesellschaftliche Organisation der Arbeit vorherrschen, die Warenproduktion aufgehoben sein muss. Zu dem gleichen Ergebnis führt seine Analyse der untergegangenen sozialistischen Planwirtschaften, wo als Folge des Staatseigentums und der zentralen Planung entgegen der Einschätzung damaliger Ökonomen die Ware faktisch nicht mehr existierte.

Der Autor unterzieht sich der Mühe, ein geschlossenes Kreislaufmodell einer sozialistischen Wirtschaft zu entwerfen, in der die Warenproduktion ebenfalls aufgehoben ist. Allerdings existieren noch finanzielle Mittel, die eine Art „Geldersatz“ darstellen und im Großen und Ganzen Arbeitszeiten repräsentieren. Eine volkswirtschaftliche Zentrale weist den sozialistischen Unternehmensvereinigungen (Genossenschaften, Kombinate) und dem Staat (öffentliche Haushalte und soziale Sicherungssysteme) zur Erledigung ihrer jeweiligen Aufgaben finanzielle Mittel zu. Anders als in den zentralstaatlichen Planungssystemen sowjetischen Typs soll die Zuteilung weitgehend global organisiert sein, so dass dann die konkrete Planung auf mehr dezentraler Ebene erfolgen kann. Betriebe und Staat kaufen eigenständig Produktionsmittel bzw. Sachgüter und zahlen Löhne und Gehälter für die in Anspruch genommene Arbeit. Die privaten Haushalte verwenden die ihnen zugeflossenen Löhne und Gehälter für den Kauf von Konsumgütern ihrer Wahl. Das Geld, das die Betriebe und der Staat eingenommen haben, fließt zur Neuverteilung an die volkswirtschaftliche Zentrale zurück. Der Kreislauf ist geschlossen. Allein schon die Tatsache, dass die Betriebe ihre finanziellen Mittel nicht mehr durch den Tausch ihrer Produkte gegen Geld, sondern durch Zuteilungen nach einem gesellschaftlichen Plan erhalten, widerspricht der Warenproduktion.

Die hier vorgestellte Symbiose aus Markt- und Planwirtschaft vermeidet auf der einen Seite die zerstörerischen Konjunkturschwankungen, die Naturzerstörung, die Arbeitslosigkeit, etc. Solche Verwerfungen hatte Hoss zuvor in seinen beiden Büchern „Das kapitalistische System“ Band 1.1 (Reproduktion und Zirkulation des Warenwerts in den mikroökonomischen Systemen) und Band 1.2. (Makroökonomische Systeme, Theorie der langen Konjunkturzyklen (Kondratieffwellen)) herausgestellt. Sein Sozialismusbuch ist als eine Konsequenz dieser Kapitalismuskritik anzusehen. Auf der anderen Seite werden die Fehler einer Überzentralisierung vermieden, die zusammen mit anderen Mängeln (der Autor nennt u. a. die Widersinnigkeiten des Preissystems) zum Niedergang des Staatssozialismus geführt hatten. Wohlbegründet hält der Autor sein Modell einer sozialistischen Marktwirtschaft der Wirtschaft des Kapitalismus selbst ökonomisch für überlegen.

Allerdings ist nicht einzusehen, warum der Autor noch an Werten, Preisen und an Geld festhält, obwohl die sozialistischen Klassiker, denen er bei der Kritik der Ware noch gefolgt war, das aus der Welt der Waren abgeleitete Geld als unakzeptabel für eine sozialistischen Gesellschaft gehalten hatten. Hoss problematisiert diesen Punkt und weiß, dass er hier abweicht. Die Abweichung hält er allerdings für notwendig und für nicht sonderlich problematisch, da er in seinem Modell das Geld bereits als eine Art Ersatz für Arbeitszertifikate konzipiert hat, und da er seine Wertrechnung so aufstellt, dass sie kaum mehr als eine verschlüsselte Arbeitszeitrechnung ist. Und an der Wertrechnung meint er festhalten zu müssen, weil er buchhalterisch-technisch keine praktikable Möglichkeit sieht, die noch aus dem Kapitalismus stammenden Produktionsmittelwerte in Arbeitszeiten umzurechnen. Er entwickelt deshalb eine Formel, mit der er die neu verausgabte Arbeitszeit in einen Neuwert umrechnen kann. Zusammen mit dem Wert der verbrauchten Produktionsmittel erhält er dann den Wert des Produkts. Aber dieser Umweg ist gar nicht nötig. Seine Formel für die Umrechnung von Arbeitszeiten in Werten lässt sich durch einfache Umstellung zugleich auf die Umrechnung der Produktionsmittelwerte in entsprechende Arbeitszeiten anwenden, so dass eine konsistente Arbeitszeitrechnung, wie sie einst von den sozialistischen Klassikern vorgesehen wurde, möglich wird. Eine Kritik der Hoss’schen Wertrechnung und des darauf beruhenden Geldes führt uns also in die Welt einer reinen Arbeitszeitrechnung. Bis dahin ist es nur ein kleiner Schritt.

Mit seinem Sozialismus-Buch präsentiert sich der Autor als eigenständiger und gründlicher Denker in der Sozialismusdebatte. Auf knapp 190 Seiten bietet das Buch einen guten Überblick, wie eine leistungsstarke sozialistische Wirtschaft auf der Grundlage von Gemeineigentum und einer gesellschaftlichen Organisation der Arbeit aussehen könnte. Die „Ökonomie der Zeit“, worin sich das kapitalistische Wertgesetz sozialistisch auflösen wird, bildet beim Autor zwar nicht der Form wohl aber dem Inhalt nach bereits die Grundlage für die Reproduktion und Verteilung des sozialistischen Reichtums.

Guenther Sandleben
Berlin, 4.5.2007