Archiv für November 2001

Wählen gehen - wozu eigentlich? Über den Zyklus von Regierung und Opposition

Wie jeder Krieg, auch der Krieg gegen die breite Masse des Volkes, mit der Kriegslüge beginnt, steht am Anfang jeder Parlamentsarbeit die Wahllüge. Bündnis 90/Die Grünen präsentierten sich bei den zurückliegenden Bundestagswahlen als ökologisch, demokratisch und pazifistisch orientierte Partei. Aber sie führten Kriege, organisierten Castortransporte, gaben den Atomwirtschaft Bestandsgarantien, beseitigten demokratische Rechte, vernichteten soziale Absicherungssysteme, stießen Millionen in Armut und Verzweifelung.

Die Sozialdemokraten organisieren ihre Art der „Gerechtigkeit“, indem sie den Beutezug der alten CDU/FDP-Regierung gegen die kleinen Leute verschärften. Schröders Versprechen, die Arbeitslosigkeit zu senken, erwies sich als dreiste Lüge, ohne dass von Wahlbetrug gesprochen wird.

Jeder Wahlzyklus zeigt vergleichbare Betrügereien: Versprechen werden nicht gehalten, Oppositionspolitik verkehrt sich in der Regierungsverantwortung in das Gegenteil, kritische Positionen werden im Wettlauf um die Regierungsmacht geopfert.

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Nationalität und Globalität: Globalisierungsgegner vor theoretischer Neuausrichtung

Der Krieg im Irak, ausgewiesen als Krieg gegen den „Terrorismus“, hat in den USA eine kaum noch vorstellbare Welle des Nationalismus ausgelöst. An die Stelle einer viel beschworenen Globalisierungsgefahr tritt nun plötzlich die Gefahr eines „neuen Nationalismus“, der sich möglicherweise in weiteren Kriegen entlädt.

Die bislang dominierende Ideologie eines global ausgerichteten Neoliberalismus scheint ins Wanken zu geraten. Statt von der Globalisierung mehr und mehr untergraben zu werden, zeigt sich am Beispiel des US-Staats derzeit eine gegenläufige Tendenz: Der Staat der USA mischt sich mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen wieder stärker in die Wirtschaft ein, praktiziert entgegen der neoliberalen Auffassung eine keynesianische Wirtschaftspolitik, behindert ausländische Konkurrenz u.a. durch Drohungen gegen das Patentrecht (Streit mit Bayer) oder durch Importrestriktionen (Schutz der US-Stahlindustrie), hebt zur Stärkung der inneren Sicherheit demokratische Rechte auf, stachelt zum Nationalismus an, intensiviert seine Geheimdienstorgane und bereitet sich mit gewaltigen Rüstungsprogrammen auf weitere Kriege vor.
Der Pradigmenwechsel hin zum „starken Staat“ trifft die Glaubwürdigkeit mancher Globalisierungsgegner an einer empfindlichen Stelle: Sowohl die Renaissance des Nationalismus als auch die Stärkung des Staates passen so überhaupt nicht zu der viel beklagten, scheinbar unbegrenzten Beweglichkeit des Kapitals. Die bisherigen Vorstellungen über Globalisierung und Nationalstaat gehören deshalb auf den Prüfstand.
Zunächst muss eine theoretische Gemeinsamkeit hinterfragt werden, die sowohl bei den Globalisierungsgegnern als auch bei den Befürwortern anzutreffen ist. Trotz mancher Streitpunkte betrachten beide das Kapital hauptsächlich vom Standpunkt des Bankiers, nur dass die Globalisierungsgegner dies kritisch tun. Sie machen den Fehler, das Kapital unter dem Gesichtspunkt des Einzelkapitals und dazu hauptsächlich in der Form des Geld- und Börsenkapitals zu kritisieren, nicht aber als Gesamtkapital. Die Globalisierungsgegner richten deshalb ihre praktischen Aktionen auch nicht gegen das Gesamtkapital, gegen das Kapitalverhältnis selbst, sondern lediglich gegen Teile davon, vorzugsweise gegen Weltbank, IWF, Devisenspekulationen (Tobin-Steuer als Linderungsmittel) oder gegen die Börse.
Der Standpunkt des Geld- und Börsenkapitals muss zu einer Überschätzung der Beweglichkeit des Kapitals und zu einer Vorstellung von Globalität führen, die bei Betrachtung des Gesamtkapitals in einem völlig anderen Licht erscheinen würde.
Die falschen Vorstellungen vom Kapital verleiten noch zu einem anderen Irrtum: Da die Globalisierungsökonomen einschließlich ihrer Kritiker das Kapital als uneingeschränkt mobil und territorial als ungebunden auffassen, kann es selbst keine Voraussetzung für den Nationalstaat bilden. Im Gegenteil: Sie sehen im Staat eine dem Kapital gegenüber exogene Größe, die auf ganz anderen Voraussetzungen beruht, und die das schnellfüßige Kapital durch Schranken behindert bzw. behindern soll. Bei genauerer Analyse zeigt sich jedoch, dass das Kapital bei der nationalstaatlichen Zersplitterung eine zentrale Rolle spielt. In seiner Funktion als „produktives Kapital“ entwickelt es nämlich einen territorial bezogenen Interessenzusammenhang, der in der Globalisierungsdiskussion völlig übersehen wird. Das auf ein bestimmtes Territorium fokussierte Kapitalinteresse wird aus ideologischen Gründen als nationales Interesse ausgewiesen. Globalisierung und nationalstaatliche Zersplitterung, einschließlich der darin wurzelnden Kriege, bilden - so die These - zwei Seiten einer Medaille, die Kapital heißt. Der Kampf gegen die Globalisierung muss deshalb den Kampf gegen Nationalismus und Krieg einschließen. Das Kapitalverhältnis selbst als Quelle einer universellen Barbarei steht demnach zur Disposition.

Über die Globalität des Kapitals und der Finanzmärkte

Soviel ist zunächst einmal an der Globalisierungsthese richtig: Globalisierung wird durch das Kapitals notwendig hervorgetrieben: Wie dies geschieht, ist einfach zu erklären. Kapital, abstrakt gefasst, ist ein sich verwertender Wert, der sich in der Bewegung erhält und vergrößert, d.h. mit einem Profit versehen, zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Seinem allgemeinen Begriff nach ist es endlos in seiner Bewegung, kennt keine Fokussierung auf einzelne Länder, keine nationalen oder territorialen Besonderheiten. Seine charakteristische Eigenschaft besteht gerade in der Gleichgültigkeit gegenüber geographischen und stofflichen Gegebenheiten. Seine Bestimmungen sprechen für Globalität, nicht für lokale oder nationale Schranken.
Bereits vor Beginn der kapitalistischen Epoche zeigt sich diese globale Seite des Kapitals bei den Kaufleuten, die in der Hauptsache noch nicht kapitalistisch produzierte Waren kauften, um sie teurer zu verkaufen. Wie wenig die Kaufleute mit einem besonderen Land verbunden waren, zeigt z.B. die Hanse. Ihr waren Kaufleute aus völlig verschiedenen Städten mit unterschiedlicher Kultur und Tradition angeschlossen; der Handel trug einen globalen, keinen nationalen Charakter. Außenhandel, Handelsbilanzüberlegungen etc. waren dieser Welt des Handels fremd. Es fehlte die Ortsgebundenheit, die territoriale Verbundenheit des Kapitals.
Das moderne Börsenkapital der Finanzmärkte scheint die fehlende Ortsgebundenheit des einstigen Kaufmannskapitals noch zu übertreffen. Mit der Revolutionierung der Kommunikationstechnik schrumpft die zeitliche Differenz zwischen einem Ereignis und der entsprechenden Meldung darüber zusammen, so dass inzwischen das Börsengeschehen in Echtzeit von fast jedem Punkt der Erde aus verfolgt werden kann. Kauf- bzw. Verkaufsaufträge lassen das Börsenkapital in Sekundenschnelle von einem Eigentümer in das Depot eines anderen wandern, gleichgültig wie weit sie voneinander entfernt wohnen. Diese fehlende territoriale Verbundenheit des Kapitals dient den Globalisierungstheoretikern durchweg als die charakteristische Eigenschaft des Kapitals. Sie identifizieren das aus Wertpapieren bestehende fiktive Kapital mit dem in der Produktion steckenden wirklichen Kapital. Mit einer solchen vom Börsengeschehen aus geprägten Sichtweise geriet die Globalisierungsdiskussion in eine theoretische Sackgasse.
Das, was die gesamte kapitalistische Epoche charakterisiert, ist weder das Kaufmannskapital noch das Börsenkapital, sondern die Durchkapitalisierung der Produktion, die systematische Produktion von Mehrwert durch die Anwendung produktiver Lohnarbeiter. Mit dieser Neuausrichtung der Produktion tritt eine entscheidende Wende ein: Auf der einen Seite erhält die Globalisierung einen ungeheuren Schub, indem die kapitalistische Großproduktion den Weltmarkt sprunghaft entwickelt, auf der anderen Seite tritt eine kleinliche, nationalstaatliche Abgrenzung ein. Beide Tendenzen traten nicht nur während des Merkantilismus hervor, sondern begleiten den Kapitalismus selbst in unserer Zeit. So ist die Zahl der Nationalstaaten und der Volkswirtschaften seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprunghaft gestiegen. Die Entwicklung in Mittel- und Osteuropa zeigt auf der einen Seite eine Restauration der kapitalistischen Produktionsweisen, auf der anderen Seite eine nationalstaatliche Zersplitterung in viele Natiönchen, die erst vor kurzem ihre Besonderheit und Eigenständigkeit entdeckten. Solche Tendenzen legen die These nahe, dass die „nationale Frage“ etwas mit dem Kapital selbst zu tun haben muss. Der Beweis für diese These soll nun in vier Schritten erfolgen:

Erste These: Für die kapitalistische Epoche ist das produktive Kapital wesentlich. Ein Großteil davon ist territorial gebundenen und bildet einen Ausgangspunkt für eine politische Ökonomie der Nation

Die Manufaktur bildet die erst bedeutende Existenzweise des Kapitals, das die Produktion zu beherrschen beginnt. Seine Verwertung wird entsprechend mehr und mehr bestimmt von den Bedingungen der Produktion und nicht mehr von denen der Zirkulation, dem bloßen Kauf und Verkauf von Waren. Auch das alte Kaufmannskapital erhält unter diesen neuen Bedingungen eine andere Existenzweise. Es operiert nun nicht mehr zwischen nichtkapitalistischen Polen, sondern handelt zunehmend mit Waren, die kapitalistisch produziert worden sind. Das industrielle Kapital ist ihm vorausgesetzt, bestimmt mehr und mehr seine Profitabilität und überhaupt die Verwertung des gesamten in der Region ansässigen Kapitals. Die Kaufleute bilden jetzt nur noch eine besondere Gattung von Kapitalisten, die eine besondere Funktion ausüben.
Wie das Kaufmannskapital tritt auch das industrielle Kapital zunächst als Geldkapital in die Zirkulation. Es kauft aber nicht Waren, um sie unverändert weiter zu veräußern, sondern um ihren Gebrauchswert zu verändern. Für einen solchen Produktionsprozess sind verschiedene Produktionsmittel wie Rohstoffe, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel sowie Arbeitskräfte erforderlich.
Durch die Umwandlung des Geldkapitals in die sachlichen und persönlichen Produktionsvoraussetzungen wird es funktional als produktives Kapital in der Produktion fixiert, von wo aus es nicht mehr oder nur unter Schwierigkeiten zurückkehren kann in die Zirkulation. Es muss als produktives Kapital solange agieren, bis eine verkaufsfähige Ware hergestellt worden ist.
Eine besondere Rolle spielen dabei die Arbeitsmittel wie Fabrikgebäude, Maschinen etc. Diese bleiben in der Produktionssphäre, nachdem sie dort einmal eingetreten sind. Mit der Funktion geht nur ein Teil ihres Werts auf das neu zu produzierende Produkt über, während der andere Teil im Arbeitsmittel und daher im Produktionsprozess zurückbleibt. Aufgrund dieser besonderen Zirkulationsweise des Werts hat Marx den in Arbeitsmitteln verausgabten produktiven Kapitalteil “fixes Kapital” genannt.
Neben die funktionale Fixierung tritt für einen Großteil der Arbeitsmittel die territoriale Fixierung, wodurch das gesamte produktive Kapital - von wenigen Ausnahmen abgesehen - eine weitreichende physische Unbeweglichkeit erhält.
Die örtliche Befestigung von Arbeitsmitteln kann auf zweifacher Weise erfolgen: Ein Teil davon wird territorial fixiert, sobald er als Arbeitsmittel in die Produktionssphäre eintritt, wie z.B. Maschinen, die in Fabrikgebäuden installiert werden; ein anderer Teil wird von vornherein in einer am Ort fixierten Form produziert, wie z.B. Fabrik- und Bürogebäude, Hochöfen, Flughäfen, Hafenanlagen, Straßen, Kanäle, Bodenmeliorationen etc.
Das produktive Kapital schlägt Wurzeln, wird immobil, hängt auf Gedeih und Verderb am Schicksal des entsprechenden Gebiets. Durch die Art der fixierten Arbeitsmittel sind einerseits die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses, also die Produktionsweise selbst, andererseits die allgemeinen Verwertungsbedingungen des Kapitals festgelegt. Zu den gesellschaftlich geschaffenen Produktivkräften kommen noch die Naturgegebenheiten. “Der Umstand jedoch”, schreibt Marx im Zweiten Band des Kapitals “dass Arbeitsmittel lokal fixiert sind, mit ihren Wurzeln im Grund und Boden feststecken, weist diesem fixen Kapital eine eigene Rolle in der Ökonomie der Nationen zu. Sie können nicht ins Ausland geschickt werden, nicht als Waren auf dem Weltmarkt zirkulieren.”
Mit Art und Umfang der fixierten natürlichen und gesellschaftlichen Produktivkräfte ergibt sich eine bestimmte gesellschaftliche Teilung der Arbeit, Art und Umfang der Produktionszweige, Effizienz der Transportmittel, Größe und Dichtigkeit der Bevölkerung, Geschick und Ansprüche der Arbeiter. Solche Bedingungen bestimmen die allgemeine Produktivität und Intensität der in der entsprechenden Region verausgabten Arbeit. Es existiert, wie Friedrich List es einst nannte, ein “nationales System der produktiven Kräfte”, oder, wie er es auch bezeichnet hat, die “Konföderation der Nationalproduktivkräfte.” Danach hängt die Produktivität maßgeblich von dem Zusammenwirken der verschiedenen Produktionszweige ab. “In der Manufaktur konzentrieren und vereinigen sie (die produktiven Kräfte) sich, ballen sie sich auf einer kleinen Fläche zusammen. Durch diesen Zusammenschluss und dieses Zusammenwirken ergibt sich eine Steigerung der produktiven Kräfte, die eher in geometrischer als in arithmetischer Proportion zunimmt. Je mehr Manufakturen verschiedener Art entweder am gleichen Ort vereint oder aber durch bequeme und schnelle Verkehrswege und Transportmittel eng miteinander verbunden sind, umso größere Bedeutung gewinnt die produktive Kraft jeder dieser Manufakturen.” (List, Das natürliche System der politischen Ökonomie, 1838, S. 80f). “Die produktive Kraft jeder einzelnen Fabrik ist umso größer, je mehr die ganze Fabrikationskraft des Landes nach allen ihren Verzweigungen ausgebildet und je inniger sie mit allen übrigen Geschäftszweigen vereint ist”. (List, Das nationale System der politischen Ökonomie, 1841, S. 168f).
Ein Kapital, das in einem Land angelegt wird, operiert auf der dort allgemein gültigen Grundlage; es sind besondere von anderen Ländern wohl unterschiedene Bedingungen, die es nicht selbst erzeugen kann. Diese Bedingungen bilden ein gemeinschaftliches Monopol aller im Land ansässigen Kapitale gegenüber den Bedingungen anderer Länder. Hierbei handelt es sich um ein aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst entspringendes kollektives Monopol. Das Einzelkapital trägt durch seine besondere Funktion, die es im Lande verrichtet, seinen Teil zur Ökonomie des Monopols bei, ohne sie aber in ihrer Gesamtheit bestimmen zu können. Es bildet ein, wie Marx es nannte, “selbständiges Bruchstück des gesellschaftlichen Gesamtkapitals”.

Zweite These: Das territorial fixierte Gesamtkapital bildet eine real existierende Größe mit eigenständigen Interessen

Dass ein solches Gesamtkapital tatsächlich existiert und als einheitlich agierende Größe auftritt, hat Marx en détail nachgewiesen, und wird auch von der Volkswirtschaftslehre unter den Titeln “Makroökonomik” bzw. “Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung” anerkannt, wenngleich nicht verstanden. Merkwürdigerweise nimmt die aktuelle Globalisierungsdebatte keinen Bezug auf diese wichtige Kategorie, die erst eine wissenschaftliche Grundlage für eine Diskussion über mögliche Grenzen der Globalisierung liefert. Stattdessen lässt man sich impressionistisch von vermeintlich “neuen” Tendenzen leiten, die bereits Marx und Engels im Kommunistischen Manifest in bewundernswerter Weise dargestellt haben und die schon der Imperialismusdiskussion zu Beginn des Jahrhunderts als Anschauungsmaterial dienten.
Was ist unter dem Begriff des Gesamtkapitals zu verstehen?
Marx weist im Zweiten Band des Kapitals nach, wie sich genau die Kreisläufe der Einzelkapitale ineinander verschlingen, sich wechselseitig voraussetzen, einander bedingen und wie sie in dieser Verschlingung die Bewegung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals konstituieren. Entsprechend greifen die Interessen der Funktionäre des Kapitals beständig ineinander, bildet sich bei aller Entzweiung durch die Konkurrenz ein gewisses gemeinsames Interesse am Wirtschaftsprozess heraus.
Das Gesamtkapital bildet aber nicht einfach die Summe aus Einzelkapitalen bzw. deren Bewegungen; es treten besondere Momente hinzu, wodurch es eine eigenständige Qualität erhält. Dazu gehört die besondere Reproduktionsweise des Gesamtkapitals: Während der konstante Teil des Einzelkapitals in völlig verschiedenen Gebrauchsgegenständen wiedererscheint, etwa als Brot des Bäckers, als Speiseeis des Eisproduzenten etc. erscheint der konstante Teil des Gesamtkapitals wohl geordnet in einer bestimmten Menge Produktionsmittel. Und auch die beiden anderen Wertbestandteile, das variable Kapital und der Mehrwert, erscheinen jetzt nicht mehr in ihrer großen Buntheit von Gebrauchsgegenständen, sondern als zusammengezogene Größe einer bestimmten Menge Konsumtionsmittel. In dieser geordneten Gestalt sind die Voraussetzungen für den Stoff- und Wertersatz der gesellschaftlichen Reproduktion gegeben.
Das Gesamtkapital tritt in Gestalt der Durchschnittsprofitrate als tatsächlich agierende Einheit auf. Diese Eigenständigkeit zeigt sich nach innen hin im Ausgleich der Profitraten zwischen den Einzelkapitalen: Die Profitrate des Gesamtkapitals oder die Durchschnittsprofitrate behandelt tatsächlich jedes Einzelkapital als Teil eines gemeinsamen Ganzen; sie beherrscht die scheinbar selbständige Bewegung der Einzelkapitale, drückt dem “kreativen Unternehmergeist” den Zwang der Verhältnisse auf. Dieser Geist ist nur der Geist des Verwertungszwangs des Geldes, umgesetzt in die konkreten Umstände, unter denen er sich um der Kapitalsache willen abmühen muss.
Die Durchschnittsprofitrate bestimmt die Proportionen, zu denen sich die Einzelkapitale über die Gesellschaft hinweg zu verteilen haben. Es ist der Sachzwang, der in Form der Bewegung der Marktpreise und der darin eingeschlossenen Profitratenbewegung den Einzelkapitalen aufgeherrscht wird; sie stehen, wie man zu sagen pflegt, unter dem “Diktat des Marktes”. In all dem wirren Durcheinander der Konkurrenz und der Anarchie setzt sich die erforderliche Reproduktion des Gesamtkapitals stofflich und wertmäßig in den erforderlichen Proportionen durch.

Dritte These: Der Widerspruch aus Gleichheit des Kapitals und Ungleichheit der Verwertungsbedingungen führt zu einer Pluralität der Gesamtkapitale

Die Eigenständigkeit des Gesamtkapitals besteht aber nicht nur im Verhältnis zu seinen Teilen, sondern macht sich auch nach außen hin geltend gegenüber anderen Gesamtkapitalen. Warum gibt es überhaupt ein solches Außenverhältnis mit einer Vielzahl von Gesamtkapitalen und nicht eine einzige Welt-Kapitalgesellschaft?
Das Kapital, abstrakt gefasst, enthält alle Bestimmungen, die jedem Kapital als solchem zukommen. Seine Eigenschaften sind gleich. Diese Gleichheit muss sich auch in der Verwertung zeigen. Das Maß dieser Verwertung wird gebildet durch das Verhältnis des vom Kapital angeeigneten Mehrwerts zum vorgeschossenen Wert. Diese Profitrate, bestimmt durch den allgemeinen Kapitalbegriff, ist die Durchschnittsprofitrate, die sich als einheitliche Zinsrate darstellt. Die Bedingungen der Gleichheit, d.h. der gleichen Profitrate, existieren aber, wie gezeigt, nur für die kollektiven Monopole.
Da auf dem Weltmarkt Ungleichheit der Bedingungen herrscht, ist eine Weltkapitalgesellschaft unmöglich; sie würde im Widerspruch stehen zur Gleichheit der Kapitale.
Aus der Gleichheit des Kapitals und der Ungleichheit seiner allgemeinen Verwertungsbedingungen entsteht die Notwendigkeit, dass sich die Gesamtkapitale entlang ihrer Verwertungsgrenzen voneinander separieren.
Nun sind die Gesamtkapitale durch das fixe Kapital mit ihren jeweiligen Territorien verbunden. Die Verwertungsgrenzen werden Bestimmungsmomente für Ländergrenzen. Das Land erhält dadurch eine besondere ökonomische Bestimmung: Es steht nun nicht mehr einfach für den Erdboden als natürliche Produktionsvoraussetzung. Auch hat sich darin nicht nur fixes Kapital eingegraben. Es dient vielmehr einem real agierenden gesellschaftlichen Gesamtkapital als Ort seiner Existenz.
Ein Ausgleich der Bedingungen zwischen verschiedenen Ländern ist nicht durch fortwährende Übertragung von Kapital aus einem Land in das andere, wo der Profit höher steht, möglich. Wandern Kapitale aus, dann können sie natürlich nicht das im Land vorhandene System der Produktivkräfte bzw. die dort allgemein vorhandenen Verwertungsbedingungen mitnehmen. Sie müssen sich vielmehr den entsprechenden Bedingungen des anderen Landes unterwerfen, fungieren dort als Bestandteil eines anderen Gesamtkapitals und partizipieren an der dort existierenden Stufe der Intensität und Produktivität der Arbeit.

Vierte These: Die Konkurrenz der Gesamtkapitale untereinander verwandelt harmlose kulturelle oder natürliche Unterschiede in einen Gegensatz - sein Inhalt ist ökonomisch, seine Form national

In der Durchschnittsprofitrate sind die durch die Konkurrenz in gegensätzliche Interessen zersplitterten Unternehmen praktisch miteinander vereint, kommen sich selbst zum Bewusstsein als eine gesellschaftliche Macht, an der jedes im Verhältnis seines Anteils am gesellschaftlichen Gesamtkapital teilhat.
Entsprechend haben die Funktionäre des Kapitals ein gemeinsames Interesse, ihr Eigentum als kapitalistisches Eigentum zu erhalten und damit ihre “Gewinnsituation” durch Beseitigung aller erkennbaren negativen Einflüsse zu verbessern. Diese Gemeinschaftlichkeit ist nach innen hin gegen die Lohnarbeiter, nach außen hin gegen die Vertreter anderer Gesamtkapitale gekehrt. Sie wollen den Erhalt und die Ausweitung profitabler Absatzmärkte im Ausland, sprechen sich gegen Zölle oder andere Absatzbehinderungen im Ausland aus, spannen ihre Politiker für die Öffnung und Erweiterung ausländischer Märkte ein, begehren preisgünstige Rohstoffe und wollen den eigenen Standort durch eine günstige Infrastruktur, durch Behinderung der ausländischen Konkurrenz und insbesondere durch niedrige Löhne möglichst profitabel gestalten.
Sie drücken ihre Interessen nicht in der sonst im Geschäftsleben gewohnten rohen materialistischen Art, sondern weisen sie vornehm als gemeinschaftliches, höheres Anliegen aus. Im Außenverhältnis dienen dazu als Mittel alle möglichen Besonderheiten wie etwa Kultur, Sprache, gemeinsame Tradition, Hautfarbe/Blut, geographische Gegebenheiten etc., die der Standort eines gesellschaftlichen Gesamtkapitals im Unterschied zu anderen Standorten gerade mal liefert. Solche an sich harmlose kulturelle und natürliche Unterschiede verwandeln sich durch die Konkurrenz der Gesamtkapitale untereinander in einen Gegensatz: Sein Inhalt ist ökonomisch, seine Form national.
“Mit der Manufaktur”, schreibt Marx in der Deutschen Ideologie (MEW 3, S. 56), “traten die verschiedenen Nationen in ein Konkurrenzverhältnis, in den Handelskampf, der in Kriegen, Schutzzöllen und Prohibitionen durchkämpft wurde, während früher die Nationen, soweit sie in Verbindung waren, einen harmlosen Austausch miteinander hatten. Der Handel hat von nun an politische Bedeutung.” Er wird zugleich nationaler Handel, geprägt vom Interessengegensatz der gegeneinander konkurrierenden nationalen Kapitale.
Und an anderer Stelle schreibt Marx: “Der Bourgeois hat, so sehr der einzelne Bourgeois gegen die anderen kämpft, als Klasse ein gemeinschaftliches Interesse, und diese Gemeinschaftlichkeit, wie sie nach innen hin gegen das Proletariat gekehrt ist, ist nach außen hin gegen die Bourgeois anderer Nationen gekehrt. Das nennt der Bourgeois seine Nationalität.” (Marx, Über Friedrich Lists Buch „Das nationale System der politischen Ökonomie, 1845, S. 462.) Die Gesamtkapitale haben eine nationale Färbung erhalten. Verkleidet in ihren Nationaluniformen treten sie als französisches, deutsches, japanisches etc. und nicht einfach als Kapital auf.
Diese Nationalität ist, da sie aus dem Kapital hervorgeht, notwendigerweise eine Angelegenheit des Kapitals, nicht der Arbeiter: “Die Nationalität des Arbeiters ist nicht französisch, nicht englisch, nicht deutsch, sie ist die Arbeit, das freie Sklaventum, die Selbstverschacherung. Seine Regierung ist nicht französisch, nicht englisch, nicht deutsch, sie ist das Kapital. Seine heimatliche Luft ist nicht die französische, nicht die deutsche, nicht die englische Luft, sie ist die Fabrikluft.” (Ed. S. 461)
Da das Kapital die gestaltende Kraft und ideologische Macht der Gesellschaft bildet und sich deren Vertreter genötigt sehen, die Volksmassen immer wieder für ihre Zwecke in Bewegung zu setzen, schlägt sich das nationale Element im allgemeinen Volksbewusstsein nieder. Solche nationalen Vorstellungen haben handfeste ökonomische Voraussetzungen, sind verschlüsselte Formen, worin sich der schmutzige Krämergeist der Kapitalistenklasse volksgemeinschaftlich auszudrücken pflegt.
Nicht kulturelle, geschichtliche, biologische oder sonstige natürliche Besonderheiten, sondern das Industriekapital selbst bildet die wirkliche Basis und die treibende Kraft der Nation.
Wie sehr die nationale Frage durch die industrielle Entwicklung, durch die Konstitution des gesellschaftlichen Gesamtkapitals ihre Bedeutung erhält, hat Rosa Luxemburg am Beispiel Polens aufgezeigt: “Die so genannte polnische Frage”, schreibt sie in ihrer Dissertation “Die industrielle Entwicklung Polens” Luxemburg (1898), S. 115, “kann nur auf Grund des ökonomischen Lebens Polens und dessen Tendenzen gelöst werden.” Sie kommt zu dem Schluss, dass Polen mit Russland bereits eine ökonomische Einheit bilde und daher die nationale Frage faktisch gelöst sei. “Was schon von vornherein eine so scharfe Trennung der Interessen (zwischen Polen und Russland) ausschließt, ist die weitgehende Arbeitsteilung, welche Zwischen den Industrien der beiden Länder stattfindet…Polen ist für Russland eine Bezugsquelle für Wollspinngarn, Maschinen, Kohle etc., Russland versieht dagegen Polen mit roher Wolle, mit Roheisen…”. (ed. S. 178)
Hier fehlt der Platz, um die Frage zu erörtern, ob damals der Verschmelzungsprozess tatsächlich weit genug fortgeschritten war, um von einem einheitlichen russisch-polnischen Gesamtkapital sprechen zu können. Nur die methodische Seite soll interessieren. Der Fortschritt besteht darin, dass Rosa Luxemburg die innere Verbindung von Kapital und Nation in den Mittelpunkt ihrer Analyse rückt und dabei an die Kategorie des Gesamtkapitals anknüpft. Eine solche politische Ökonomie der Nation, wodurch die Globalität eine Schranke erhält, ist später in den Hintergrund getreten. Als Grund dafür muss die Vulgarisierung der ökonomischen Theorie gesehen werden, die nicht ohne Einfluss auf die nachmarxistische Diskussion blieb. Statt an der Kategorie des Gesamtkapitals als ein Gebilde eigener Art, mit eigenen Interessen anzuknüpfen, folgte man dem methodologischen Individualismus: Monopole, Konzerne, Finanzkapitale etc. mussten herhalten, um aus deren Spezialinteressen die jeweils aktuelle kapitalistische Entwicklung abzuleiten. Dies kennzeichnet nicht nur einen Teil der klassischen Imperialismustheorie, sondern schlägt sich ebenfalls in der modernen Globalisierungsdebatte nieder.