Archiv für Juni 2002

Was ist Parasitenforschung?

von Horst Schulz

Wenn es um alte Zeiten oder ferne Länder geht, dann entdecken Berichterstatter, Schulmeister und selbst Politiker überall die Pfründewirtschaft, also die parasitäre Bereicherung der herrschenden Cliquen. Wenn aber die modernen demokratischen Verhältnisse begutachtet werden, dann bemerkt man professionelle Müßiggänger und Sinekuristen vielleicht einmal als Ausnahmewesen. Nach herrschender Meinung schöpfen heutzutage weder Geld- und Amtsadel noch andere notwendige Funktionäre einer betrügerischen Gesellschaftsordnung den Arbeitsfleiß der arbeitsamen Menschen systematisch ab. Man kann das auch grundlegend anders sehen.

Die einen bauen Kanäle, Automobile, Straßen, Häuser, schneidern Klamotten, fertigen Stühle und Schränke, machen Ländereien urbar, pflanzen und ernten allerlei Kraut und Knollen, entwickeln die Wissenschaften und wenden sie an; die anderen brechen Willen, treiben Steuern ein, unterdrücken Lebenskräfte und beanspruchen unbefangen die Autos, Häuser, Straßen, Kleider, Salate, Stühle etc., die jene erzeugt haben…
Wenn von primitiven Lebensformen die Rede ist, dann gilt allen die Angelegenheit als eine Selbstverständlichkeit. Das ist sehr merkwürdig. Ausgerechnet die Biologen erforschen die gesetzmäßigen Beziehungen zwischen Wirts- und Parasitenpopulationen; sie kennen nicht nur das Phänomen, daß die Parasiten ihren Wirtsorganismus zu Tode bringen; sie haben nicht nur die gleichzeitig an einem Wirt schmarotzenden Multi-Parasitenarten entdeckt, sondern auch den Clepto-Parasitismus und sogar den Staatsparasitismus als Sonderfälle. Selbst Parasiten der Parasiten sind den Biologen schon bekannt; wenn die einen Schmarotzer von anderen befallen werden, dann nennen sie das Hyper-Parasitismus.
Kein Zweifel kann darüber bestehen, daß die von den Biologen verwendeten Bezeichnungen aus dem Reich der Menschen in das Reich der unmenschlichen belebten Natur gewandert sind - statt umgekehrt; um so verwunderlicher ist es daher, wenn die entsprechenden Stichwörter in den Lexika der Geschichte, Soziologie, Politik und Philosophie keine Behandlung finden. Was die Biologen untersuchen, das ist den “Sozialwissenschaftlern“ offenbar nicht erlaubt oder fällt ihnen gar nicht erst ein. Schon immer war es dagegen aber ein Vorrecht dieser oder jener Parasitenstämme, Schädlingseigenschaften bei anderen zu denunzieren. Die kirchlichen Würdenträger des Mittelalters, die selbst nicht ohne den Zehnten existieren konnten, verdächtigten so nützliche Charaktere wie Jongleure, Kneipenwirte oder Chirurgen; die faschistischen Staatsparasiten verleumdeten massenwirksam sogar die bloße Herkunft; und heute heißen Sozialschmarotzer nicht etwa die Figuren der erfolgreichen müßigen und schädlichen Gesellschaftskreise, sondern lediglich die Schlechtweggekommenen, denen das Leben von den Früchten fremder Arbeit ein aufgezwungenes Übel ist und mehr als ein elendes Weiterschleppen eh nicht zuläßt.

Wer uns den Vorwurf macht, wir wollten die Unzufriedenheit der hervorbringenden Klassen steigern, der liegt richtig. Wer dagegen meint, wir sähen die bevorzugten Menschenexemplare gerne in einem Arbeitslager, einem Irrenhaus oder gar auf einem Friedhof, der sollte sich belehren lassen. Wir sind weit entfernt, von derartigen Einrichtungen die Besserung der elenden Verhältnisse zu erwarten; wir sind auch weit davon entfernt, diesen Exemplaren ähnliche Schicksale zu wünschen, die sie selbst gegenüber den benachteiligten Klassen wenigstens billigend in Kauf nehmen. Wir teilen nicht einmal deren eigene Selbsteinschätzung als “Verantwortungsträger“, sondern legen diese als eine notwendige Selbsttäuschung und Täuschung aus, die wir ausräumen wollen. Daher dieses Projekt. Wir wollen, um die Potenzen einer durch Arbeit erneuerten Gesellschaft sichtbar zu machen, das Ausmaß des Schadens erhellen, den die besseren Leute anrichten.

In vergangenen Zeiten war es, wenigstens bei vielen denkenden Beobachtern, überhaupt nie ein Geheimnis, daß die übermäßige Arbeit der einen dem Vorteil der anderen dient und unter den gegebenen Verhältnissen dienen muß:

“Das Menschengeschlecht kann, so wie es ist, nur bestehen, wenn es eine große Anzahl brauchbarer Menschen gibt, die überhaupt nichts besitzen; denn ein Mensch, der im Wohlstand lebt, wird sein Stück Land gewiß nicht verlassen, um eures zu bearbeiten” (Voltaire).

„Wie die Pflanze von der Erde, das Vieh von der Pflanze oder vom pflanzenfressenden Vieh lebt, so der Teil der Gesellschaft, der freie Zeit, disposable nicht in der unmittelbaren Produktion der Subsistenz absorbierte Zeit besitzt, von der Mehrarbeit der Arbeiter. Reichtum ist daher disposable Zeit. Wir werden sehen, wie die Ökonomen etc. diesen Gegensatz als natürlichen betrachten” (Marx).

“Damit es einen breiten, tiefen und ergiebigen Erdboden für eine Kunstentwicklung gebe, muß die ungeheure Mehrzahl, über das Maß ihrer individuellen Bedürftigkeit hinaus, der Lebensnot sklavisch unterworfen sein. Auf ihre Unkosten, durch ihre Mehrarbeit soll jene bevorzugte Klasse dem Existenzkampfe entrückt werden, um nun eine neue Welt des Bedürfnisses zu erzeugen und zu befriedigen… Das Elend der mühsam lebenden Menschen muß noch gesteigert werden, um einer geringen Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwelt zu ermöglichen“ (Nietzsche).

Schreiben Sie uns, wenn Sie Manager, Handelsvertreter, Berufsverbrecher, Mechanikerin, Dachdeckerin, Wirtschaftsprüfer, Prostituierte oder der Papst sind oder etwas ganz anderes. Wir wollen die Berufsberichte aus erster Hand, denn wir wollen nicht glauben, daß staatlich bestellte Sozialforscher, die die Welt aus der Perspektive ihrer Treue- und Gehorsamspflichten gegenüber ihrem Arbeitgeber betrachten müssen, irgendetwas Erhellendes zustande bringen. Sie weiden fernab vom pulsierenden Leben und daher auch von den Sorgen, Nöten und Hoffnungen der Figuren auf dem Schachbrett der bürgerlichen Gesellschaft, über die sie zum Zwecke ihres Lebensunterhalts berichten.

Horst Schulz