Archiv für Oktober 2003

Parasiten als „Helden der Arbeit“ - Wer viel bekommt, hat viel geleistet

Die beiden Professoren Antonio Negri und Michael Hardt haben eine pfiffige Idee, die auch anderen Professoren, dazu den gut bezahlten Unterhaltern, Schriftstellern, Staatsbeamten, Politikern, Kulturschaffenden, Stars etc. gut gefallen wird. Sie verleihen der “affektiven Arbeit”, die dort geleistet wird, eine besondere wertschaffende Qualität. Die üppige Bezahlung solcher Dienste erhält ihre ökonomische Rechtfertigung.

Eine Hand wäscht die andere: Für seine Pfründe wertet der Ideologe die anderen Parasiten der Gesellschaft zum wertvollsten und unverzichtbaren Teil der Gesellschaft auf.

Weiterlesen: ‘Parasiten als „Helden der Arbeit“ - Wer viel bekommt, hat viel geleistet’ »

Der schleichende Tod der Globalisierungsdebatte

Ein Nachruf

Modeströmungen haben ihren inneren Rhythmus: Sie beginnen zunächst zaghaft, breiten sich dann spektakulär aus, erreichen einen Höhepunkt und verschwinden schließlich im Nichts. Die Globalisierungsdebatte gehört dazu. Sie hat inzwischen das Endstadium ihres Modezyklus erreicht:

Die Zahl der Publikationen nimmt ab, die Hörsäle bleiben leer, die Medien berichten kaum noch von dem einst erwarteten „historischen Umbruch“, den die Globalisierung bringen sollte. Woher kommt der Niedergang und wie ist er zu beurteilen?

Auf den ersten Blick könnte man vielleicht meinen, dass es sich hier gar nicht um einen Niedergang handelt. Der amerikanische Feldzug gegen den Irak und der sogenannte “Kampf gegen den internationalen Terrorismus” habe die Aufmerksamkeit nur absorbiert, so dass kaum Raum für das Thema Globalisierung geblieben sei. Diese Sichtweise greift zu kurz. Der Krieg spielt gewiss eine wichtige Rolle, aber nicht als bloßer Verdrängungsfaktor. Der Niedergang setzte schon früher ein, ist im theoretischen Kern der Diskussion angelegt. Um dies zu verstehen, sollen die Inhalte und die zeitgeschichtlichen Umstände der Debatte kurz beleuchtet werden.

Der Börsenboom der 90er Jahre, der im Frühjahr 2000 seinen Zenit erreichte und von der Einführung neuer Kommunikationstechnologien begleitet und teilweise getragen worden war, bildete den wichtigsten Bezugspunkt der Globalisierungsdebatte. Man fokussierte sich auf das spektakuläre Börsengeschehen, nämlich auf das so genannte Finanzkapital, auf die Aktien, Anleihen und Derivate, die dort gehandelt werden und die unter Inanspruchnahme der modernen Kommunikationstechnik in Sekundenschnelle über die Ländergrenzen hinweg und von jedem Ort der Welt aus gekauft und wieder verkauft werden können. Es schien nahe zu liegen, dass die Börse die Hauptarena des Kapitals bildet und dass die Portfoliomanager, die Börsenhändler und die Banken die eigentlichen Akteure sind. Demgegenüber fand der wirkliche Reproduktionszusammenhang mit den feststehenden Industrieanlagen, den Infrastruktureinrichtungen etc. kaum Beachtung.

Nun weist das in den Vordergrund gerückte Finanzkapital weder eine territoriale noch eine sektorale Differenzierung auf. Die Globalisierungsdebatte hat es entsprechend als eine weitgehend homogene Größe, als einen „globalisierten Finanzblock“ (Biermann/Klönne), als ein “kapitalistisches Weltsystem“ ohne territoriale Bindung (Soros, Hardt/Negri) charakterisiert. „Die Welt ist eins“ - so haben Hans-Peter Martin und Harald Schumann in ihrem mehrfach aufgelegten populären Buch „Die Globalisierungsfalle. Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand“ die finanzkapitalistische Globalisierung auf eine einfache Formel gebracht.

Aus der Vorstellung vom Finanzkapital folgt als Konsequenz die Globalisierungsthese. Danach entsteht eine „neue Internationale des Kapitals“ mit dem Finanzkapital als „Kraftzentrum der Globalisierung“ (Martin/Schumann). „Die simulative Geisterakkumulation des Spekulationskapitals reguliert nicht nur die Warenströme nach ihren Geisterbedürfnissen; sie ist auch logischerweise das Zentrum der Globalisierung, weil sie in einem weitergehenden Sinne als die reale Warenproduktion unmittelbar global sein kann.“ (Robert Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus, S. 753) Die globalisierten Finanzmärkte würden zu Richtern und geschworenen jeder Wirtschaftspolitik, ein Sonderweg sei nun nicht mehr möglich. Die Nationalstaaten lösen sich tendenziell auf oder bestehen schon gar nicht mehr: „Und auch der Nationalstaat hat aufgehört zu existieren“, (Toni Negri, Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, Jan. 2001). An die Stelle einst konkurrierender imperialistischer Staaten tritt das „zentralisierte Empire“ als ein der globalisierten Welt entsprechendes abstraktes Machtmonopol. „In diesem glatten Raum des Empire gibt es keinen Ort der Macht – sie ist zugleich überall und nirgends. Das Empire ist ein ou-topia, oder genauer: ein Nicht-Ort“. (Hardt/Negri, Empire, S. 202)

Es ist schon erschreckend, welche theoretischen Konsequenzen gezogen werden. Ein neues Stadium des Kapitalismus hat man wieder einmal verkündet, diesmal als eine Art „Ultraimperialismus“, getragen von einem weltweit und einheitlich operierenden Finanzkapital. Dabei werden weder die aktuellen Entwicklungstendenzen systematisch analysiert, noch werden diese in einen historischen Zusammenhang gestellt. Man bemüht sich nicht um eine Klärung der Begriffe. Tendenzen mit nur temporärer Bedeutung werden nicht nur bruchlos in die Zukunft verlängert, man vernachlässigt zudem Gegentendenzen, so dass sich die Debatte notwendig in Widersprüchen verwickelt und ihr schwerwiegende Fehleinschätzungen unterlaufen. Näheres dazu habe ich an anderer Stelle ausgeführt. (Guenther Sandleben, Nationalökonomie & Staat. Zur Kritik der Theorie des Finanzkapitals, VSA-Verlag 2003)

Dass selbst „gestandene“ Autoren zum Träger einer derart vulgären Globalisierungsdebatte werden konnten, belegt ihre Orientierungslosigkeit. Ihnen fehlt die Einsicht in die modernen kapitalistischen Verhältnisse. Sie scheuen davor zurück, die gesellschaftlichen Formen, insbesondere die Formen des Kapitals gründlich zu analysieren. Kapital gilt ihnen dann entweder als Ding, als produziertes Produktionsmittel, das dann in irgendwelchen Netzwerken auf geheimnisvolle Art “deterritorialisiert” und damit globalisiert wird, oder aber das Kapital wird oberflächlich in der verdrehten Gestalt eines schon in sich selbst widersprüchlichen Finanzkapitals wahrgenommen. Ihre eigene Begriffslosigkeit macht sie anfällig für allerlei Modeströmungen, die gewöhnlich aus der bürgerlichen, angelsächsischen Diskussion stammen und dann hier begierig aufgesogen und durch weitere Einfälle modifiziert werden.

Kaum hat man das Ende des Nationalstaats proklamiert, beweisen gerade diese als Tod geglaubten Nationalstaaten auf spektakuläre Weise ihre Eigenständigkeit und zeigen wie vor hundert Jahren ihre imperialistischen Muskeln. Die These vom „glatten Raum des Empires“ erweist sich mit dem Überfall auf den Iraks und den damit einhergehenden Spannungen zwischen den USA und dem „alten Europa“ als geradezu peinliche Fehleinschätzung. Angetrieben von ihren jeweiligen „nationalen Kapitalen“ stehen die Staaten in vorderster Reihe, wenn es um die Aufteilung der Ölquellen, um die Milliardenschweren Aufträge oder um die politischen Einflusssphären im Mittleren Osten geht. Der US-Staat mischt sich mit Konjunkturprogrammen wieder stärker in seine Wirtschaft ein, praktiziert entgegen der Auffassung von einer „neoliberalen Globalisierung“ eine handfeste keynesianisch geprägte nationale Wirtschaftspolitik, behindert ausländische Konkurrenz, hebt zur Stärkung der inneren Sicherheit demokratische Rechte auf, stachelt zum Nationalismus an, intensiviert seine Geheimdienstorgane und bereitet sich mit gewaltigen Rüstungsprogrammen auf weitere Kriege vor. Europäische Nationalstaaten fühlen sich herausgefordert, eine Aufholjagd zeichnet sich in der Kriegsproduktion ab.

Es ist der gewandelte Zeitgeist, der der Globalisierungstheorie heute entgegensteht und der das Endstadium einer fruchtlosen Debatte eingeleitet und befördert hat. Zu allem Unglück für die Protagonisten der Globalisierungsthese hat der Zeitgeist zusätzlich das gedankliche Hilfsmittel wegschmelzen lassen. So hat die Aktien-Baisse von Frühjahr 2000 bis März 2003 zu einer Schrumpfung des entsprechenden Finanzkapitals auf weniger als die Hälfte seines Werts geführt. Die etwa von Robert Kurz in den Vordergrund gerückte „simulative Geisterakkumulation des Spekulationskapitals“ hat schlicht den Geist aufgegeben, das behauptete „Zentrum der Globalisierung“ erweist sich bereits durch die Ereignisse an der Aktienbörse als Illusionen. Da man mit Selbstkritik kaum rechnen kann, darf man gespannt sein, welche Skurrilitäten der nächste Modezyklus hervorbringen wird.