Archiv für Juli 2004

Maurer und Regierungsrat

von Horst Schulz

Das Maurerhandwerk ist eine schöne Beschäftigung, bei der man oft an der frischen Luft seine unterschiedlichsten Organe nützlich beansprucht und daher in Form hält. Zum Genuss der eigenen körperlichen wie geistigen Kräfte kommt das intellektuelle Vergnügen über ein gelungenes Produkt und über die Freude der Nutznießer des Produkts. Menschen, die das Maurerhandwerk ausführen, könnten allen Grund zur Zufriedenheit haben, da sie mit ihrem Geschick sich selber und anderen äußerst nützlich sind.

Wir wissen, dass das heutzutage nicht so ist. Für einen Maurer, der das Maurerhandwerk als Beruf ausübt, sieht die Sache schon merklich anders aus als für einen Menschen, der manchmal mauert und manchmal eben nicht. Wer ausschließlich maurert, um sein Leben zu fristen, der verzehrt seine Kräfte für einen äußeren Zweck und genießt sie nicht. Seine Tätigkeit ist ihm nicht eine willkommene Abwechslung mit anderen Beschäftigungen, sondern eine einseitige Belastung seiner Organe.
Noch schlimmer ergeht es dem Maurer noch als Lohnarbeiter. Denn jetzt verkauft er seine Arbeitskraft einem Anwender, der möglichst seine komplette Lebenskraft verzehren will. Seine Kräfte und das Geschick seiner Arbeit sind nicht mehr die Quelle seines Genusses, sondern die seiner Arbeitsqual, denn sie finden überhaupt nur Anwendung, nicht um Lebensfreude und ein Haus zu produzieren, sondern Geld. Sie werden angewandt nicht vom Maurer, sondern vom Bauunternehmer, und für diesen Bauunternehmer sind seine Kräfte und sein Geschick die Geldquellen. Daher kann der Maurer sie auch nicht mehr genießen und sucht seine Entschädigung im Bier.
Ein Maurer, selbst wenn er unter Aufsicht des Bauunternehmers gerade die schönste Villa aufgebaut hat, bewohnt nicht selten selbst einen kleinen Teil einer geschmacklosen Mietskaserne. Er hat also reichlich Grund zum Neid und nur wenig Grund, sich über das gelungene Produkt und die Freude seines Nutznießers zu freuen. Hat der Maurer zu viele Häuser gebaut, dann kommt es leicht vor, dass sein Neid sich steigert, weil er obdachlos wird und nicht einmal mehr in der Mietskaserne unterkommen kann.
Das Haus, das er gerade verfertigt hat, mag z.B. ein Regierungsrat beziehen. Für den, obgleich er womöglich keinen Stein auf den anderen legen könnte, ist die Villa erstellt worden. Warum? Warum beziehen Regierungsräte Villen und Maurer Mietskasernen? Warum können Bauarbeiter obdachlos werden und Regierungsräte nicht?
Wir müssen keinen Regierungsrat fragen, der in das neue Haus einzieht, das die Maurer ihm errichtet haben, ob er lieber ein Maurer geworden wäre. Er ist mit einem guten Grund Regierungsrat geworden. Im Vergleich zum Maurer ist sein Leben angenehmer, bequemer, sicherer, obgleich er nicht an der frischen Luft arbeitet und auch keine Freude haben kann an seinem Produkt. Ein Regierungsrat kann zum Beispiel zuständig sein für die Einhaltung der Gesetze, die dazu führen, dass ein Bauarbeiter, der zu viele Villen gebaut hat, obdachlos geworden ist. Das weiß der Herr Regierungsrat, und dennoch hat er sich für diese einträgliche Tätigkeit und nicht dagegen entschieden. Er mag nie darüber nachgedacht haben, dass das Maurerhandwerk eine feine Beschäftigung darstellt; selbst wenn er im Fitness-Studio seine Organe mit nahezu denselben Geräten bearbeitet, mit denen der Maurer die seinigen ruinieren muss, wird der Regierungsrat kaum über die Vorteile des Maurerhandwerks nachdenken. Seine Borniertheit ist vollkommen. Die des Maurers leider auch.
Aber der Regierungsrat weiß, dass im Unterschied zur Tätigkeit des Maurers seine nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich ist. Denn er hat eine lange Schulzeit hinter sich und gelernt, dass in feudalen Zeiten die Grundeigentümer und andere Herren auf Kosten der hervorbringenden Klasse gelebt haben. Und er weiß, dass er heute wenigstens eine der Funktionen des damaligen Grundeigentümers erledigt.
Wir müssen nicht danach fragen, ob die Gesellschaft der Leute, die sich wie er für diesen Beruf entschieden haben, eine Verschwörung bildet gegen die Maurer. Sie bilden eine! Denn sie wollen nicht das Los teilen, das sie den Maurern auferlegen. Sie brauchen sich nicht extra im Geheimen zu verschwören, nachdem sie sich für ihre Einkommensquelle entschieden haben. Ihr Beruf ist eine Verschwörung gegen die arbeitenden Klassen.

Horst Schulz, Juli 2004