Zur Schöpfungsgeschichte des Michael Heinrich

von Horst Schulz

Als die katholische Kirche des Mittelalters die Ansichten des Aristoteles nicht mehr verhindern konnte, da hat sie sie theologisiert. Die seit Jahrzehnten beständigen Anstrengungen der bürgerlichen Fachideologen, ihren gefährlichsten Kritiker, Karl Marx, zu verbürgerlichen, also unschädlich zu machen, haben in jüngster Zeit eine besonders grobe Variante hervorgebracht. Dr. Michael Heinrich ist zwar kein richtiger Kirchenvater, aber er hält sich für berufen, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie von allerlei „Ambivalenzen“ zu befreien, die er dort gefunden zu haben meint, und verbreitet in immer neuen Schriftstücken (1) die „wahre Lehre“ des großen Kritikers. Dabei lässt er keine Gelegenheit aus, sich von den traditionellen Lesarten des „Kapital“ hochmütig abzusetzen, vor allem mit der nicht sehr hellen Behauptung, die herkömmlichen Marx-Anhänger hielten eine falsche Wertlehre für die richtige. Während diese verständnislosen Traditionalisten die Arbeitsmengen als den Inhalt der Warenwerte betrachten, käme nämlich der Inhalt in Wahrheit her von seiner Form. Nicht dem Arbeitsprozess entspringt der Wert nach Heinrich, sondern dem Austausch. Zum Beweis scheut er keine Deutung von Textstellen. Die richtige Wertlehre sei eine Wertformlehre, genauer: eine „monetäre Wertlehre“.

Wir wollen diese kühne Behauptung mit ihren Konsequenzen hier etwas näher beleuchten (2), ohne erneut eine grundlegende Kritik ihrer falschen Voraussetzungen zu liefern, weil das bereits an anderer Stelle ausführlich getan worden ist (3).

1. Geld als Mysterium

Bereits die Bezeichnung „monetäre Wertlehre“ gibt Auskunft über eine Sicht der Dinge, die allen Lesern Unbehagen bereiten wird, die nach innerweltlichen Erklärungen der gesellschaftlichen Verhältnisse suchen, denn sie legt den Wert der Waren als eine Konsequenz der Moneten nahe und nicht diese als eine Konsequenz des Werts. Es sollen auf gar keinen Fall die gesellschaftlichen Verhältnisse sein, die das Geld nötig machen und es daher mit allen seinen Eigenheiten hervorbringen. Heinrich behauptet mit seiner „monetären Wertlehre“ nicht nur die Wunderwirkungen des Geldes, er behauptet auch, dieser Mystizismus, den er freilich so nicht nennt, sei der wissenschaftliche Gehalt der Marxschen Wertlehre. Weil das Gegenteil unübersehbar der Fall, können wir seine Bemühungen nicht als einen bloßen Irrtum behandeln, der ja mit leichter Mühe auszuräumen wäre.

Das Geld ist als Mysterium das beste Mittel, um die täglich offenkundigere Notwendigkeit einer bewussten Kontrolle des gesellschaftlichen Produktionsprozesses zu relativieren oder zu bestreiten. Wer die Voraussetzungen des Geldes nicht kennt und seine Entstehung nicht analysiert hat, der ist leicht geneigt, dem Geld geheimnisvolle Fähigkeiten anzudichten, nämlich die sämtlichen gesellschaftlichen Potenzen als seine Natureigenschaften. Wo das Geld nicht als notwendiges Erzeugnis der gesellschaftlichen Arbeit unter den Bedingungen der Warenproduktion betrachtet wird, gilt es den einen daher als das Heilmittel für jeden Missstand, den anderen als die grauenhafteste Pestquelle der Menschheit schlechthin. Genau deshalb hat der Karl Marx ja eine „Genesis des Geldes“ gegeben, um die Einbildungen aufzulösen, die die Geldreformer aller Art in Umlauf bringen, wenn sie mit Geldmanipulationen an die Beseitigung derselben sozialen Übel gehen wollen (4), die das Geld fortwährend hervorbringen. Unverdrossen machten die freilich bisher weiter, aber nicht alle so unverdrossen wie Dr. Heinrich, der einen perfekten Geldfetischismus als sein direktes Gegenteil vorträgt.

Das Geld ist bei ihm von vornherein die schaffende Kraft, weshalb er seine Lehre ja auch „monetäre Werttheorie“ tauft. Ein Ding, das Geld, wird zum Schöpfer eines gesellschaftlichen Verhältnisses, zum Schöpfer nämlich des Wertes. Bereits im Ansatz ist diese Konsequenz seiner „Theorie“ dermaßen auffällig, dass es ganz und gar unerfindlich ist, wie sie sich über viele Jahre verbreiten konnte.

Während Marx den Wert entziffert als ein „unter sachlicher Hülle verborgenes gesellschaftliches Verhältnis“, will Heinrich ihn als ein Geschöpf dieser sachlichen Hülle unter die Leute bringen, womit er natürlich überall auf Verständnis stößt, seine Pamphlete daher gut verkauft, weil er den kruden Alltagsvorstellungen dieser Leute die Einbildung einer tieferen Einsicht hinzufügt (5).

Wenn wir auch Heinrichs Begeisterung über die Marxsche Analyse des Geldes teilen, so bestreiten wir, dass er mit dieser Analyse irgendetwas Verständiges hat anfangen können.

Während Marx, nachdem er die Möglichkeit des Austauschs der Waren auf ihre Wertgleichheit und die Wertgleichheit auf die in ihnen enthaltene abstrakte Arbeit zurückgeführt hat, im einfachen Austauschverhältnis zweier Waren dann bereits die wesentlichen Bestimmungen des Geldes entdeckt hat und das fertige Geld konsequent aus dem entwickelten Austausch folgert, „entdeckt“ Heinrich im Austausch die Wertbildung, und zwar durch die „Bezugnahme“ der Waren auf das Geld.

2. Scheitern an der Wertformanalyse

Doch lassen wir ihn selber zu Wort kommen. Nachdem er uns mitgeteilt hat, der Marx habe bei den Klassikern die „prämonetäre Arbeitsmengentheorie“ (schluck!) ordentlich kritisiert, belehrt er uns mit Hilfe eines Zitats darüber, was der Marx an dem Ricardo auszusetzen hatte, um nebenher den schlecht beleumundeten Traditionsmarxisten noch einen Hieb zu verpassen:

„Den Zusammenhang “dieser Arbeit” (nämlich der abstrakten, wertbildenden Arbeit) mit dem Geld nicht verstanden zu haben, bzw. überhaupt nicht nach diesem Zusammenhang zu fragen, kann man auch dem traditionellen Marxismus vorwerfen“ (S. 9).

Wie abstrakte Arbeit und Geld zusammenhängen, das erkennt Heinrich an als die Schwierigkeit, aber er formuliert die Aufgabenstellung neu, bevor er sich damit überhaupt beschäftigt:

„Worin besteht nun das von Marx angesprochene Problem? Die einzelnen Warenproduzenten verausgaben ihre Arbeit privat und in einer bestimmten konkreten Art und Weise. Erst im Nachhinein (!), in der Gleichsetzung im Tausch verwandelt (!) sich Privatarbeit in gesellschaftliche Arbeit, wird konkrete Arbeit zu abstrakter, wertbildender Arbeit (6). Die Frage, wie diese Gleichsetzung überhaupt möglich ist, spielt aber weder in der bürgerlichen Ökonomie, noch im traditionellen Marxismus eine zentrale Rolle, allenfalls werden ihre quantitativen Aspekte diskutiert…Die einzelnen Arbeiten beziehen sich im Tausch nicht unmittelbar aufeinander, aufeinander bezogen werden die Waren. Gleiche Geltung erlangen die Waren als von ihrer Gebrauchsgestalt unterschiedene “Werte”. Hier stellt sich wieder dieselbe Frage, wie können die unterschiedlichen Gebrauchswerte, die sich im Tausch gegenüberstehen, als gleichartige Werte gelten?

Die Antwort, die Marx im Rahmen seiner Wertformanalyse entwickelt, lautet: die besonderen Waren in ihren unterschiedlichen Gebrauchswertgestalten, können sich nur als Werte aufeinander beziehen, wenn es etwas Drittes gibt, das als unmittelbarer Ausdruck von Wert gilt, und sich die besonderen Waren auf dieses Dritte als ihren Wertausdruck beziehen können. Nur vermittels dieses Bezugs auf ein Drittes, das unmittelbar als Wert gilt, können sich die besonderen Waren auch auf einander als Werte beziehen.…“(S. 9).

Hat er eben noch einträchtig mit dem Marx den Mangel beim Ricardo darin gesehen, dass der den Zusammenhang der abstrakten Arbeit mit dem Geld nicht hinbekommen hat, so erzählt er uns jetzt nichts mehr von dieser Schwierigkeit und nichts von Marxens Problemlösung. Jetzt soll die konkrete Arbeit in eine abstrakte „verwandelt“ werden – und zwar kraft einer rätselhaften Eigenschaft des Geldes. Statt auf die Lösung des „Geldrätsels“ loszusteuern, dichtet er dem Geld eine bisher noch ganz vergessene Fähigkeit an, nämlich die Fähigkeit, konkrete Arbeit in abstrakte zu verwandeln. Die Marxsche Frage, worin denn der Zusammenhang der abstrakten Arbeit mit dem Geld besteht, wird umformuliert in die Frage, wie konkrete Arbeit abstrakt wird, und diese Frage wird auch noch beantwortet: durch den „Bezug“ auf das Geld. Mehr Fetischismus geht nicht. Dagegen hat Marx „im Rahmen seiner Wertformanalyse“ die notwendige Entwicklung der abstrakten Arbeit zum Geld durch den Warentausch analysiert, was natürlich abstrakte Arbeit unterstellt, die weiter nichts ist als Arbeit unter dem Gesichtspunkt der bloßen Verausgabung von Arbeitskraft. Die Klassiker hat er darin kritisiert, das Geld als etwas „der Natur der Ware Äußerliches“ (MEW 23/95) behandelt zu haben, denn sie betrachteten das Geld bloß als ein Mittel zum Warenaustausch und nicht als dessen naturwüchsige Konsequenz. Man muss nicht außerordentlich pfiffig sein, um diesen Unterschied als einen mit wesentlichen Folgen zu erkennen.

Wenn nach Marx also die abstrakte Arbeit den Warenaustausch möglich macht und dieser Austausch das Geld notwendig, dann bringt er damit deutlich zum Ausdruck, dass für ihn das Geld die abhängige Variable ist und die abstrakte Arbeit die bestimmende. Die genaue Entwicklung dieses Zusammenhanges hat über Jahrzehnte hinweg einen Großteil seiner Arbeitskraft beansprucht. Und nun das! Die Äußerlichkeit der klassischen Geldbetrachtung, die das Geld zwar als Ware, aber nicht die Ware als ideelles Geld begriffen hat, die ist nichts im Vergleich zu Heinrichs Auslassungen, die das Geld nicht einfach vom Standpunkt der Oberfläche betrachten, sondern vom Standpunkt der Benutzeroberfläche: Für den Geldbesitzer erscheint die Sache ja tatsächlich so, als sei das Geld bewegend und nicht bewegt.

Da in der obigen Passage die ganze Konfusion der „monetären Wertlehre“ wie auch Heinrichs Methode der Marx-Deutung enthalten ist, soll sie uns noch einen Augenblick beschäftigen. Denn was uns hier als Marxsche Antwort angeboten wird, das ist ebenso falsch wie die Fragestellung. Nach Heinrich lautet die Frage: Wie können die unterschiedlichen Gebrauchswerte im Tausch „als gleichartige Werte gelten“? Die falsche Frage kann natürlich nicht richtig beantwortet werden. Die richtige Frage der Wertformanalyse war die: Wie, warum und wodurch ist Ware Geld? (7)

Der Nachweis des täuschenden Scheins der Äquivalentform in seiner Notwendigkeit war die Marxsche Antwort darauf: „Eine Ware scheint nicht erst Geld zu werden, weil die anderen Waren allseitig ihre Werte in ihr darstellen, sondern sie scheinen umgekehrt allgemein ihre Werte in ihr dazustellen, weil sie Geld ist“ (MEW 23/ 107).

Es ist nun nicht nur dieser verkehrte Schein, den die monetäre Wertlehre als wissenschaftliche Einsicht verkauft. Es ist viel schlimmer, denn nach Heinrich stellen die Waren nicht ihre Werte in der Geldware dar, weil sie Geld ist, sondern werden diese Werte selbst überhaupt erst durch das Geld. Nicht das Geld ist ihm Produkt des Austauschs, sondern der Warenwert. Das Geld kann aus dieser Sicht gar nicht als Form des Warenwerts aufgefasst werden – es ist sein Schöpfer.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Ware und Geld hat er daher in eine ganz andere umgewandelt, und diese andere gehört gar nicht in die Formanalyse und müsste in ihrer rationellen Fassung so lauten: Wie ist der Austausch unterschiedlicher Gebrauchswerte möglich. Die richtige Antwort: Weil sie als Waren zu Welt kommen, die bei allen ihren unterschiedlichen Gebrauchswerteigenschaften etwas Gemeinsames haben - und dies Gemeinsame ist ihr Wert. Sonnenstrahlen und Liebesglück dagegen lassen sich nur im metaphorischen Sinne austauschen, da hilft auch der Versuch nicht, sie auf das Geld zu beziehen. Der Wert ist das gemeinsame Dritte beider Waren und sein Inhalt ist die Arbeit als abstrakte. So steht es leicht verständlich im „Kapital“, wovon sich jeder Lesekundige ganz ohne eine Leseanleitung des Dr. Heinrich überzeugen kann.

Heinrich aber will als „das Dritte“ die Moneten einführen. Unbedingt! Sonst gäbe es ja keine „monetäre Wertlehre“. Nach seiner Lehre können sich die Gebrauchswerte daher nur austauschen, als „gleichartige Werte gelten…, wenn es etwas Drittes gibt, das als unmittelbarer Ausdruck von Wert gilt“ und auf das sie sich „beziehen“. Er bemerkt nicht, dass er damit die vor aller Wertformanalyse bereits gelöste Aufgabe nun nur in verrückter Weise neu stellt: Die anschließende Frage wäre nämlich die: Wie können sich die Waren auf das Dritte beziehen? Gibt es noch „ein Viertes“?

Sein krasses Unverständnis in der Sache offenbart Heinrich präzise dort, wo er die Arbeitswerttheoretiker verleumdet:

„Die Frage, wie diese Gleichsetzung überhaupt möglich ist, spielt aber weder in der bürgerlichen Ökonomie, noch im traditionellen Marxismus eine zentrale Rolle, allenfalls werden ihre quantitativen Aspekte diskutiert…“

Natürlich liegt das Gegenteil bei der Wahrheit. Alle Traditionsmarxisten wissen, dass Waren sich nur austauschen, weil sie als Werte bereits kommensurabel sind, weil sie also eine gemeinsame, wenn auch nicht handgreifliche Substanz haben. Nur Heinrich bestreitet das ja mit Hingabe. Und dem Ricardo verdanken wir eine geniale Auseinandersetzung dieses Sachverhaltes, über die Heinrich vielleicht einführende Texte abfassen mag, die er aber offenbar nicht kennt.

Traditionsmarxisten wissen nicht nur von der allen Waren gemeinsamen Substanz, der gesellschaftlichen Arbeit, sie haben auch eine Vorstellung von der Form dieser Substanz, deren Analyse dem Analytiker einige „Eigentümlichkeiten“ aufdrängt, merkwürdige Verkehrungen, die prägend sind für den bürgerlichen Verstand: z. B. wird konkrete Arbeit zur Erscheinungsform der abstrakten, ein Ding daher zur Erscheinungsform eines gesellschaftlichen Verhältnisses und Privatarbeit zur Form der gesellschaftlichen Arbeit. Die Analyse der Ausdrucksform des Warenwerts zeigt zwar auch keine „Verwandlung“ der abstrakten Arbeit in konkrete – und natürlich schon gar keine der konkreten Arbeit in abstrakte nach der Methode Heinrich -, aber sie zeigt die notwendige Verkehrung oder den notwendig falschen Schein, den der Ausdruck des Warenwerts bewirkt. Wenn eine Ware ihren Wert ausdrückt, dann drückt sie ihn im Gebrauchswert einer anderen Ware aus. Wie sonst? Wenn in diesem Ausdruck der Gebrauchswert dieser anderen Ware aber die Erscheinungsform des Warenwertes ist und die diesen Gebrauchswert schaffende Arbeit die Erscheinungsform der abstrakten Arbeit, dann zeigt diese Ausdrucksweise des Wertes das Gegenteil dessen, was wirklich der Fall ist.

Für Marx-Exegeten wird es nicht uninteressant sein, wenn sie in diesem Zusammenhang sich noch einmal einen Marxschen Satz aus der ersten Auflage des „Kapital“ vergegenwärtigen, der einen Hinweis gibt, warum Leute an der Wertform so gerne scheitern (8): „Diese Verkehrung, wodurch das Sinnlich – Konkrete nur als Erscheinungsform des Abstrakt-Allgemeinen, nicht das Abstrakt-Allgemeine umgekehrt als Eigenschaft des Konkreten gilt, charakterisiert den Wertausdruck. Sie macht zugleich sein Verständnis schwierig“ (Ausgabe 1959, S. 771).

Für Heinrich war die Schwierigkeit offenbar deutlich schwieriger als für andere Leute. Ihm bleibt der Wert ein Erlebnis der dritten Art, unfassbar und unbegreiflich, weil er den Wert als das gesellschaftliche Verhältnis nicht von seiner Form unterscheiden kann. Was einen monetären Werttheoretiker entschieden überfordert, das wird auf allen Bolzplätzen ohne bedeutende Anstrengung von jungen Menschen massenhaft erledigt, denn jeder Miro erkennt im Lukas einen „von uns“, selbst wo das Geld für die Anschaffung eines bunt gefärbten Leibchens nicht ausgereicht hat. Wir wollen einräumen, dass beim Bolzen das gesellschaftliche Verhältnis erlebbarer ist als beim Warentausch, andrerseits ist es aber auch relativ leicht, eine binomische Formel zu lernen, wenn sie einmal entdeckt worden ist. Und es ist diese Marxsche Entdeckung, die in der Tat nicht ohne Bedeutung ist für seine Wert- und Geldtheorie, die ja zugleich die Selbstverschlüsselung der bürgerlichen Welt erklärt, also auch die Verkehrung von Inhalt und Form. Dass der Wert als ein gesellschaftliches Verhältnis sich nur als Gebrauchswert ausdrücken kann, dass daher auch das Geld als Wertmaß eine bestimmte Ware sein muss, das ist das notwendige Ergebnis einer Produktionsweise, in der der Austausch der gesellschaftlichen Arbeit und ihre den Produktionserfordernissen entsprechende Verteilung als Warenaustausch vorgeht. Der mystische Charakter des Zusammenhangs der gesellschaftlichen Arbeit ist daher durchaus ein notwendiger. Aber man kann es auch übertreiben! Als ein bloßer Fehler ist Heinrichs Interpretation der Angelegenheit schwerlich zu betrachten. Denn es ist leicht einzusehen, dass der Wert als ein „unter dinglicher Hülle verborgenes Verhältnis“ gar nicht aufgefasst werden kann, wenn dieses Verhältnis überhaupt erst mit dem Geld in die Welt kommt, mit der dinglichen Hülle, so wie es von der monetären Werttheorie behauptet wird.

Statt sich von der fertigen Geldform täuschen zu lassen, hat sich der Marx das „Wertverhältnis einer einzigen Ware zu einer einzigen verschiedenartigen anderen Ware“ angesehen und anschließend den darin enthaltenen Wertausdruck bis zur Geldform verfolgt, was ihm die Erkenntnis eingebracht hat, dass „die Geldform nur der an einer Ware festhaftende Reflex der Beziehungen aller anderen Waren“ ist (MEW23/105) – und nicht umgekehrt die Waren Reflexe sind ihrer Beziehung zum Geld. Wie sollte man auch das „Geldrätsel“ lösen oder auch nur als Rätsel auffassen, wenn man sich auf den Standpunkt des fertigen Geldes stellt? Wie kann ein Christ das Rätsel der Menschwerdung lösen? Die „monetäre Wertlehre“ verhält sich zur Marxschen Wertlehre wie der Kreationismus zur Evolutionstheorie. Wer den Zank um abstrakte und konkrete Arbeit als Haarspalterei ablegen möchte, der übersieht einen fundamentalen Gegensatz. Schon in ihrem ersten Stadium schaltet die Wertformanalyse allerlei Zweifel aus hinsichtlich des Verhältnisses von Wert und Geld, nämlich bestätigt sie nicht nur, dass das Geld der „Natur des Warenwerts entspringt, nicht umgekehrt Wert und Wertgröße aus ihrer Ausdrucksweise als Tauschwert“ (MEW23/75). Sie zeigt auch, dass in dem einfachsten Wertausdruck die beiden beteiligten Waren sehr unterschiedliche Rollen spielen, die eine spielt eine aktive Rolle und die andere eine passive. Wenn wir uns nun ansehen, welche Ware die passive Rolle spielt, dann ahnen wir schon das ganze Drama der „monetären Werttheorie“, weil die nämlich den zum Beweger machen möchte, der bewegt wird. Der Kreationist sieht Gott nicht als eine Schöpfung der Menschen. Von der Ware, die in relativer Wertform steht, geht die Initiative aus, denn sie drückt ihren Wert aus, und die Ware, die in der Äquivalentform steht, vertritt, gleich einem Spiegel, die passive Seite des Wertausdrucks. Wie im wirklichen Leben erscheint dem flüchtigen Blick aber die letztere als eine Lichtgestalt von eigener Gabe, die das Verhältnis beherrscht, obgleich sie beherrscht wird. Auch bei Heinrich ist das Geld ein außerweltliches Ereignis, dem die Waren ihren Wert verdanken, denn als „Werte können sie sich ja nur aufeinander beziehen, wenn (!) es etwas Drittes gibt“, nämlich das Geld. Wenn es aber das „Dritte“ nun nicht gäbe? Die Menschen als Warenproduzenten würden nicht anfangen zu tauschen und auf diesem Wege das Geld hervorbringen? Heinrichs Blickwinkel zeigt nicht nur sein Unverständnis gegenüber der besonderen Rolle des Äquivalents (9) im Wertausdruck. Sondern auch seinen tief sitzenden Fetischismus. Die beiden Pole der Wertform belasten ihn überhaupt nicht, und das allein erklärt seinen Fetischismus hinreichend, der in der Behauptung mündet, irgendein wertloses Zeichen könne in der Äquivalentform stehen - und der Marx sei einer zeitgemäßen Täuschung aufgesessen mit seiner Behauptung, das Geld müsse eine Ware sein.

3. Die „eigenständige Bedeutung“ des Geldes

Weil dem Blendwerk des Geldes schon andere Kaliber verfallen sind als der arme Heinrich, deshalb wird im „Kapital“ diesem Werk umfängliche Aufmerksamkeit gewidmet. Vergeblich für manche Schriftgelehrten. Wir bekommen im „Kapital“ allerdings die Gründe für solche Vergeblichkeit auch gleich mitgeliefert, etwa durch den Hinweis auf ein „den bürgerlich rohen Blick“ täuschendes Phänomen. Ihre unmittelbare Austauschbarkeit mit anderen Waren scheint diesem Blick eine Natureigenschaft der Äquivalentware zu sein - und nicht ein Produkt des Warenaustauschs! Warum? Weil alle Analogien des täglichen Lebens darauf hinweisen, da auch sonst die Eigenschaft eines Dinges in seiner Natur schlummert und sich in den Verhältnissen zu anderen Dingen nur empirisch geltend macht. Die Leitfähigkeit eines Kupferdrahtes etwa ist nicht eine Sache des elektrischen Stromes, sondern zeigt sich nur bei entsprechender Verwendung. Mit dem Äquivalent scheint es ebenso zu sein. Während tatsächlich die Äquivalentform der Ware ein Produkt des Warenaustauschs ist und sich ihre Existenz dem Wertausdruck verdankt, scheint die unmittelbare Austauschbarkeit mit anderen Waren ihr gleich einer Natureigenschaft auch außerhalb ihrer Stellung in der Wertgleichung zuzukommen, scheint sie in ihrer Geldgestalt eine „eigenständige Beutung“ zu besitzen und nicht eine abgeleitete:

„Geld ist für Marx also weit mehr als nur das Rechen- und Zirkulationsmittel, als das es von Klassik und Neoklassik aufgefaßt wird. Es ist das notwendige Medium der Vergesellschaftung atomisierter Warenproduzenten: nur mittels der sachlichen Gestalt des Geldes können (!) sie sich auf einander beziehen. Diesen von Marx herausgestellten Zwang der ökonomischen Verhältnisse (?) sich in einer bestimmten Weise zu verhalten (?), wird von Klassik und Neoklassik … umgedeutet: die Warenbesitzer tauschen ihre Waren in bestimmten Relationen, weil diese Waren für sie bestimmte Arbeits- bzw. Nutzenmengen verkörpern, sie verwenden Geld, weil es den Tausch erleichtert … Da Geld somit keine eigenständige Bedeutung hat, sondern lediglich als eine technische Erleichterung des Tausches gilt, betrachten Klassik und Neoklassik monetäre Größen daher auch nur (?) als “Schleier”, der über der “Realsphäre” von Arbeitsmengen und Kapitalgütern liegt, und von dem auf einer grundsätzlichen theoretischen Ebene abstrahiert werden kann“ (S. 11).

Wir sind hiermit angelangt bei dem eigentlichen „Resultat“ der „monetären Werttheorie“, das in Wahrheit seine eigene Voraussetzung ist: Mysterium Geld! Wenn Heinrich nicht nur eine „eigenständige Bedeutung des Geldes“ ausmacht, sondern dieselbe auch noch ausdrücklich als Gegensatz zur Verschleierung der Verhältnisse auffasst, dann haben wir schon eine gewisse Ahnung von den mystischen und sich selbst immunisierenden Gewalten seiner Einbildungskraft. Wenn er aber vom Geld nicht nur einen funktionierenden Warenaustausch erwartet, sondern in dem Geld ein „Medium der Vergesellschaftung atomisierter Warenproduzenten“ erkannt hat, dann hat Heinrich alle gewöhnlichen Geldfetischisten um Längen hinter sich gelassen. Vom Standpunkt des fertigen Resultates sieht man keine Entwicklungsspuren: Die magischen Kräfte des Geldes schaffen die Gesellschaft – und nicht die Gesellschaft das Geld. Geld ist nach dieser Lehre nicht einfach das zwangsläufige Ergebnis des Warenaustauschs der Warenproduzenten, dieser Austausch nicht das Ergebnis ihrer arbeitsteiligen Privatarbeit, sondern Geld erhält eine „eigenständige Bedeutung“ von phantastischer Größe. Die „atomisierten Warenproduzenten“ - als hätten die ihre Vergesellschaftung im Blick! - instrumentalisieren das Geld in einer Weise, von der kein klassischer und kein neoklassischer Ökonom zu träumen gewagt hätte. Geld wird hier offen ausgesprochen als ein Werkzeug für ein unglaubliches Vorhaben voneinander unabhängiger Leute: Sie „könnten“ sich ohne Geld gar nicht aufeinander „beziehen“, keine Gesellschaft bilden.

Man versteht gut, warum Heinrich die Genesis des Geldes nicht mitgemacht hat. Er hätte niemals dieses wunderbare Resultat erhalten, denn schon zu Beginn der Sitzung hätte er erfahren, dass bereits die Keimform des Geldes eine passive Rolle im Wertverhältnis spielt, was erhebliche Zweifel an einer eigenständigen Bedeutung des ausgebildeten Geldes aufwirft. Er hätte lernen können, dass ein Reflex etwas anderes ist als das Reflektierte und ein Spiegelbild etwas anderes als das Gespiegelte. Das Äquivalent, wie diese Bezeichnung selbst schon zum Ausdruck bringt, ist nichts weniger als eigenständig, sondern existiert lediglich im Wertverhältnis, aber selbst dort spielt es eine passive Rolle, was nicht oft genug betont werden kann.

Es ist der Austausch der gesellschaftlichen Arbeit als Ware, der das Geld hervor treibt, das daher eine abhängige und nicht die bestimmende Variable ist. Die verbreitete Alltagsvorstellung, das Geld stelle den Zusammenhang her und sei den Warenproduzenten das Mittel, um ihre „komplexen“ gesellschaftlichen Beziehungen zu organisieren, hat der Marx gerade als eine notwendige Täuschung nachgewiesen. Diese Beziehungen werden vielmehr hinter den Rücken der Beteiligten organisiert, auf Basis der kapitalistischen Warenproduktion anders als auf Basis einer anderen Warenproduktion. Nicht für Heinrich:

„Die eigenständige Bedeutung des Geldes (seine “Nicht-Neutralität” im Jargon der modernen Ökonomie) zeigt sich für Marx nicht nur darin, dass nur durch den Bezug auf Geld ein kohärenter gesellschaftlicher Zusammenhang zwischen den vielen verschiedenen Privatarbeiten hergestellt (!) werden kann, die Vermittlung dieses Zusammenhangs durch Geld schließt auch die Möglichkeit ein, diesen Zusammenhang zu zerstören. Im Unterschied zum unmittelbaren Produktentausch, der sich in einem Akt erschöpft, zerfällt die “Metamorphose der Ware” in die beiden getrennten Akte W-G und G-W, die sich gegeneinander verselbständigen können: Verkauf ohne nachfolgenden Kauf, um (!) das Geld als selbständige Wertgestalt festzuhalten, womit der Zusammenhang der gesellschaftlichen Reproduktion zerrissen wird“ (S. 11).

Nachdem er die aktive Rolle Geldes behauptet hat, legt er seine Zerstörungskraft nahe. Die monetäre Wertlehre erlaubt natürlich überhaupt nicht den Gedanken, der „kohärente gesellschaftliche Zusammenhang“ könnte das sein, was dem Geld die Impulse gibt und nimmt (10). Dabei zeigt schon der einfache Warenaustausch, dass Warenproduzenten nur für Warenproduzenten ihre Waren produzieren: Ihr Zusammenhang ist also schon da, wenn sie Ware produzieren, weil sie ja füreinander produzieren. Bei Heinrich ergänzt die eine Gedankenlosigkeit die nächste. Seine Neigung zum Ungefähren, die erst den in der Wertform verselbständigten Warenwert verkehrt als „eigenständige Bedeutung des Geldes“ und nicht als das Gegenteil auswirft, hält Herstellung und Vermittlung eines Zusammenhanges für eine und dieselbe Angelegenheit. Verständigte er sich auf die bloße Vermittlung, dann ließe sich ja mit einigen Anstrengungen noch etwas retten. Aber Herstellung? Als bloßer Vermittler eines Zusammenhanges aber taugt natürlich das Geld noch lange nicht auch als Zerstörer desselben. Es müsste tatsächlich schon Schöpfer sein. Seine verdächtig oft betonte Erkenntnis, eine Ware sei niemals allein, hat ihn nicht veranlasst, über ihren Gehalt zu grübeln. Sie hat bei ihm stets nur instrumentellen Charakter und kommt dort zur Geltung, wo er die Arbeitsmengentheorie bestreitet mit dem faulen Argument, nach ihr habe sogar schon eine einzelne Ware Wert. Als ob sonst noch jemand auf den Einfall gekommen wäre, ein bloßes Arbeitsprodukt für eine Ware zu halten - und nicht das Arbeitsprodukt für andere, das daher auf eine Gegenleistung aus ist und deshalb eine weitere Figur unterstellt, mit der der Warenproduzent sozusagen eine Wertschöpfungsgesellschaft bildet, weshalb eben die Arbeit beider auch gesellschaftliche Arbeit ist.

Marx ist nicht müde geworden, auf die Voraussetzung einer bestimmten gesellschaftlichen Arbeitsteilung der Warenproduktion hinzuweisen, auf einen dem Austausch vorausgesetzten „naturwüchsigen Produktionsorganismus“ (11). Weil die Leute arbeitsteilig, aber ohne vorherige Verabredung privat produzieren, produzieren sie Waren und schaffen sie Geld. Naturwüchsig ist dieser Produktionsorganismus, da er nicht unter der Kontrolle der vergesellschafteten Individuen stattfindet. Die sich unabhängig wähnenden Privatproduzenten sind also voneinander abhängig und bilden insofern einen gesellschaftlichen Zusammenhang, den das Geld nicht hervorruft, sondern verschleiert. Als Wertgrößen sind ihre jeweiligen Arbeitsmengen ein hinter den relativen Warenwerten verstecktes Geheimnis, das sich mit der Gewalt eines Naturgesetzes (12) geltend macht. Sie mögen sich also voneinander unabhängig wähnen und dem Heinrich den Gedanken nahe legen, sie brauchten dringend Geld, um ein Gesellschaft zu bilden; in Wahrheit sind sie abhängig von dem System der Arbeitsteilung und daher voneinander, ganz ohne irgendeine Absprache. Sie mögen alle das Geld anbeten oder hinter ihm herlaufen, alle folgen sie damit lediglich einer je notwendigen Verteilung der gesellschaftlichen Arbeitsmenge, so wie es von den Arbeitsmengentheoretikern immer wieder behauptet worden ist. Wenn den Leuten ihre eigene Abhängigkeit als eine vom „eingeständigen Geld“ vorkommt, das zuweilen sogar zerstörerische Kräfte entfalten soll, dann unterliegen sie lediglich einer grandiosen Täuschung, verwechseln Ursache und Wirkung und übersehen, worauf es ankommt: Die notwendige Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit ist das Bestimmende und der Tauschwert das Bestimmte.

Es ist daher auch nicht das Geld, das einen Zusammenhang „zerstört“, es sind hinter dem Geld versteckten Verhältnisse, die Krisen hervorbringen und daher die Störungen des Reproduktionsprozesses, die durch das Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf ermöglicht werden, die aber das Geld weder verhindert noch bewirkt, auch wenn es für den oberflächlichen Betrachter genau so aussieht (13). Die Zirkulation der Waren stockt z. B. nicht, weil das Geld zurückgehalten wird, sondern Geld gerinnt zum Schatz, weil die Zirkulation der Waren stockt. Und für solche Stockungen der Warenzirkulation bietet der durch das Geld verdunkelte Zusammenhang der Privatproduzenten in einer Klassengesellschaft mit ihrem methodischen Zank um die Arbeitsprodukte systematische Gelegenheiten.

So wenig der Zusammenhang selbst vom Geld hervorgerufen wird, so wenig wird auch seine Fortentwicklung durch das Geld bewerkstelligt, was heutzutage daran zum Ausdruck kommt, dass nicht das Geld, sondern die Mehrwertproduktion, also ein vom Geld verschleiertes Verhältnis, die Produktivkräfte anspornt, während die Produktivkraftentwicklung unter den Bedingungen der Warenproduktion eine bestimmte Form der Arbeitsteilung und deren fortwährende Entwicklung bewirkt. Die immer massenhaftere Produktion für andere zwingt bei Strafe ihrer Verelendung diese anderen ebenfalls fortschreitend zur Produktion für andere, handle es sich nun um wirkliche Produktion oder um irgendeinen nützlichen Dienst, mit dem sie nur einen Teil des gesellschaftlichen Mehrwerts abfangen, wenn sie auf diesen nicht schon einen Titel haben. Am Ende produziert und fabuliert nicht nur niemand mehr unmittelbar für sich selbst, es ergibt sich daraus auch mit Notwendigkeit eine ganz bestimmte Gestaltung der Gesellschaft, also der besondere Zusammenhang ihrer Klassen: der Lohnarbeiter, der produktiven Kapitalisten, Geldkapitalisten, Rentner, Staatsagenten und dergleichen, also der arbeitenden und müßigen Agenten der Produktionsweise in allen ihren Abteilungen. An der Oberfläche, die alle diese Charaktere nur als Waren – und Geldbesitzer zeigt und als Verkäufer und Käufer, ist davon zur Freude der Vulgärökonomen freilich nichts zu sehen. Dass der Warenaustausch und daher das Geld einen „naturwüchsigen Produktionsorganismus“ und damit das gesellschaftliche Arbeitsvermögen voraussetzt, das darf Heinrich gar nicht sehen, denn seine dünkelhaften Angriffe auf die Arbeitsmengenmarxisten wie seine Entdeckung der „Ambivalenzen“ in der Marxschen Werttheorie erhalten nur durch diese Ignoranz wenigstens den Schein einer Plausibilität.

Die proportionale Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die verschiedenen Produktionsbereiche, die das Wertgesetz erzwingt, unterstellt natürlich diese Arbeit und damit die Verausgabung von Hirn, Nerv und Muskel etc. des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens, und die Verteilung dieser Arbeit kann auf dem Wege des Warenaustauschs deshalb stattfinden, weil die bloße Verausgabung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens abstrakte Arbeit ist. Wenn auch nicht jede menschliche Arbeit zugleich gesellschaftliche ist, so ist sie es doch als die Arbeitsverausgabung eines „Produktionsorganismus“. Und als die natürliche Einheit aller Arbeitsprodukte erhält die abstrakte Eigenschaft der Arbeit, pure produktive Verausgabung von Arbeitskraft zu sein, gesellschaftliche Qualität für alle in den Austausch eingehenden Waren. Heinrich möchte aber einen Widerspruch organisieren zwischen der Arbeit im physiologischen Sinne und der abstrakten Arbeit, weil er erstere unmöglich der Zirkulationssphäre entnehmen kann. Nach seiner Lehre muss aber der gesellschaftliche und daher Wert schaffende Charakter der Arbeit dem Austausch entspringen. Seine ideologische Absicht verhindert ihm die Einsicht. Mit der Vorstellung von der so genannten „Realabstraktion“ bildet er sich ein, die „Verwandlung“ der konkreten Arbeit in abstrakte durch den Austausch zu erkennen und damit die Geburtsstätte der abstrakten Arbeit gefunden zu haben. Ohne hier weiter auf den schiefen Winkel dieser These einzugehen: Jeder Landwirt, der heute müde ist von der Kartoffelernte und morgen müde von der Aussaat, der weiß, dass seine jeweilige Müdigkeit Ausdruck ist der Verausgabung seiner Arbeitskraft im physiologischen Sinne. Was abstrakte Arbeit meint, damit hat der sicher kein Problem, denn seine „Realabstraktion“ geschieht im wirklichen Arbeitsleben, indem seine Erntemüdigkeit seiner Aussaatmüdigkeit gleicht. Keine Spur einer „Ambivalenz“ zwischen der Identität von Ernte und Aussaat auf der einen und Arbeitsverausgabung seines „Produktionsorganismus“ auf der anderen Seite.

Da die verfügbare Arbeitszeit des gesellschaftlichen Produktionsorganismus nicht planmäßig auf die einzelnen Produktionsbereiche verteilt wird, geschieht diese Verteilung hinter den Rücken der Agenten. Sie wissen nicht, was sie sind, aber schon ihre wechselseitige Produktion für andere weist die einzelnen Warenproduzenten als Teile eines bewusstlosen Gesamtproduzenten aus. Vermöge des Wertgesetzes, nach dem sich ihre Waren austauschen im Verhältnis zu der in ihnen enthaltenen gesellschaftlich notwendigen Arbeit, und zwar ohne dies wissen zu müssen, werden sie ebenso zusammengehalten, wie die Planeten von der Gravitation in ihre Umlaufbahnen gezwungen werden. Die zu seinem ausgeglichenen Stoffwechsel notwendige Verteilung der Teilarbeiten des produzierenden Organismus geschieht als beständige Ausräumung der beständig eintretenden Ungleichgewichte, und die sich frei wähnenden Agenten der Warenproduktion folgen in Wahrheit lediglich einem gesellschaftlichen Zusammenhang, den sie sich nicht ausdenken und den sie nicht kontrollieren, und ihre Freiheit ist eine ebensolche Illusion wie Heinrichs Annahme, nur mit dem Geld brächten sie ihren Zusammenhang zustande. Umgekehrt: Ihr Zusammenhang lässt sie das Geld hervorbringen, indem sie seinen Forderungen nur bewusstlos nachkommen, indem sie also Waren produzieren. In welcher Hinsicht auch immer Geld eine „eigenständige Rolle“ spielen soll, als Ausdrucksform des Warenwertes kann davon die Rede nicht sein.

Wenn Heinrich eine Ambivalenz der Bestimmungen gesellschaftlicher Arbeit beim Marx entdeckt hat zwischen der Verausgabung der menschlichen Arbeitskraft im physiologischen Sinne und der abstrakten Arbeit, dann hat er damit aus Gründen der Nützlichkeit den gesellschaftlichen Zusammenhang als einen vorausgesetzten ausblenden wollen. Weil er die Regulierung der Tauschwerte durch die gesellschaftliche Arbeitszeit bestreiten will, lässt er konsequent den gesellschaftlichen Zusammenhang „im Nachhinein“ entstehen und dichtet dem passiven Geld eine aktive Rolle an. Sein Rezept gegen Arbeitsmengentheoretiker ist der Geldfetisch. Wenn diese demgegenüber die Wertformen der Waren als täuschende Ausdrücke gesellschaftlicher Verhältnisse betrachten, dann liegt zwischen beiden allerdings ein unvermittelbarer Gegensatz, da ja die „monetäre Geldlehre“ nichts weiter ist als der Kult des täuschenden Scheins, der die blendenden Formen ausdrücklich von ihren störenden Inhalten durch Ignoranz befreien möchte. Aber das sagt der Heinrich ja auch, wenn auch nicht genau so.

4. Konsequenzen für den Klassenkampf

Weil das Wertgesetz nur in verrückten, den tatsächlichen Sachverhalt verkehrenden Formen des Werts erscheint, haben die Arbeitsmengentheoretiker so ein schweres Leben. Eine Art Höhlengleichnis spielt sich ab: Unermüdlich und nicht ohne Erfolge erklären Traditionsmarxisten seit Generationen den Höhlenbewohnern, sie sähen nur die Schatten einer ganz anders aussehenden Wirklichkeit und diese Schatten seien nur täuschende Abbilder, fremdbestimmt und ohne eigenständige Bewegungsenergie. Und dann kommen die akademisch ausgebildeten Kryptologen mit ihren Bemühungen, die längst entschlüsselten Sachverhalte wieder zu verschlüsseln.

Was bei der Behandlung des Geldes noch als eine Harmlosigkeit erscheinen mag, nämlich das völlige Unverständnis hinsichtlich der Differenz von Erscheinungsform und dem Inhalt dieser Form, das gerät bei der Beschäftigung mit den weiter entwickelten gesellschaftlichen Verhältnissen in ein anderes Licht. So wenig Heinrich das Geld als die sachliche Hülle eines gesellschaftlichen Verhältnisses begreifen konnte, so wenig kann er Lohn und Mehrwert als sachliche Hüllen eines Klassenverhältnisses betrachten. Diese verkehrenden Ausdrucks- oder Darstellungsweisen der Klassenverhältnisse täuschen ihn dermaßen, dass er den täuschenden Schein selbst dort nicht verscheuchen kann, wo er vor seinen Augen detailliert in seiner ganzen Notwendigkeit dargestellt wird – im „Kapital“. In seiner Replik auf Karl Reiter, der vorsichtig seine Nichtbehandlung der Klassen beanstandet, behauptet Michael Heinrich im Stile eines Fachgelehrten:

„Kritik der politischen Ökonomie, wie sie Marx ab 1857 versteht, ist jedenfalls nicht „substantiell Klassenanalyse“, es ist vielmehr (!) Analyse der ökonomischen Formbestimmungen (!), unter denen die Menschen handeln, die also auch (!) den Aktionen der Klassen zugrunde (!) liegen (14)“.

Wer bereits bei der Bestimmung der einfachen Wertform als Form eines bestimmten Inhalts scheitert, der wird bei den weiter entwickelten Formen der gesellschaftlichen Arbeit keine Chance auf Einsicht haben: In der Kritik der politischen Ökonomie sieht er daher nicht die Klassen analysiert, sondern (!) die Formbestimmungen! Kapital, Arbeitslohn, Mehrwert oder die Akkumulation von Kapital sind ihm keine Tarnkappen der Klassenverhältnisse, sondern „Formen“, die den „Aktionen“ der Klassen zugrunde (!) liegen! Und sie können getrennt von diesen „analysiert“ werden! Diese Formen werden also nicht als die Klassen und den Klassenkampf verdunkelnde Formen der Arbeit betrachtet, nicht als Ausdrücke gesellschaftlicher Verhältnisse, um deren Entzifferung es geht, sondern als Geldhaufen – wie in jeder Buchhaltung. In der Terminologie der Kathedermarxisten wird man wohl eher von „Kategorien“ (15) sprechen, aber nichts anderes meinen als der Buchhalter. Weil Heinrich hinter den Formen des Werts keine gesellschaftlichen und keine Klassenverhältnisse wirken sieht, kann er deren Entwicklung bis hin zu ihrer notwendigen Auflösung gar nicht in den Blick nehmen. So lassen sich Marxens Folgerungen dann auch prächtig als solche bestreiten. Was im „Kapital“ als „geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“ abgeleitet wird, das ist für ihn ein albernes Zugeständnis des reifen Wissenschaftsmannes an den enthusiastischen Revoluzzer vergangener Tage. Der alte Marx machte Formanalyse und erlaubte dem jungen noch ein bisschen Klassenpropaganda. Heinrich legt die bekannte Litanei neu auf.

Die Verbürgerlichung der Kritik der politischen Ökonomie hat zwangsläufig ihre beiden tragenden Säulen zu erschüttern, die übrigens beide im Kern bereits von der klassischen Ökonomie entwickelt worden sind, nämlich die Arbeitswerttheorie und die Lehre von den Klassen und ihren Kämpfen. Heinrich bemüht sich um die Erschütterung beider – und geht dabei sogar deutlich über seine sozialdemokratische Vorlage hinaus, nämlich über Eduard Bernstein. Ähnliche Anstrengungen zur Verdrängung der Arbeitswertlehre und des Klassenkampfes hatte sehr früh auch die Neoklassik schon unternommen, deren Grundgedanken bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt worden waren, die ihren Siegeszug aber erst in den 70er Jahren desselben Jahrhunderts begann. Der Grund für diese Verspätung liegt auf der Hand: Die Arbeitswertlehre der Klassiker eignete sich prächtig als ein theoretisches Instrument bei der Beseitigung der feudalen Überreste, aber sie wurde der Bourgeoisie gefährlich als wissenschaftliche Grundlage der sozialistischen Ideen einer erstarkenden Arbeiterbewegung. Die Perspektive musste getilgt werden, die die Gesellschaft als eine Klassengesellschaft betrachtete und den Kampf der Arbeiterklasse als den Kampf für den Sozialismus. Die Pariser Kommune 1871 ließ keine Zweifel mehr an der heraufziehenden Gefahr, die von den arbeitenden Armen drohte. Die schlossen sich nun überall zusammen und schickten sich an, die kapitalistische Gesellschaft aus den Angeln zu heben. Wenn die Ricardosche Schule und schließlich Marx mit ihrer Arbeitswertlehre den Sozialisten und Kommunisten die besten Argumente für eine Erneuerung der Gesellschaft durch die Organisation der gesellschaftlichen Arbeit gegeben hatten, so entwickelte jetzt die Bourgeoisie mit der individualistischen Preislehre und dem Sozialstaat Kampfformen dagegen, die sich als weitaus leistungsfähiger erwiesen als die Sozialistengesetze. Als „pure Economics“ lieferten die Neoklassiker nicht nur eine Lehre, die Arbeit und Klassen dem Blick entrückte, sie behaupteten damit zugleich eine wissenschaftliche Ideologiefreiheit, die sie von jeder anderen Erklärung der ökonomischen Verhältnisse ebenfalls forderten.

Heinrichs „Kategorienlehre“ erinnert schwer an diese „pure Economics“, und irgendwie wird er auch ahnen, was ihn getrieben hat, gegen die Arbeitswertlehre eine weitere Austauschwertlehre ins Rennen zu schicken - und gegen die Lehre vom Klassenkampf eine „Krisentheorie“. Warum sonst - wenn nicht vorbeugend - hat er darauf hingewiesen, dass der ordinäre Traditionsmarxismus auch die wahre Lehre von der Ideologie nicht richtig habe auffassen können. Ausgerechnet Heinrich, für den sie ein Buch mit sieben Siegeln geblieben sind, beruft sich nun auf die „Verkehrungen“, die sich dem Bewusstsein der Warenhändler ganz von selbst aufdrängen:

Der bekannte Satz aus der Deutschen Ideologie, dass die Gedanken der Herrschenden die herrschenden Gedanken seien (MEW 3: 46), blendet den entscheidenden Punkt gerade aus: die grundlegenden “Verkehrungen” in der Auffassung der bürgerlichen Gesellschaft werden überhaupt nicht bewußt produziert, ihnen unterliegen zunächst einmal alle ihre Mitglieder… Im Rahmen dieses Kritikkonzeptes ist dann auch eine Kritik am Kapitalismus aufgrund seiner “Ungerechtigkeit” nicht mehr möglich“ (S.5).

Es ist eine seiner beliebten Weisen, anderen Leuten Ambivalenzen zu unterschieben: Man nehme zwei Sätze zum selben Thema, stelle einen Unterschied fest - und behaupte einen Gegensatz. Tatsächlich besteht zwischen den beiden Aussagen aber gar kein Widerspruch. Die herrschenden Gedanken können die Gedanken der Herrschenden auch dann sein, wenn sowohl die Herrschenden wie auch die Beherrschten sie gar nicht vermeiden können. Heinrich muss aber den Schein eines Widerspruchs erzeugen, weil er die Traditionsmarxisten um die Glaubwürdigkeit bringen will zum Zwecke der Entlastung der Kapitalisten und aller ihrer Hilfskräfte. Die sind alle aus dem Schneider, denn sie können ja gar nicht wissen, was sie tun, weil sich allen alles verkehrt darstellt. Nur das war zu beweisen! Die sich aufdrängende Frage, wo und wie die falschen und die richtigen Bewusstseinsformen in die Welt kommen, behandelt Heinrich vorsichtshalber nicht. Dass die falschen Auffassungen sich der Zirkulationssphäre verdanken, aus der „der Freihändler vulgaris Anschauungen, Begriffe und Material für sein Urteil über die Gesellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt“ (MEW23/190f), ist offenbar kein gutes Argument gegen die traditionsmarxistischen Ideologiekritiker. Ganz im Gegenteil belegt es nur die behauptete Willkür, mit der die Ideologen ihrer Herrschaft dienen. Auch Heinrichs Fundgrube ist nur die täuschende Ebene der Zirkulation. Da aber in der „bürgerlichen Gesellschaft“ sich die herrschenden und beherrschten Klassen nicht nur als Käufer und Verkäufer gegenübertreten, verdampft sein feiles Argument, sobald die Leute in anderen Lebensverhältnissen besichtigt werden. Wäre Heinrich dem Marx gefolgt in den Verwertungsprozess, statt diverse Leseanleitungen zur Verdunkelung dieses Prozesses zu schreiben, dann hätte er etwas erfahren können über die vielfältigen Perspektiven, die der Bildungsprozess des Kapitals auch den Lohnarbeitern eröffnet, denn die sind durchaus nicht bloß Handelsvertreter ihrer eigenen Arbeitskraft. Es ist ein offenkundiger Fehler, von einer notwendig bescheuerten Bewusstseinsform auf ein notwendig bescheuertes Bewusstsein zu schließen. Solch einen Fehler macht auch keine herrschende Klasse! Die herrschenden Klassen haben daher Charaktere nötig, die den Beherrschten die richtigen Einsichten wieder austreiben. Das unaufhaltsame Wachstum ihrer ideologischen Streitkräfte ist ein ebenso sicheres Zeichen für die Grenzen des falschen Bewusstseins wie für die Klugheit der Bourgeoisie. Aber es ist auch der sichtbare Ausdruck der wachsenden Gefahr! Kraft misst man am Widerstand, und gemessen am Widerstand ist das Proletariat stark wie nie!

Hätte Heinrich mit dem Marx die verhüllten gesellschaftlichen Verhältnisse enthüllen wollen, dann hätte er im „Kapital“ auch entdecken können, wie das Kapital gesetzmäßig in wachsendem Maße nicht nur seine eigenen Totengräber hervorbringt, sondern eine disponible Menschenmenge erzeugt, die auch die Rekrutierung von Leuten ermöglicht, die bei ihrer Selbstverschacherung mehr anbieten als ihre bloße Arbeitskraft (16), die sich also als Soldaten dingen lassen auch für den Krieg um die Köpfe, bei dem es nicht zuletzt darum geht, die Arbeitswertlehre und die Lehre vom Klassenkampf zu tilgen. Es ist daher nicht fair von ihm, wenn Dr. Heinrich dem alten Engels, den Traditionsmarxisten und anderen Arbeitsmengentheoretikern die „Verflachung“ der Kritik der politischen Ökonomie zum Propagandamarxismus vorwirft, bloß weil die immerzu und überall auf den praktischen Charakter aller Theorien hingewiesen haben - selbst der falschen Geldtheorien. Die fällige Entschuldigung für seine Hetze wäre mehr als eine nette Geste. Sie wäre seine Chance für einen Neuanfang.

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Anmerkungen

(1) Kürzlich ist ein neues Exemplar erschienen: Michael Heinrich: Wie das Marxsche Kapital lesen? Hinweise zur Lektüre und Kommentar zum Anfang von „Das Kapital“, Stuttgart: Schmetterling Verlag 2008, 288 Seiten. Unser Gegenvorschlag hat keine 288 Seiten: Satz für Satz und unbedingt ohne jede kathedermarxistische Anleitung! „Wer zur Quelle gehen kann, der gehe nicht zum Krug“ (Leonardo). Wir wollen ja gar nicht behaupten, dass Heinrich ausschließlich falsche Auffassungen verbreitet, denn er schreibt beim Marx auch richtige Sätze ab. Aber er gibt sich mit seinen „eigenständigen“ Betrachtungen und Kommentaren große Mühe, die klaren Sätze des „Kapital“ zu verdunkeln und das dort Entschlüsselte wieder zu verschlüsseln. Wozu sonst sollte man auch den Leser dazu anleiten, auf den Gebrauch seiner eigenen Urteilskraft zu verzichten?

(2) Damit der Leser nicht seine mühsam zusammengekratzte Kohle zum Erwerb nutzloser Marx-Einführungen verschwenden muss, wird im Haupttext, wo nicht ausdrücklich eine andere Quelle genannt wird, lediglich eine Arbeit des Herrn Heinrich zitiert, die bisher kostenlos auf seiner Homepage zur Verfügung steht (Michael Heinrich Monetäre Werttheorie. Geld und Krise bei Marx, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 123, 31.Jg., 2001, Nr.2, S.151-176). Im Übrigen hebt dieser frühe Aufsatz schon im Titel Heinrichs Umkehrung der Marxschen Geldtheorie deutlich hervor, während seine Folgearbeiten diese Umkehrung eher verdunkelnd zu rechtfertigen suchen. Statt zu sagen: „Leute, ich habe Mist gebaut, die „Arbeitsmengentheoretiker“ liegen richtig, denn nicht das Geld schafft den Wert, sondern die Arbeit. Leider bin auch ich dem Blendwerk des Geldes zum Opfer gefallen“.

(3) Guenther Sandleben behandelt Heinrichs Verdrehungen des Marxschen Wertbegriffs ausführlich in der Zeitschrift „Sozialismus“ (Heft Nr. 10, Oktober 2008, 35. Jahrgang, Heft Nr. 325, Guenther Sandleben
Monetäre Werttheorie als Preistheorie).

(4) Wir brauchen uns nur die gegenwärtige Diskussion um den „finanzmarktgetriebenen Kapitalismus“ ansehen, um eine Vorstellung von der Aktualität der Marxschen Geldtheorie zu bekommen: „Wer einen modernen linken Politikentwurf präsentieren will, muss sich mit dem Kapitalismus im neuen Gewande, dem finanzmarktgetriebenen Kapitalismus, auseinandersetzen, denn dies ist die entscheidende Frage unserer Zeit: Wie begegnet Politik dem finanzmarktgetriebenen Kapitalismus? Unsere Vorschläge zur Regulierung der Finanzmärkte sind bekannt“ (O. Lafontaine, am 24. Mai 2008 auf dem 1. Parteitag der Linken). Lasst uns die Finanzmärkte kontrollieren, sagt der Oskar, dann können wir auch mit ihren Voraussetzungen leben!

(5) „Geld regiert in einem so extremen Ausmaß die Welt wie niemals zuvor in der Geschichte“ (Elmar Altvater, Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, Münster 2005, S.17).

(6) Gegen Say, dem Heinrich ahnungslos nacheifert, bemerkt Marx ironisch im „Kapital“: „Also Wert ist, was ein Ding wert ist, und die Erde hat einen „Wert“, weil man ´ihren Wert in Geld ausdrückt´. Dies ist jedenfalls eine sehr einfache Methode, sich über das why und wherefore der Dinge zu verständigen“ (MEW 23/ 560)

(7) „Die Schwierigkeit liegt nicht darin zu begreifen, daß Geld Ware, sondern wie, warum, wodurch Ware Geld ist.“ (Marx: Das Kapital, MEW 23, S. 107).

(8) „Innerhalb des Wertverhältnisses und des darin einbegriffenen Wertausdrucks gilt das abstrakt Allgemeine nicht als Eigenschaft des Konkreten, Sinnlich-Wirklichen, sondern umgekehrt das Sinnlich-Konkrete als bloße Erscheinungs- oder bestimmte Verwirklichungsform des Abstrakt-Allgemeinen … Diese Verkehrung, wodurch das Sinnlich-Konkrete nur als Erscheinungsform des Abstrakt-Allgemeinen, nicht das Abstrakt-Allgemeine umgekehrt als Eigenschaft des Konkreten gilt, charakterisiert den Wertausdruck. Sie macht zugleich sein Verständnis schwierig.” (Marx, Das Kapital, Bd. 1, 1. Aufl. 1867, Anhang zu Kapital I.1, Die Wertform, S.771, Neuausgabe: Hildesheim 1984).

(9) „Dem Entwicklungsgrad der relativen Werthform entspricht der Entwicklungsgrad der Aequivalentform. Aber, und diess ist wohl zu merken, die Entwicklung der Aequivalentform ist nur Ausdruck und Resultat der Entwicklung der relativen Werthform. Von der letzteren geht die Initiative aus.“ (Marx, Das Kapital, Bd. 1, 1. Aufl. 1867, Anhang zu Kapital I.1, Die Wertform, S.771, Neuausgabe: Hildesheim 1984).

(10) „Die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegeneinander gleichgültigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang“ (GR 74).

(11) „Aber die Teilung der Arbeit ist ein naturwüchsiger Produktionsorganismus, dessen Fäden hinter dem Rücken der Warenproduzenten gewebt wurden und sich fortweben“ (MEW 23/121)

12) „Es bedarf vollständig entwickelter Warenproduktion, bevor aus der Erfahrung selbst die wissenschaftliche Einsicht herauswächst, daß die unabhängig voneinander betriebenen, aber als naturwüchsige Glieder der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit allseitig voneinander abhängigen Privatarbeiten fortwährend auf ihr gesellschaftlich proportionelles Maß reduziert werden, weil sich in den zufälligen und stets schwankenden Austauschverhältnissen ihrer Produkte die zu deren Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz gewaltsam durchsetzt, wie etwas das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt“ (23/89).

(13) „Obgleich daher die Geldbewegung nur Ausdruck der Warenzirkulation, erscheint umgekehrt die und Warenzirkulation nur als Resultat der Geldbewegung“ (MEW 23/130).

(14) Heinrich, Michael, Welche Klassen und welche Kämpfe?, in: grundrisse 11, S. 35-42 http://www. grundrisse.net/grundrisse11/11michael_heinrich.htm

(15) „So haben die Metaphysiker, die sich einbilden, vermittelst solcher Abstraktionen zu analysieren, und die, je mehr sie sich von den Gegenständen entfernen, sie desto mehr zu durchdringen wähnen – diese Metaphysiker haben ihrerseits recht zu sagen, dass die Dinge der Welt nur Stickereien sind auf einem Stramingewebe, gebildet durch die logischen Kategorien“ (MEW4/127).

(16) „Dinge, die an und für sich keine Ware sind, z.B. Gewissen, Ehre usw., können ihren Besitzern für Geld feil sein und so durch ihren Preis die Warenform erhalten“ (MEW23/117).

Horst Schulz

Berlin, 13.10.2008

One Comment

  1. Matze Schmidt:

    Hallo, und danke fuer den Artikel. Verschiedene Filme fallen mir ein, die den Verkennungszusammenhang der Zirkulation von Waren und Geld (siehe oben u.a. Fussnote 13) ‘beleuchten’ oder besser zerleuchten: _American Madness_ auch bekannt unter den dt. Titeln _Der Tag an dem die Bank gestuermt wurde_ und _Bankkrach in Amerika_ (USA, 1932), bei dem Frank Capra Regie fuehrte, ist ein Hohelied auf das gute Kapital im Schatten von 1929, das, wenn es nur immer stetig flieszt und von aufrechten Verteidigern beschuetzt wird, die ehrliche Marktwirtschaft aus der von Gaunern kurzzeitig korrumpierten Finanzwelt heraus rettet. Kleine Systemfehler werden nebenbei beseitigt. _Let’s make MONEY_ von Erwin Wagenhofer, aktuell aus d. Jahr 2008, reduziert die Sicht vollends auf das Casino der Geldware und wird als “Plaedoyer fuer die Regulierung der Finanzindustrie” gepriesen. Der Klassiker _Spiel mir das Lied vom Tod_ behandelt uebrigens die i.d. Werttheorie vermisste Materialitaet in den Verhaeltnissen sozusagen trefflich: Bei der sog. Erschliessung des Amerikanischen Westens haelt Kapitalist Morton seine Dollars in der Schublade fuer das weltbewegende Werkzeug und die Waffe schlechthin, was er dem von ihm angeheuerten Killer Frank dozierend erklaert. Spaeter muss er sich aber, von toedlichen Revolverschuessen getroffen, von eben jenem Frank ‘belehren’ lassen indem der ihn (Morton) verrecken laesst. Zugegebenermaszen eine Verschiebung der Problematik in den Western und das Toeten, in den Film, aber strukturell interessant. Die Figur Heinrichs wuerde ich ideologisch aber eher in der Szenerie von _American Madness_ ansiedeln. Er spielte darin jedoch nicht den kleineren Bankangestellten, der mit allen Chancen zum Aufstieg ausgestattet, den bescheidenen Retter seines verleumdeten Direktors gibt (der hilft kleinen Leuten mit Krediten, was die Anteilseigner der Bank nicht verstehen) und treu an die Solidaritaet der Kapitalistenklasse glaubt. In diesem vermeintlichen Film ueber die Krise - natuerl. mit Happy Ending fuer das gute Geld guter Leute, die ehrlich ihr Geld verdienen und es sich gegenseitig leihen, indem sie es auf die Bank einzahlen - kann es ein solchen linken Kritiker gar nicht geben. Es sei denn als Zuschauer, der sich mit dem Unvermeidlichen abfindend, sehen will oder vielmehr sehen soll, wie das Kriminelle dem Geldfluss auszutreiben waere. In diesem “Wahnsinn”, in pathologisierender Absetzung zum Finanzkapital, ist Geld das Oel fuer den Motor, aber der Motor bleibt unsichtbar, so dass das Oel als antreibendes Moment uebrig bleibt. Wohlgemerkt, Arbeit als Wertsetzung wird hier strukturell nicht entfernt, sie bleibt im impliziten Bild der im Film und im Publikum adressierten kleinen Leute wage vorhanden, aber sie wird im Plot ausgelassen. Damit ist die Verschleierung nicht ganz ungeschickt. Die Eigenwahrnehmung des Zuschauers wird sozusagen gepolt, die Verhaeltnisse werden klassenlos. Dieser Film zur monetaeren Werttheorie behandelt aber gar nicht nicht die Wirtschaftskrise, schon gar nicht die Krise des Kapitals. Er behandelt die Erklaerungsnot zur Krise d. Kapitalismus und bietet als Loesung den jedem bekannten aber als Schein unentzifferten Komplex an aus Staat (Polizei und Ordnungskraefte schuetzen Geldtransporte), seiner monetaristischen Oberflaeche (Banken regeln alles mit Geld), gegen die Mafia (Der Regulationsprozess der Bank wird wegen Spielschulden bestohlen) und den Exzess der Spekulanten (guter Direktor, boese Aktionaere).