Nationalökonomie und nationale Frage

Vor fast 100 Jahren hat Rosa Luxemburg in ihrem unvollendet gebliebenen Manuskript „Einführung in die Nationalökonomie“ die scheinbar simple Frage aufgeworfen: Was ist Nationalökonomie?

Den damaligen akademischen Ökonomen warf sie vor, das Wesen ihrer Wissenschaft, die Erforschung der ökonomischen Gesetze der kapitalistischen Wirtschaft, im Dunkeln zu lassen, um auf diese Weise die vorhandene Ordnung als immer schon dagewesen und auch in Zukunft als unveränderbar darzustellen.

An dieser Auffassung scheint sich bis heute kaum etwas geändert zu haben, wie ich in meinem Buch “Nationalökonomie & Staat“ (VSA-Verlag 2003) nachzuweisen versuche. Sowohl die Wirtschaftswissenschaften als auch viele Mitstreiter in der kontrovers geführten Globalisierungsdebatte blenden exakt diese Frage aus, die aber zentrale Bedeutung bei der Einschätzung heutiger Globalisierungstendenzen hat.
Beispielsweise aggregieren die Mikroökonomen die Angebots- und Nachfragekurven, ohne sich Gedanken zu machen über den Rahmen der Aggregation. Stillschweigend unterstellen sie die Staatsgrenzen als die ökonomischen Grenzen. Die Makroökonomen gehen zwar von gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen aus, setzen aber gleichfalls voraus, dass der Staatsraum den nationalökonomischen Raum fixieren würde.

Leider hat die Globalisierungsdebatte keinerlei Fortschritte gebracht. Im Vordergrund stehen die transnationalen Finanzmärkte, mit dem Finanzkapital als dem „Kraftzentrum der Globalisierung“. Dieser Begriff des Finanzkapitals wird im Buch ausführlich kritisiert. In einem theoriegeschichtlichen Rückblick versuche ich die enge Verbindung zum klassischen Begriff des Finanzkapitals nachzuweisen. Die entsprechende Theorie des österreichischen Sozialdemokraten Rudolf Hilferding wird ausführlich kritisiert, da dort der Schlüssel für das tiefere Verständnis der heutigen Globalisierungsthese liegt. In diesem Zusammenhang wird gezeigt, wie Lenin und Bucharin diesen Begriff in ihren als klassisch geltenden Imperialismustheorien aufgenommen hatten, wie dann das kritische Denken der 70er Jahre davon geprägt wurde und wie schließlich Elemente des Begriffs in die heutige Globalisierungstheorie wanderten.

Nach dieser ausführlichen Kritik weise ich die Schlussfolgerungen zurück, die manche Teilnehmer der Globalisierungsdebatte gezogen haben: Weder zeichnet sich das „Ende der Nationalstaaten“ ab, noch stecken diese in einer „Globalisierungsfalle“. Vielmehr sind die Staaten die politischen Vollzugsorgane der entsprechenden Nationalökonomien. Zudem wird die Auffassung als unzutreffend zurückgewiesen, wonach das heutige „Empire“ keinen Ort der Macht mehr habe, wie etwa Toni Negri nachzuweisen glaubt. Während sich die Macht des Einzelkapitals auf den Betrieb bezieht, beherrscht das Gesamtkapital die Nationalökonomie.

Aber was ist das Gesamtkapital? Ausgehend vom Merkantilismus über die Klassik bis hin zur Marxschen Theorie wird dieser Begriff historisch rekonstruiert. Allerdings erscheinen solche Gesamtkapitale nicht unmittelbar. Was erscheint sind die Volkswirtschaften, die man auch als Nationalökonomien bezeichnet. Entlang der Marxschen Theorie der Mystifikationen wird nachgewiesen, warum sich das Gesamtkapital notwendigerweise als die Wirtschaft eines Volkes darstellen muss.

Solche Volkswirtschaften stellen Gebilde eigener Art dar, die sich eigenständig reproduzieren. Hier liegen die eigentlichen Grenzen der Globalisierung, die von der Globalisierungsdebatte nicht einmal thematisiert werden. Eine (globalisierte) Weltwirtschaft kann es gar nicht geben sondern nur einen Weltmarkt, auf dem sich die Kapitale als Teil ihres jeweiligen nationalen Gesamtkapitals gegenüberstehen. Löhne, Mehrwertraten und Profitraten werden national nicht global bestimmt, wie es auch Marx unmissverständlich formuliert hat.

Marx selbst hat - wie zuvor die Klassik - eine Vielzahl solcher Volkswirtschaften unterstellt, nicht aber erklärt, auf welchen Voraussetzungen diese Vielzahl beruht. Hier nun kommt eine neue These ins Spiel: Kapitale unterschiedlicher Verwertung stoßen sich ab, so dass solche Bruchlinien der Verwertung Bestimmungsmomente für ökonomische und politische Grenzen werden können.

Dieser Erklärungsversuch zur Vielzahl der Nationalkapitale ergänzt zwar die Marxsche Theorie, steht jedoch im Gegensatz zur Akkumulationstheorie Rosa Luxemburgs.

Anerkennend sollte dennoch festgehalten werden, dass es Rosa Luxemburg war, die in ihrer Imperialismusschrift die Theorie der Reproduktion in den Vordergrund rückte. Das Finanzkapital spielte darin ebenso wenig eine Rolle wie die Theorie transnationaler Monopole. Allerdings hat sie die selbständige Existenzweise der Gesamtkapitale, deren Fähigkeit, auf eigener Grundlage zu akkumulieren, generell in Frage gestellt, so dass sie auch in ihrer Theorie der Nation scheitern musste. Dennoch hat sie die Diskussion zur nationalen Frage um einen wichtigen Punkt bereichert. In ihrer Dissertationsschrift „Die industrielle Entwicklung Polens“ aus dem Jahre 1898 hat sie die nationale Frage Polens mit der Konstitution eines entsprechenden Gesamtkapitals in Verbindung gebracht. In ihren empirischen Analysen ist sie zu dem richtungweisenden Ergebnis gekommen, dass der Verschmelzungsprozess polnischer Kapitale mit den entsprechenden Kapitalen der Annexionsstaaten (Russland, Österreich, Preuße) derart weit fortgeschritten wäre, dass die Forderung nach einer Unabhängigkeit Polens ökonomisch bereits überholt gewesen sei. Nationale Frage und Konstitution eines Gesamtkapitals bildeten demnach eine Einheit.

Diesen fast schon vergessenen Gedanken greife ich in meinem Buch auf: Indem sich das Kapital als die entscheidende Macht der Gesellschaft zu einer Vielzahl von Gesamtkapitalen konstituiert, werden die dort lebenden Menschen in eine entsprechende Vielzahl von Völkern gegliedert. Historisch ist dies in der Phase der „ursprünglichen Akkumulation“ geschehen. Die durch das Gesamtkapital erfolgte Definition des Volkes hat sich zunächst hinter dem Rücken der Menschen abgespielt, dann aber mehr und mehr deren Wollen, Bewusstsein und Absichten bestimmt. Ohne Klarheit von diesen unterirdisch wirkenden Kräften zu haben, meinten die Menschen, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl als Volk zu spüren, dem sie dann in ihren nationalen Kämpfen Geltung verschafften. Sie versetzten die Geburtsstunde des Volkes so weit in die Geschichte zurück, wie es erforderlich schien, um den neuen geopolitischen Raum als „erste Landnahme“ zu rechtfertigen. Der Ursprung der Nation wird also, vergleichbar mit einigen Autoren der modernen Nationalismusforschung, als Erfindung angesehen. Den inneren Kern der Nation bilden die Interessen des Gesamtkapitals gegenüber anderen konkurrierenden Ländern. Die Nation ist die spezielle politische Form, unter der das in ein Volksinteresse verwandelte Interesse des Gesamtkapitals nach außen hin ausgefochten wird. Durch die auswärtige Konkurrenz werden die kulturellen, religiösen, politischen, ethnischen oder geografischen Unterschiede in nationale Gegensätze transformiert. Auf diese Weise erhalten die kommerziellen Konkurrenzkämpfe den Schein von kulturellen oder ethnischen Konflikten. Meist ist dann nur noch diese äußere Hülle sichtbar, während der bittere ökonomische Kern darunter versteckt bleibt. Diese Mystifikation ist erforderlich, um das Volk zum Mitmachen zu bewegen. Es sei hier an den US-Amerikanischen Feldzug gegen den Irak erinnert, der angeblich für die Sicherheit der westlichen Freiheit und zur Verteidigung der Menschenrechte geführt wurde, tatsächlich aber handfesten ökonomischen Interessen dienen sollte.

Diese ökonomische Theorie der Nation liegt auf der Linie Rosa Luxemburgs, ebenso der Begriff der Nationalökonomie, mit dem wichtigen Unterschied allerdings, dass die eigenständige Akkumulation solcher Gesamtkapitale als dauerhaft angesehen wird.

43 Kommentare

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