Schlechte Argumente für gute Menschen

von Horst Schulz

Für euch gelesen:
„Eine ehrenwerte Gesellschaft“
Ein Buch von Mathew D. Rose, Berlin 2003

Einer der großen deutschen Bankkonzerne hat sich an seinen Immobilienfonds kräftig verhoben. Allein durch die Abwälzung der möglichen Lasten in Höhe von 21,6 Mrd. € auf den Eigentümer dieser Bankgesellschaft konnte, so heißt es, ein noch größerer Schaden verhindert werden.

Eigentümer aber ist hauptsächlich das Land Berlin, und die Haushaltslage dieses Landes scheint deutlich schlechter zu sein als die Haushaltslage seiner Führungskräfte. Mathew D. Rose hat über die Affäre der Berliner Bankgesellschaft ein Buch geschrieben, denn er will „Licht ins Dunkel bringen“, obgleich die „Ursachen“ der Angelegenheit „relativ einfach auszumachen und zu verstehen sind“ (7). Sein Anspruch könnte kaum geringer sein.

Der Reihe nach: Der Einband des Buches hat uns gefallen und der Titel klingt verheißungsvoll. Erstaunen und bald Enttäuschung sind die nächsten Reaktionen, die sich nicht vermeiden lassen, sobald das Buch aufgeschlagen und durchgeblättert ist: Der Autor hat auf Index und Quellenangaben verzichtet. Bei diesem Thema! Aber klar, Informantenschutz. Das Vorwort ist schnell vergessen, und der Prolog lässt ahnen, was auf den reichlich 200 Seiten kommen wird. „Aufstieg der Zwerge“ lautet die Überschrift. Die Berliner Bankenaffäre, so erfährt hier der Leser, hat eine „Oligarchie von Zwergen“ verbrochen. Scheiße aber auch, soll er wohl denken, Riesen hätten da was ganz anderes angestellt!

Das ganze Buch ist nichts weiter als die Ausführung dieses einen „Gedankens“, eine Ausführung in der Form einer moralisch wertenden Anekdotensammlung. Argumente sind kaum erforderlich, denn die Einzelheiten sprechen unwiderlegbar aus, was Rose sagen will: Die Welt ist schlecht, wo es so viele schlechte Menschen gibt, besonders in Berlin, aber auch in Deutschland und sogar woanders. Wie ein Kind, das die Attacken der bösen Spielkameraden pariert, indem es jedes vermeintliche Argument, also jeden Dreck, ungeprüft in die feindliche Richtung schleudert. Die folgerichtige Durchführung eines Grundgedankens sucht man in dem Buch vergeblich.

Weil Rose hauptsächlich seine schlechte Meinung von den prominent beteiligten und profilierten Mitmachern der Stadt ausdrückt, erfährt der Leser mehr über den Autor als über dessen Gegenstand. Nach wenigen Seiten wissen wir, was er uns von seinen Gefühlen mitteilen will. Er breitet seine maßlose Sehnsucht aus nach einem religiösen Urteil: Wer schuldig ist soll sühnen.

Es ist eine spießige Stammtischstimmung, die hier die Gestalt eines Buches angenommen hat. Schlechte Ansichten von dem – ehemals - leitenden Personal der Hauptstadt werden ausgestellt. Rose will vielleicht die Empörung über die Missstände schüren, aber es beschäftigt ihn nicht der Gedanke, wie diese Missstände auszuräumen oder zu vermeiden wären. Im Gegenteil! Man gewinnt den Eindruck, dieses Buch sei in der Absicht geschrieben worden, den beschädigten Heiligenschein der Zustände, die diese Missstände hervorbringen, zu erneuern. Denn die handgreifliche Entweihung dieser Zustände, wie wir sie der „Berliner Oligarchie“ zu verdanken haben, diese ganz praktische Selbstkritik der bürgerlichen Demokratie und Marktwirtschaft, ist nicht akzeptabel für einen Schriftsteller, dem die Unantastbarkeit seiner Ideale die höchste Verpflichtung ist. Wären sie antastbar, dann wären diese Ideale untauglich als ein Schutz der Zustände. Das Böse aber ist doch in der Welt zur Verherrlichung des Guten. Oder? Roses Kritik ist keine der Verhältnisse, sondern eine einiger Verlierer vom Standpunkt des Ideals dieser Verhältnisse.

Ohne Frage wird er sein Publikum gefunden haben und noch finden. Denn den guten Menschen wird reichlich Munition angeboten - für ihren Protest gegen die bisherige Personalpolitik in Berlin. Wenn auf der einen Seite der Autor Leser braucht, die längst ihr Urteil gefunden haben und zufrieden sind mit beliebigen Ansichten für ihre Sache, so brauchen solche Leser einen Autor, der davon unumstößlich überzeugt ist, ein gelungenes Menschenexemplar zu sein. Selbstzweifel dürfen ihn nicht plagen, wenn er die erbärmlichen Verhältnisse erbärmlichen Menschen anlasten will.

Die kleinwüchsige Elite

Den ganzen dürftigen Inhalt seiner Perspektive drückt der Autor aus in seiner ersten Skizze, die er im Fortgang zum Bild der „ehrenwerten Gesellschaft“ ausmalt:

„Doch die ´ehrenwerte Gesellschaft´ besteht aus Zwergen, die sich als Elite aus eigener Leistung versteht, die sich ihre Privilegien angeblich selber verdient hat. Gleichzeitig – und das ist das Besondere (!) an ihr – behauptet sie, jahrzehntelang Berlin als Bastion der Freiheit gegen den Kommunismus verteidigt zu haben. Dass die Steuermillionen aus der Bundesrepublik und die Militärmacht der Vereinigten Staaten hierbei auch noch eine gewisse Rolle gespielt haben, verdrängt sie, wie alles, was ihrem Selbstbewusstsein schaden könnte“ (14).

Die Berliner Führungsgarnitur, die den Bürgern der Stadt erhebliche Lasten aufgedrängt hat, ist, so erfahren wir hier, nicht nur kleinwüchsig, sondern auch weitgehend normal: Das Besondere an dem Berliner Zwergenkollektiv ist nichts als eine Behauptung! Und was für eine! Eine freche Selbsteinschätzung. Angeberei! Denn die Verteidigung der Freiheit Berlins gegen die kommunistische Barbarei war in Wahrheit auch das Werk der deutschen Steuerzahler und der amerikanischen Schreckensherrschaft. Der Autor gönnt der ehrenwerten Gesellschaft bloß ihren Eigendünkel nicht und hat deshalb sein Buch geschrieben? Weil die eingebildeten Berliner Würdenträger sich maßlos überschätzen, kann er sie nicht leiden und schwärzt sie deshalb öffentlich an? Das ist kaum zu glauben, aber er sagt es ja selbst. Andrerseits ist es nicht die pure Angeberei, die Herrn Rose stört, sondern eine zweifellos strafbare Handlung, nämlich der Missbrauch der Ideale:

„Diese feine Gesellschaft hat kein Unrechtsbewusstsein. Gesetze, einst (!?) zum Schutz der Gemeinschaft (!) geschaffen gelten aus ihrem Rechtsverständnis nur für andere, aber nicht für sie. Sie nutzt sie allenfalls zur Absicherung eigener Privilegien. Die gesellschaftliche (?) Gemeinschaft hat nur ihrem Vorteil zu dienen und ist damit de facto aufgelöst (?). Auch das bürgerliche Wertesystem, auf das eine Demokratie sich beruft, ist dieser Oligarchie fremd“ (15).

Dem Leser wird hier nicht nur die vorschulalterliche Vorstellung zugemutet, die heute gültigen demokratischen Gesetze seien der Menschheit im biblischen Zeitalter auf einer Tafel geschenkt worden. Mit dieser Zumutung wird auch die Tatsache dem Blick entrückt, dass die Berliner Gesetzesfabrikanten mit den Berliner Zwergen oft in Personalunion leben, weswegen die Plünderung der Stadt auf dem Wege der Gesetzgebung ein Gedanke ist, der näher liegt als der einer Plünderung durch den Bruch dieser Gesetze. Ein Berliner Schadensfall aber durch den Gebrauch und nicht den Missbrauch der Ideale ist undenkbar für einen professionellen Bewunderer von Demokratie und Marktwirtschaft, der seine Ideale gewohnheitsmäßig höher schätzt als seinen Verstand. Das „bürgerliche Wertesystem“ als einen selbstverständlichen Gegensatz zu bürgerlichen Beutezügen zu betrachten, ist selbst aus der Perspektive einer marktwirtschaftlichen Gesinnung kein einfaches Kunststück, denn dieses „Wertesystem“ beruht doch gerade darauf, dass jeder selbst sich seinen Vorteil sucht und niemand seinen Lebensunterhalt vom Wohlwollen der andren erwartet. Es war daher nahe liegend, gerade aus den Zwängen des „bürgerlichen Wertesystems“ die Pleite für Bank und Stadt zu erklären und die Frage zu beantworten, warum sich die Gründe für einen Misserfolg durchgesetzt haben und nicht ihre Gegenteile; aber es ist unendlich bequemer, sich mit der Behauptung unfähiger, skrupelloser Funktionäre zu begnügen, als hätten die die Verwüstung der Stadt angepeilt und nicht eine erfolgreiche Bank. So wenig die Ölkonzerne den Globus anbohren, um dessen Badestrände zu versauen, so wenig werden die Berliner Geldleute ihre Immobilienfonds aufgelegt haben, um die Armen noch ärmer zu machen. Sein unbarmherziges Auftreten gegen die Verantwortlichen der Affäre wäre nicht erklärbar, wenn er von der Verantwortung und den öffentlichen Ämtern nicht eine so hohe, weltfremde Meinung hätte. Ohne den Himmel der Ideale gibts keine Verteufelung der Wirklichkeit. Kreuzigt sie – zum Wohle der Demokratie!

Die Steckbriefe der Hauptverantwortlichen

Da Rose vermutlich die Pflichten und die Schuldigkeit aller genau kennt, kennt er auch die „Hauptverantwortlichen“ mit Namen:

„Es waren nicht nur Rupf, Landowsky und Schoeps, die die Bankgesellschaft zugrunde richteten – obwohl sie ohne Zweifel die Hauptverantwortlichen waren“ (136). In der Bankgesellschaft gab es noch Männer, die sich „Strategien in immer größeren Dimensionen ausdachten, jedoch nie in der Lage waren, diese erfolgreich umzusetzen“ (136).

Wohin er auch sieht, sieht er Ganoven und Pfeifen. Die Bankvorstände waren vorzugsweise „völlig überfordert“. Der Oberbankier Wolfgang Rupf ist zwar „zweifellos intelligent, gebildet und könnte vielleicht eine Bank dirigieren“ (42), leider verfügt er „wohl nicht über die Qualitäten eines internationalen Bankers“ (44). Seine Eigenschaften waren lediglich ausreichend, „seine Aufsichtsräte und sogar das Bundesaufsichtsamt an der Nase“ herumzuführen (45), und zwar über fünf lange Jahre. Man kann sich vorstellen, wie untauglich erst die Aufsichtsräte und die Dienstkräfte des Aufsichtsamtes gewesen sein müssen, die er auch ernsthaft als „Versager“ eingruppiert.

Als Rädelsführer einer ganzen Stadt werden sich Landowsky und seine Freunde gewiss verstanden haben, aber für eine außergewöhnliche Missetat spricht das noch lange nicht. Nichts spricht dagegen, dass sie vom kapitalistischen Geist beseelte Geschäftsleute gewesen sind, die ihre ganze Lebensführung den Erfolgsbedingungen ihres Handwerks untergeordnet haben. Wenn Rose ihnen nicht ihren beabsichtigten Erfolg, sondern ihre faktische Erfolglosigkeit zum Vorwurf macht, dann drückt sich darin nicht nur eine Seelenverwandtschaft mit ihnen aus, sondern auch seine grundsätzliche Haltung gegen Verlierer.

Für einen solchen Pharisäer, der einen Sünder und nicht eine Ursache des Geschehens sucht, scheint der Herr Schoeps ein aussichtsreicher Kandidat zu sein. Bei diesem Mann handelt es sich nämlich nicht um einen der vielen inkompetenten Funktionsträger, der sozusagen nur schuldunfähig schuldig geworden wäre, sondern um einen kaltblütigen Wiederholungstäter:

„Die Manager der Bank sind ihm nicht gewachsen und überblicken seine Aktivitäten kaum“ (64). „Schoeps war der Motor und das Hirn hinter den Immobilienfonds der Bankgesellschaft, deren Risiken heute mit 21,6 Milliarden Euro beziffert werden“ (55).

Der hat also den Untergang Berlins organisiert und alle ehrlichen Bürger ins Verderben gestürzt. Und weil es offenbar gar nicht so einfach ist, diesem Charakter die niederen Motive und die höhere Schuld im Zusammenhang mit der Berliner Bankgesellschaft nachzuweisen, nimmt sich Herr Rose erst mal seine Vergangenheit vor. Das hält er für eine prima Methode der Wahrheitsfindung, die, bewährt im „angelsächsischen Journalismus“, zu seinem Leidwesen in Deutschland bisher nur ungenügend gepflegt wird. In diesem Lande scheint die Vorliebe für eine „kalkulierte Geschichtslosigkeit“ tatsächlich größer zu sein als die Neigung zum Kloaken-Journalismus, und das ist ganz und gar „nachteilig für die Mehrheit, für die Gesellschaft und vor allen Dingen für die Demokratie“ (54).

Also macht der ehrenwerte Herr Rose den Leuten vor, wie man es richtig macht. Im Vorleben des Herrn Schoeps hat er nicht erfolglos herumgeschnüffelt, sondern herausgefunden, was herauszufinden war. Die Ergebnisse seiner „Recherche“ vervollständigen seine logischen Operationen: Schoeps ist der Hauptverantwortliche aller Hauptverantwortlichen. Beweis: Der Mann hat sich die Fondskonstruktionen einfallen lassen und die anderen erwachsenen Mittäter für das Projekt gewonnen, wenn nicht gar über den Tisch gezogen. Beweis des Beweises: Schoeps war schon mal in grauer Vergangenheit in einem Anlageskandal prominent verwickelt. Es versteht sich also von selbst, ein Kerl seines Schlages ist auch dann schuldig, wenn er es nicht ist; wenn der Rechtsstaat ihm damals nichts hat anhängen können, dann ist ja damit seine Unschuld nicht bewiesen….

So funktioniert die demokratische Inquisition: Wer erfolglos mitmacht, der hat nicht nur das Recht auf wohlwollende Beurteilung verwirkt, auch Unschuldsvermutung ist hier gänzlich demokratiewidrig, denn die Erfolglosen sind, das sagt den Inquisitoren ihr Instinkt, die Fleisch gewordene Kritik der marktwirtschaftlichen Religion des Alltagslebens. Und die Ketzer wider Willen werden bedrohlich mehr. Man muss was tun.

Dass für Schoeps und Gesellen gerade ihre einstigen Erfolge, die fatale Bewunderung seitens der Erfolglosen eingeschlossen, ein Verhängnis geworden sein könnten, ein solcher Gedanke liegt für einen moralischen Ankläger jenseits aller Möglichkeiten. Ein schlichtes Weltbild schimmert durch, das ohne jeglichen Kontrast klar zwischen gut und böse zu unterscheiden in der Lage ist. Der Misserfolg stellt sich ihm dar als eine gewollte Schweinerei und nicht als ein unglückliches Ergebnis bei der Suche nach dem bürgerlichen Glück. Eine illusionslose Darstellung der bankgesellschaftlichen Umtriebe jenseits von bösen Absichten und Unvermögen wäre auch dasselbe wie die Zerstörung seiner Ideale. Dabei liegt nichts näher beim geschäftlichen Erfolg als der Misserfolg. Und erfolgreiche Geldgeschäfte hat alle Welt von den Berliner Bankleuten erwartet; wie niemand sie für ihren Erfolg kritisiert hat, so hat auch niemand ihre Risikobereitschaft getadelt, ohne die nicht geschehen wäre, was geschehen ist. Wenn aber Unternehmer der Versuchung erliegen, das mutig zu erzwingen, was von ihnen erwartet wird und ihnen die Zeitumstände nicht oder nicht mehr geben, dann geraten sie rasch in die grauen Zonen der Schwindelgeschäfte und folgen bald nicht mehr nur im Interesse ihres Geschäfts nicht mehr nur einer wohltuenden Selbsttäuschung; der vielleicht seriöse Geschäftsmann wird Abenteurer, Spieler, und sein Beruf wird ihm leicht zum Verhängnis. Was mit Schwärmerei begann, das endete daher oft schon als Betrug. Davon berichten Romane massenhaft. Wenn aber die Wirklichkeit ähnliche Bilder malt, dann treten Enthüllungsschriftsteller auf, die das Unheil nur als Missetat auffassen können und in deren Schreiberei sich die gehässige Diktatur der bürgerlichen Moral geltend macht, die in einer Verunglimpfung der handelnden Personen ihre höchste Befriedigung findet. Ihre theologische Weltbetrachtung kennt nur Schuld und Sühne und verweigert sich einer jeden mühevollen Einsicht zugunsten der bequemen.

Während sie gnadenlos mit ihren Trägern umspringen, sind die sozialen Charaktermasken nie ein Gegenstand ihrer Klage. Denn daran wollen und dürfen sie nichts aussetzen. Der Bankier gilt einem Sensationsberichterstatter als ein ebenso ehrenwerter Charakter wie ein Zimmermann. Und die beständige Exekution dieses schrägen Urteils ist seine soziale Funktion, die soziale Funktion des Sensationsberichterstatters. Schauprozesse, in denen jene vorgeführt werden, die das Unglück hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort und daher erfolglos zu sein, finden ja auch nicht zur Entlastung der eventuell Geschädigten statt, sondern zum Schutze der heiligen Ordnung. Die Verantwortlichen oder vermeintlich Verantwortlichen sollen büßen für ihre Beschmutzung der Ideale. Wie gerne wäre doch der Autor Rose das jüngste Gericht! Wir haben es nicht mit dem Fanatismus eines zornigen Weltverbesserers zu tun, sondern mit der rücksichtslosen Selbstgerechtigkeit eines schnell schreibenden reaktionären Idealisten.

Das blinde Aufsichtspersonal

Die „Unfähigkeit der Aufsichtsräte“ (37) ist geradezu unbeschreiblich. Diese ganze Riege ausgewiesener Erfolgsmenschen aus Wirtschaft und Politik, die in Berlin Sitzungsgelder kassieren und Einfluss nehmen durfte, erhält vom Schreiber Rose denkbar schlechte Noten in Wirtschaftskunde. Die in diesem Gremium hockenden Politiker und Arbeitnehmervertreter verfügten über „wenig beziehungsweise gar keine Ahnung vom Bankgeschäft“ (37). Der überzeugende Nachweis von Ahnungslosigkeit, so müssen wir vermuten, wird eine notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung um einen leitenden Posten bei der Bank und ihren Aufsichtsorganen gewesen sein.

Eingeweihte Fachkräfte hätten nach Überzeugung unseres Autors wohl nie und nimmer die Bankgesellschaft gegen die Wand gefahren, sie hätten auch nie dem Land die Defizite der Bank aufgedrängt und hätten die Übeltäter längst ans Messer geliefert. Ein Gelehrtenparlament ist das nun wirklich nicht, was die Berliner Bürger sich da zusammengewählt haben: Die Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses sind vielleicht keine Zwerge, aber Flaschen ohne Beispiel, die die Abschirmung der Immobilienrisiken zum Nachteil des Landeshaushalts widerstandslos in die Welt gesetzt haben:

„Im Abgeordnetenhaus sind die Parlamentarier völlig überfordert. Man muß wissen, dass die Berliner Abgeordneten fachlich nicht gerade die kompetentesten sind. Ich glaube nicht, dass mehr als ein paar Prozent (!?) eine Bilanz lesen können, geschweige denn verstehen. Ich gehe davon aus, dass die meisten keine Ahnung hatten, worüber sie abstimmten – heute möglicherweise noch immer nicht“ (201).

Selbst wenn Roses Vermutung bezüglich der Bilanzierungsunsicherheit der Abgeordneten zutreffen sollte, stellt sich die Frage, wofür eine solche Unfähigkeit ein Argument sein könnte. Nicht nur werden sie die Möglichkeiten haben, Bilanzen lesen und beurteilen zu lassen, es ist überhaupt nicht erfindlich, wozu dergleichen nötig gewesen wäre. Bei der Behauptung, es sei ein BWL-Studium mit Prädikatsexamen verlangt, um die Risiken zu überschauen, die das Land Berlin mit der Risikoabschirmung übernommen hat, handelt es sich um eine folgenreiche Irreführung, die nur dem Zweck zu dienen scheint, Arbeitsplätze oder besser Abgreifplätze für Experten einzufordern. Die Risiken des Immobilienfondsgeschäftes waren ganz im Gegenteil für jeden erkennbar, der die Fondsprospekte gelesen und die dort aufgelisteten Garantien unter dem Gesichtspunkt „Risiko“ zur Kenntnis genommen hat. Denn was den Anlegern werbend garantiert worden ist, das musste auf der Seite des Garantiegerbers eben ein Risiko sein. Und geworben wurde bekanntlich sehr erfolgreich.

Es versteht sich beinahe von selbst, dass auch die Abgeordneten des Berliner Untersuchungsausschusses, die sich emsig um die verordnete Aufklärung der Affäre bemühen, für den Autor nichts weiter sind als in ein „Teilzeitparlament“ gewählte Ahnungslose, die ihren gesetzlichen Auftrag aus Mangel an Wissen überhaupt nicht erfüllen können. Wie sollten solche „Teilzeitparlamentarier“ aufklären können, was Vollzeitbanker eingerichtet haben:

„Der Untersuchungsausschuss ist völlig überfordert“. Und das ist überhaupt kein Wunder: „Keiner von ihnen gilt als Bankexperte“ (220).

Wenn man sich nicht bescheißen lassen will, dann muss man wohl ein Experte sein. Aber das ist noch nicht alles, was uns Rose willig über unsere Verhältnisse erzählt. Diese Pfeifen mit den Abgeordnetenbezügen sind Gesetzgeber ganz eigener Art, denn sie verabschieden im Dienste der Bankiers Gesetze zur Behinderung ihrer eigenen Arbeit als Volksvertreter:

„Der Steuerzahler kann Milliarden für das Missmanagement der Bankgesellschaft aufbringen, aber ein Recht (!) zu wissen, was in der Bank passiert ist, es erscheint den Bankmanagern (!) als Zumutung. Die Dokumente, die der Ausschuß von der Bank erhalten hat, sind geheim. Deren Inhalt darf (!) der Ausschuß in seinem öffentlichen Abschlußbericht nicht erwähnen“(221).

In der Berliner Demokratie, so lesen wir hier, bestimmen die Bankmanager das Recht, auch wenn die vom Volke gewählten und nur ihrem Gewissen verantwortlichen Abgeordneten die Gesetze erlassen. Wie sonst könnten diese Manager den Abgeordneten die Volksaufklärung verbieten? Diese bemerkenswerte Ansicht bleibt bei Rose leider ohne Folgen. Als einen Einwand gegen die Demokratie macht er sie lieber nicht geltend, und er hält sie auch nicht für eine Widerlegung seiner fundamentalen These von der fatalen Auswirkung der fachlichen Unterbelichtung der Abgeordneten. Wenn aber der Wille dieser Abgeordneten zur Aufklärung an dem Willen der Bankiers zur Geheimhaltung scheitert, dann wird dieser zu schwach ausgebildete Wille auch verhindern, dass ihre betriebswirtschaftliche Urteilskraft, sei sie nun dürftig oder stark, überhaupt eine Wirkung entfalten kann. Man kommt also gar nicht erst in eine Situation, die das Urteil ermöglicht, das Rose so gnadenlos vollstreckt. Die Beliebigkeit, mit der er vermeintliche Argumente durch die Gegend schleudert, hindert ihn daran, auch nur geringe Klarheit zu bekommen.

Etwas prüfende Disziplin hätte ihn leicht darauf gebracht, dass geheime Kenntnisse und besondere akademische Weihen nicht entfernt erforderlich gewesen sind, um die Risiken zu beurteilen, die die Bankgesellschaft eingegangen ist und für die das Land nun gerade zu stehen hat. Das wird unübersehbar auch dort deutlich, wo er zustimmend den Wirtschaftsprüfer Walther anführt, der die Anschauung von der Notwendigkeit des Fachgelehrtentums gründlich dementiert:

„Bereits beim ersten Durchlesen der Fondsprospekte war Walther auf die großzügigen Garantien der Fonds gestoßen. Garantien von denen er fürchtete, sie könnten die Finanzkraft der IBG übersteigen“ (109).

Was Rose auf Seite 109 aufschreibt, das hat er auf Seite 141 schon vergessen, wenn er nämlich von den „versteckten (!) Risiken dieser Immobilienfonds“ spricht, die Achim Walther bereits 1998 der Landesbank mitgeteilt habe. Versteckt werden sie gerade nicht gewesen sein, wenn man sie bereits beim ersten Durchlesen mitbekommt. Wer einen der Fondsprospekte, von denen Abertausende gedruckt worden sind, zur Hand nimmt, der kann diese Risiken überhaupt nicht übersehen; man braucht, wie es Walther vor dem Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses vollendet formuliert hat, für das entsprechende Urteil „keine prüferische Weisheit“. Aber genau dieses zentrale Argument wird auffallend aufdringlich verwässert, und zwar nicht nur von dem Herrn Rose, sondern von etlichen anderen Wichtigtuern, denen irgendein anderer Aspekt an der Sache aufgefallen ist, den sie zur Darstellung ihrer intellektuellen oder moralischen Überlegenheit gegenüber den anderen Beteiligten unbedingt herausstellen wollen. Im Resultat haben wir dann die komplette Undurchsichtigkeit des Vorfalls und einen aussichtslosen Zank um die Fragen der Haftung, weil sich leider eben auch mit der Bearbeitung einer Bankpleite und nicht nur mit der Führung einer Bank ein Lebensunterhalt verdienen lässt. Die durch solche Emsigkeit entstehende Undurchsichtigkeit ist erfreulich dagegen für alle Marktordnungskräfte, nicht nur für die Aufsichtsamtsleute und die Aufsichtsräte, nicht nur für die schlauen Verbrauchertippgeber und Anlegerschützer, sondern auch für die schreibenden und schwafelnden Abteilungen in den Wirtschaftsredaktionen. Denn sie alle konnten die unverhüllten Risiken der Immobilienfonds leicht zur Kenntnis nehmen und verhindern, was dann eingetreten ist.

Umgekehrt entlastet die Tatsache des in den Fondsprospekten deutlich herausgestellten Gefährdungspotenzials die verantwortlichen Bank-Manager hinsichtlich des Vorwurfs, sie hätten im Schutze der Dunkelheit operiert und womöglich Risiken versteckt. Mit Bezug auf ihre Angebote, die die Stadt nun in große Finanznot gestürzt haben sollen, kann davon die Rede nicht sein.

Berlin in ganz Deutschland

Herr Rose hat der „Berliner Oligarchie“ sein Buch gewidmet und seinen Lesern seine feste Überzeugung mitgeteilt, dass diese ehrenwerte Gesellschaft die „Ursache des Niedergangs der Stadt“ (14) ist. Die Figuren, die er auf seine virtuelle Anklagebank gesetzt und verurteilt hat, sind ganz besondere Personen, bestimmte Menschen aus Berlin und keine Charaktermasken der ehrenwerten Marktwirtschaft; sie haben daher auch ein „einzigartiges (!) Versagen (!) der deutschen Demokratie“ (221) zu verantworten:

„Die Bankgesellschaft Berlin… war ein fundamentloses, von Pfuschern zusammengezimmertes Bankhaus, das den architektonischen Prinzipien der Inkompetenz und der Großmannssucht folgte. Dazu kam zu guter Letzt ein Anstrich von Täuschung und Vertuschung“ (230).

Wäre nicht die Beliebigkeit seiner Argumente so charakteristisch für seinen Vortrag, dann erlebten die Leser eine faustdicke Überraschung, wenigstens jene Leser, die ihre Bücher immer ganz zur Neige lesen, weil sie sie ja auch immer ganz bezahlen müssen. Denn gegen Ende seines Werkes verwertet der Autor einige der allabendlichen Talk-Show-Thesen für ein Sittengemälde, das uns schaudern lässt, nicht nur die Berliner, sondern die Deutschen:

„Die Klüngelpolitik Berlin ist wahrlich nicht (!) einzigartig in Deutschland. Es gibt sie überall in der Bundesrepublik… Das Boot Deutschland liegt so tief im Wasser… Überall in Deutschland findet man Verkrustung…. Die Deutschen klammern sich an ihre verkrusteten Dogmen…Der Niedergang der Bankgesellschaft ist für die Bundesrepublik eine Offenbarung… „ (231f). „Die Gesetze in Deutschland sind nicht nur wirtschaftsverbrecherfreundlich, sie fordern förmlich White Collar Crime heraus“ (217).

Schöne Offenbarung. Was die „Berliner Oligarchie“, die von den „großzügigen Subventionen“ der Vorwendezeit derart verwöhnt worden ist, dass sie es niemals nötig hatte, die dem Gemeinwesen dienenden „Techniken der Kapitalverwertung zu erlernen und anzuwenden“ (20), infolge ihrer entsprechend mangelhaften Ausbildung angerichtet hat, das können andere in Deutschland auch. Aber wenigstens in den Ländern mit einer richtigen Demokratie hätte das nun nicht passieren können! Zwar legt die Kapitelüberschrift Nr. 7 „Das Deutsche Enron“ (104) die Vermutung nahe, immerhin in den USA seien Gesetze zugunsten der Gesetzesbrecher auch nicht unüblich, aber man darf nicht wörtlich nehmen, was Rose wörtlich schreibt. Es gibt nämlich einen wesentlichen Unterschied zwischen der deutschen und der amerikanischen Demokratie: „In Deutschland ist alles anders“ (68). Bankgesellschaft „klingt wie ein deutsches Enron, …bloß mit dem Unterschied, dass niemand die Ursachen erfahren soll“ (69). Als wüsste dieser Autor, was eine Ursache ist! Deutschland ist für ihn nicht nur das Land, in dem sich Journalisten die Chancen entgehen lassen, den Andersdenkenden ihre Vergangenheit vorzuwerfen, wenn deren Gegenwart nichts Belastendes hergibt, Deutschland ist auch das Land der Verdunkelung. Wer an dieser Stelle seine Flucht aus Deutschland vorbereitet und seine Reise in die schöne neue Welt bucht, wo Aufrichtigkeit und echt angelsächsischer Umgang mit der Wahrheit warten, der könnte jedoch voreilig gehandelt haben. Denn 150 Seiten später erinnert sich der Aufklärer Rose an die „Erfahrungen mit Enron in den USA, wo Unterlagen von Enrons Wirtschaftsprüfer, Arthur Andersen, fieberhaft vernichtet wurden..“ (217). Schluck! In den USA werden also die Ursachen der Wirtschaftsverbrechen nicht wie in Deutschland verschwiegen, sondern mit dem Textverarbeitungssystem Reißwolf demokratisch verbreitet.

Ein Autor wie er, das sehen wir ein, dem es um die Reinhaltung der marktwirtschaftlichen Ideale zu tun ist, kann sich nicht auch noch um eine widerspruchsfreie Argumentation kümmern; ob sein einer Satz seinen anderen ausschließt oder nicht, darauf kommt es auch gar nicht an, denn es ist viel praktischer, Stimmungen zu erzeugen oder vorhandene Stimmungen auszubeuten. Reflexionsauslöser sind verlangt und keine unbequemen Betrachtungen der Wirklichkeit. Um den heiligen Zorn der Selbstgerechten abzurufen, genügen gewisse Vokabeln.

Wo trotz lauter Marktwirtschaft die Wohlfahrt für die Leute sich nicht einstellen will, dort haben garantiert die Versager das Sagen. Darauf muss dringend auch vorbeugend hingewiesen werden:

„Der Zusammenbruch dieses Geldinstitutes resultierte weniger aus unternehmerischen Risiken denn aus kollektiver Verantwortungslosigkeit. Die Bankgesellschaft ist kein Sonderfall. Sie ist nur vielen anderen Banken fünf (!?) Jahre voraus“ (230).

Wenn in einigen Jahren also viele andere Banken ihre Pforten schließen müssen, wenn den Leuten dann, wie jetzt schon in Berlin, weitere Härten abverlangt werden, dann sollen sie sich erinnern, dass es „Inkompetenz, Großmannssucht, Täuschung und Vertuschung“ waren, die den Mist verursacht haben. Wenn sie dann ihre Angelegenheiten neu ordnen müssen, dann sollen sie sich eine bessere Führungsgarnitur wählen, eine Elite mit ordentlicher Gesinnung und marktwirtschaftlicher Kompetenz, die ihrer Verantwortung auch gewachsen ist.

Das Kollektiv der Verantwortungslosen

Wenn Herr Rose von „kollektiver Verantwortungslosigkeit“ spricht, dann gruppiert er die Beteiligten des „Bankenskandals“ entsprechend ausgesucht und rechnet zahllose Mitwirkende nicht zum Kollektiv, obwohl die ohne jeden Zweifel auf ihre Mitgliedschaft einen gerechten Anspruch haben, weil auch ihr marktwirtschaftlicher Egoismus nämlich zum Gelingen der Berliner Immobiliengeschäfte unübersehbar beigetragen hat.

Die große Pleite der Bank unterstellt ihren vorherigen, nicht minder großen Erfolg. Und der Erfolg hat bekanntlich viele Väter. Die Immobilienfonds mussten z.B. nicht nur konzipiert, sondern auch vertrieben werden, und es sollen immerhin 70.000 Anleger registriert sein, die den Verlockungen der Vertriebe nicht widerstehen konnten. Dafür aber waren keineswegs nur die Vertriebsleute zuständig, sondern z.B. auch eine Unmenge schlauer, engagierter und leistungsbereiter marktwirtschaftlich orientierter Wirtschaftsjournalisten, die in der Lage gewesen sein werden, mit Sachverstand die Prospekte der Berliner Fondsvertreiber zu lesen, über deren Geschäfte sie berichtet haben. Und? Wären ohne ihre tätige Mithilfe Erfolg und Misserfolg möglich gewesen? Natürlich nicht. Aber solche Mittäter zählt Rose nicht zum Kollektiv der Verantwortungslosen. Wo er sie erwähnt, dort haben sie eine ganz entgegengesetzte Funktion, denn die Marktwirtschaft braucht die wirklich ehrenwerten Leute, die Priester und Inquisitoren, die zuständig sind für die Einhaltung der moralischen Marktregeln und für die Verfolgung der schwarzen Schafe.

Als ein solcher Charakter wird in dem Buch geradezu aufdringlich der „Anlage-Experte Heinz Gerlach“ vorgestellt, und es findet sich nicht der leiseste Hinweis darauf, was dieser Mann mit den Fondsgeschäften der Bankgesellschaft wirklich zu tun gehabt haben könnte. Dabei hat er alles zu bieten, woran Enthüllungsschriftsteller gewöhnlich Spaß haben. Er „überwacht“ nicht nur „seit Jahrzehnten im Interesse von Anlegern den Kapitalmarkt und gibt unter anderem eine Insider-Publikation – heute heißt sie ´Direkter Anlegerschutz´ – heraus“ (57), sondern hat nach eigener Aussage vor dem Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses die Herren Troger und Schoeps im Zusammenhang mit der Prospekterstellung für die Immobilienfonds beraten. Er hat vermutlich einen guten Job getan, denn die Prospekte haben die Kunden massenweise von den Angeboten überzeugt. Ob es sich dabei um eine ehrenamtliche Mitarbeit gehandelt hat oder ob Gerlach für seine Tätigkeit ein angemessenes Honorar erhalten hat, das wollte der Untersuchungsausschuss nicht wissen. Er hat sich auch herzlich wenig dafür interessiert, wofür der Herr Schoeps den „direkten Anlegerschützer“ Herrn Gerlach denn wirklich gebraucht hat. Rose erwähnt Gerlachs Beteiligung in diesem Zusammenhang schon überhaupt nicht, wenngleich er ihn immer wieder auffällig als Experten in Sachen Immobilienfonds und „Anlegerschutz“ ins Spiel bringt. Wir finden das merkwürdig. Zwar ist uns der zweifelhafte Ruf dieses Experten Gerlach egal, dem seit Jahren nachgesagt wird, er kassiere Schutzgelder von Fondsinitiatoren mit der Androhung, ihre Angebote „kaputtzuschreiben“. Zwar kümmert uns auch wenig, wenn seine Mitbewerber auf dem schmuddeligen Markt der „Insider-Informationen“ sich diebisch darüber freuen, ihm mit gerichtlicher Genehmigung „Korruption“ vorwerfen zu dürfen. Auch der immer wieder gegen Gerlach erhobenen Vorwurf, er ließe sich seine objektive Fondsbeurteilung in seinen Anleger schützenden Magazinen von den Initiatoren der Immobilienfonds bezahlen, lässt uns kalt, obgleich uns schon die Frage beschäftigt, ob vielleicht auch der Herr Schoeps und seine Mitarbeiter mit Gerlachs Idee eines vertriebsfördernden Anlegerschutzes sich angefreundet hatten.

Wir finden aber das Desinteresse eines Enthüllungsschriftstellers an Gerlachs Marktpositionierung erstaunlich; und wir halten es ganz und gar nicht für ehrenwert, sondern für eine Gemeinheit, Anlegerschützer und Anlageexperten nicht nur nicht zum „Kollektiv der Verantwortungslosen“ zu zählen, obgleich die doch, womöglich als Mitgestalter der Emissionsprospekte, mindestens ebenso schnell wie Wirtschaftsprüfer Walther über die Risiken der Fonds hätten stolpern müssen, sondern sie den Lesern auch noch ungerührt als Autoritäten für die Abteilung Markthygiene aufzudrängen. Rose verfälscht das Bild total, wenn er die Verantwortung für die Berliner Affäre den üblichen Verdächtigen zu Last legt – wo leicht ein räuberischer Zusammenhang sichtbar wird, der eine ganz andere Grundlage hat als ein paar rücksichtslose Manager. Die Sortierung der Marktteilnehmer in fähige und unfähige wie in gute und schlechte Menschen ist leicht nur für Ignoranten und eindeutig nur für Schwindler. Aber sie ist das Geschäft so vieler Berichterstatter, denn alle erfolgreichen Unternehmungen finden bei ihnen ihre wohlwollende und bewundernde Begleitung; stellt sich jedoch der Misserfolg ein, dann werden die Erfolglosen mit der gleichen Skrupellosigkeit verteufelt, mit der die Erfolgreichen zuvor umschmeichelt worden sind. Was wäre die marktwirtschaftliche Veranstaltung ohne solche Priester, die nicht nur den unbefleckten marktwirtschaftlichen Egoismus predigen und den erfolglosen als schmutzigen stigmatisieren, sondern mit eben dieser Anstrengung auch den Weg frei machen für die jetzt noch unbelasteten Karrieristen der nächsten Generation. Das sind die Hoffnungsträger, die gebraucht werden, wenn die marktwirtschaftliche Ordnung der Dinge nach einer Panne in die nächste Runde gehen soll. Solche Hoffnungsträger sind ebenso wie Rose weit davon entfernt, die Enttäuschung der Enttäuschten zu steigern, damit sie endlich denken und handeln wie zu Verstand gekommene Menschen. Im Gegenteil! Auf den Podien der Diskussionsrunden zum Thema Bankgesellschaft sitzen die künftigen Kollektivisten wohl längst schon bereit und warten auf ihre Chance – zur Erneuerung der „Berliner Oligarchie“. Und Rose ist mit ihnen.

Experten als Retter

Das gute Gewissen der Marktwirtschaft hat in ihm nicht eben nur einen aufgebrachten Anwalt, der mit seinen grimmigen Attacken gegen die vermeintlich Schuldigen die miserablen sozialen Verhältnisse verharmlost, sondern auch einen pfiffigen Personalberater, der den empörten Beobachtern zum Trost die Illusion verabreicht, eine so ungeheure Schweinerei wie diesmal werde bei einer sorgfältigen Auswahl des richtigen Personals künftig vermieden. Man muss also nicht mutlos alle Hoffnung fahren lassen, denn noch „gibt es Menschen, die nicht aufgeben“ (221), z.B. jene, die der Autor in einer Berliner Universität getroffen hat: Fachleute, Spezialisten, Experten. Das sind sozusagen ehrenamtliche Diener der Demokratie und der guten Sache in Berlin, die opferbereit und „sachlich, sogar mit einem Schuß Humor“ (222) – nicht zu glauben! - sich um „die Zukunft Berlins“ Sorgen machen.

An einem Freitagnachmittag, als die humorlosen „Bankmanager, Politiker und Staatsanwälte längst zu Hause, in der Kneipe oder bei einem Empfang“ waren, besuchte Rose diesen beinahe lustigen „Expertenkreis“ und bekam nicht einmal Kaffee, keinen Keks und auch kein Mineralwasser: „Demokratie ist von Natur aus eigentlich sparsam“ (222). Wir wollen an dieser Stelle nun keinen theoretischen oder empirischen Einwand anführen, sondern nehmen auch diesen Satz in seiner einzig möglichen Bedeutung, nämlich als einen Reflexionsauslöser: Experten, so sollen die Leser assoziieren, sind nicht nur richtige Demokraten, sondern grundsolide; man kann sich getrost auf sie verlassen: „Jeder und jede weiß, wovon sie reden“ (222).

Im Kreise der Experten wurde ihm „klar, warum sich normalerweise gesetzte, souveräne Banker und Wirtschaftsprüfer in irrationale Furien verwandeln, wenn es um Professoren geht“ (222).

Haben wir uns verlesen und verhört, haben wir uns bisher nur eingebildet, dass Politiker, Interessenverbände aller Art, Unternehmen und daher auch Banken „normalerweise“ wenigstens die Gutachten solcher Professoren nach Bedarf kaufen, wenn sie die benötigten Professoren nicht gleich ganz als Experten auf ihre Gehaltslisten setzen? Haben wir natürlich nicht! Es gibt überhaupt gar keine Sauerei, die uns heutzutage zugemutet wird, deren absolute Notwendigkeit nicht von irgendwelchen professoralen Geistern acht Stellen hinter dem Komma genau nachgewiesen worden ist. Warum auch sollten Professoren sich so ganz anders benehmen als andere Menschen und auf die Möglichkeiten verzichten, mit ihrer Stellung und der gehörigen Unterstützung von neunmalklugen Wirtschaftsjournalisten ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Sie wären ganz schön blöd.

Rose sieht das freilich anders. Er betrachtet die denkende Elite von den Universitäten aber auch nicht als die natürlichen Feinde der Marktwirtschaft, sondern ganz offen als deren Pfaffen. Diese staatlich geweihten Autoritäten, ausgestattet noch mit besonderen intellektuellen und moralischen Qualitäten, vertreten das ideale und daher saubere Reich der Marktwirtschaft gegen die schmutzige Wirklichkeit:

„In dieser Professorenwelt geht es um eindeutige (!) Gesetzeslagen und abgesicherte (!) Auslegungen, weit entfernt vom unternehmerischen Geschäft des Ermessens und Abwägens“ (222).

Schamloser lässt sich das Ideal nicht gegen seine Wirklichkeit verteidigen. Man stelle sich das einmal vor: Ein erklärter Liebhaber der Marktwirtschaft erwartet nicht etwa von dem Tatendrang hemdsärmliger Unternehmer die Heilung der verkorksten Situation, sondern schwärmt von und lenkt die Hoffnungen des Publikums auf Figuren, die das wirkliche Leben meist nur aus dritter Hand kennen. Professionelle Ideologen und nicht etwa Unberufene sollen aus einer gesicherten Entfernung und beseelt von einem leidenschaftlichen Wahrheitsdrang wieder gerade richten, was richtige Menschen, die Berliner Wähler, ihre Parlamentarier und Bankiers gemeinsam zugunsten der Immobilienfondszeichner angerichtet haben!

Dass das gemächliche Leben der Schriftgelehrten mit der aufreibenden Geschäftigkeit eines Bankiers kaum zu vergleichen ist, versteht sich von selbst. Daraus den Schluss zu ziehen, Professoren und Bankiers lebten in zwei säuberlich voneinander getrennten Welten, die einen in einer hellen und heilen und die anderen in einer finsteren und kaputten, das schafft nur ein selten bedenkenloser Ideologe. Es kann ja sein, dass die ungetrübten Einbildungen von der Marktwirtschaft, mit denen ein Mann wie Rose Streife läuft und jede Menge Sünder zur Anzeige bringt, in der „Professorenwelt“ der Universitäten zur Ideologie ausgebildet und gebildet formuliert werden, aber es ist eine lächerliche Vorstellung, die Einbildungen selbst kämen dort zur Welt – und nicht auf den Marktplätzen des wirklichen Lebens, also in der Geschäftswelt.

Für die möglichste Trennung dieser beiden Veranstaltungen werben aus nahe liegenden Gründen alle Beteiligten. Die Geschäftsleute brauchen Experten zur Beglaubigung ihrer Handlungen und die Experten die Geschäftsleute zur Bezahlung der ihrigen. Für Professoren wie für andere Ideologen ist die von Rose behauptete Trennung ein Geschäftsmittel wie das vom Diesseits getrennte Jenseits für den Theologen. Die professoralen Experten sollten vom Ort des Geschehens möglichst so weit entfernt sein, dass sie nicht einmal bei einem überflüssigen Versuch der Verwirklichung ihrer Ideale sich die Finger dreckig machen können. Weil sie sich nach Auffassung unseres Autors ernsthaft „mit eindeutigen Gesetzeslagen und abgesicherten Auslegungen“ beschäftigen, können sie natürlich überhaupt nicht sündigen, und weil sie ohne jede Gelegenheit sind, irgendetwas verkehrt zu machen, sind sie auch für nichts verantwortlich. Wo Eindeutigkeit herrscht, da kann man nicht mal etwas fehl deuten.

Wer dagegen kein Experte ist, sondern ein richtiges Geschäft betreibt, und das in einem Land, in dem die Gesetze extrem „wirtschaftsverbrecherfreundlich“ (217) ausfallen, der muss abwägen und wagen und daher Dinge tun, die einer reinen Marktwirtschaft zuweilen sehr abträglich sind, was Herrn Rose gegen Ende seines Werkes durchaus dumpf aufgefallen ist. Sollte sein unausgesprochener Vorschlag etwa dieser sein: Die Marktwirtschaft sollten wir vertrauensvoll in die Hände der Professoren legen, denn die haben die nötige Fachkompetenz und auch die erforderliche Moral, weil sie weit genug vom Geschäftsleben entfernt sind. Wenigstens wäre das doch eine bis zur bitteren Neige durchgehaltene Behauptung, denn wir haben ja gesehen, wie der komplette Zyklus von der Gründung der Bank bis zur unzureichenden Aufklärung ihrer Pleite das Werk unanständiger und unfähiger Charaktere gewesen ist, die sich überall herumgetrieben haben, nur nicht in einer richtigen Universität, wo alle partikularen Interessen schweigen und unangefochten die Gemeinwohlorientierung regiert.

Die Asse unter den Experten des Bankenwesens sind zweifellos die Dienstkräfte der Bankenaufsicht. Herr Rose, der diese Amtsleute keineswegs schont, sondern mit überdurchschnittlich guten Gründen mit auf die Anklagebank gesetzt hat, hätte an der unstrittigen Tatsache, dass auch sie die merkwürdigen Berliner Bankgeschäfte nicht verhindert haben, die Unsinnigkeit seiner Behauptung einsehen können. Wollte er uns jedoch erzählen, diese Leute seien „zu nahe an den Geschäften“ gewesen, wäre das immerhin keine schlechte Ansicht, aber auch eine handfeste Kritik seiner phantastischen Betrachtung des Expertenwesens.

Ginge es ihm um die Klärung des Ungeklärten oder um die Wiederbeschaffung des verlorenen Geldes für die Stadt, dann hätte er hier einen Faden aufnehmen können, der ihn zu Einsichten und die Stadt zum Gelde führen muss. Denn weil Amtsaufseher nach längstens acht Stunden ihre Griffel fallen lassen und an den nächsten Ausflug denken, ihren Urlaub planen, sich mit ihren Beziehungen beschäftigen, zum Yoga-Kurs eilen oder sonst nützliche Selbsterfahrungsprojekte betreiben, während die fleißigen Bankiers rund um die Uhr sich um die Vermehrung des eigenen und fremden Geldes kümmern, deshalb ist der Schadensfall mit einiger Sicherheit nicht eingetreten. Eine solche Inkongruenz der Dienstauffassungen mag es geben oder nicht, sie wird die Untätigkeit des Amtes nicht bewirkt haben, denn das Treiben der Bankiers fand nicht im Verborgenen statt, sondern war derart öffentlich, dass selbst besonders müde Experten es nicht hätten übersehen können. Es muss eine andere Erklärung dafür geben, warum die Experten von der Bankenaufsicht den Job nicht getan haben, den zu tun sie für verpflichtet hält, wer einen Blick in das Kreditwesengesetz geworfen hat. Und es wird auch eine Erklärung dafür geben, warum bisher keine Anstrengungen gemacht worden sind, das Amt für sein Versäumnis haftbar zu machen.

Um solche Erklärungen muss sich der nicht mehr kümmern, der zufrieden ist mit der Einbildung, die Sündenböcke für die Pleiten von Bank und Land genau zu kennen. Mit der Behauptung, die Schufte aus der Sippe der Zwerge hätten die Zukunft der Stadt vergeigt, wird nicht nur für die Erneuerung der Grundlagen des Bisherigen geworben, sondern auch ein besonders nützliches Argument für die Regierung gedrechselt: Weil die Immobilienfondsbesitzer die ganze Knete schon abgreifen, ist kein Geld mehr da für die geringen Bürger und die nützlichen Einrichtungen der Stadt. Dieses Argument ist deshalb äußerst hinterhältig, weil es in einem fürsorglichen Kostüm daherkommt. Dass damit die angeblich notwendigen oder wenigstens erwünschten Maßnahmen unter Finanzierungsvorbehalt gestellt werden, also das Denkschema des Finanzsenators sich geltend macht, das ist erst beim zweiten Hinsehen erkennbar. Anders ausgedrückt: Nur wer schlechte Immobilienfonds als gute Gründe gegen Kindertagesstätten akzeptiert, der begeistert sich für die Fahndung nach den Sündenböcken.

Mit diesem Argument kann man Bäder schließen, Krankenhäuser dicht machen und Fürsorgeeinrichtungen abwickeln. Dabei ließe sich die Sache leicht auch anders sehen! Berlin als Glücksfall: Seht her, in einer hoffnungslos überschuldeten Stadt, und wir reden nicht von Schilda, beschließen die Abgeordneten ein milliardenschweres Hilfsprogramm für begüterte Steuerzahler! Es gibt offenbar überhaupt keinen Grund zur Bescheidenheit. Was für Immobilienfondsbesitzer möglich ist, das sollte euch doch auch gelingen. Fordert eure Lebensbedingungen. Holt euch, was ihr braucht und überlegt euch, wie ihr es besorgen könnt. Das machen alle so und deshalb geht es gar nicht anders. Lasst euch also nicht beeindrucken von Sparzwang und Haushaltsnotstand. Das ist – wenn ihr es nicht dazu macht! - nicht euer Problem, sondern das des Finanzsenators. Und solange dieser Senator nicht durch Taten zeigt, dass er eure Angelegenheiten verfolgt, habt ihr überhaupt keinen Grund, seine Angelegenheiten zu verfolgen. Punkt.

Aber Rose hat sein Buch vermutlich nicht geschrieben, um die Leute für ihre Interessen aufzuwiegeln. Es ist daher kein Wunder, wenn uns auch zum Abschluss dieser Rezension zur Versöhnung nichts einfallen will. Der Geist dieser Schrift stimmt zweifelsohne mit ihren Buchstaben überein. Es ist dennoch eines dieser vielen Bücher, die leichter geschrieben als gelesen werden können, weil der Autor die klärende Auseinandersetzung mit den handgreiflichen Ungereimtheiten seinen Lesern überlässt, denen er lediglich die Übernahme seines konfusen und selbstgerechten Standpunktes anzubieten hat. Genau diese Haltung passt uns nicht. Wir haben keine Freude an jeder schlechten Meinung, die man von unseren Gegnern hat. Solche schlechten Meinungen dagegen, wenn sie denn gut begründet sind, sind uns ebenso willkommen wie andere Meinungen mit guten Gründen. Sollte es sich dabei nun um eine „verlogene“ (8) deutsche Verkehrsweise handeln und eben nicht um eine echt „angelsächsische Tradition“ des Journalismus, dann ist das uns auch ganz recht. Natürlich hatten wir gehofft, in diesem Buch Waffen zu finden, die bei Gelegenheit in der Auseinandersetzung mit den Charakteren der herrschenden Klassen, ihren Repräsentanten und Dienern eine möglichst vernichtende Wirkung entfalten könnten. Diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil ist uns jener Philosoph eingefallen, der einmal gesagt hat, nichts sei perfider als die Verteidigung einer richtigen Sache mit falschen Argumenten. Ist uns eingefallen. Bei genauerer Betrachtung hat sich dann allerdings sehr rasch die Überzeugung eingestellt, der Herr Rose verteidigt nicht unsere Sache, also kann er sie auch nicht mit falschen Argumenten verteidigen.

 

Horst Schulz

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