Diebstahl fremder Arbeitszeit

von Horst Schulz

Für euch gelesen:
Oskar Lafontaine & Christa Müller: “Keine Angst vor der Globalisierung”, Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, Bonn, 1998

“Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden und den Menschen doch das Kostbarste stehlen: Die Zeit” (Napoleon).

Dieser bedeutende Kenner der Materie, der so manchem Soldaten die Lebenszeit geklaut hat, wird nicht gewußt haben, welch eine tiefe Wahrheit er damit zur Sprache brachte.

Der Diebstahl fremder Arbeitszeit wird heutzutage nicht nur kaum je bestraft, vielmehr gelten die Diebe überall als ganz besonders ehrbare Leute. Die kompliziertesten Verhältnisse sind eingerichtet worden, um ihre Taten zu decken. Die Raffinesse, mit der sie ihr Handwerk erledigen, ist ohnegleichen in der bisherigen Menschheitsgeschichte. Ihr Diebstahl findet nicht heimlich statt, sondern vor den Augen aller Welt. Aber das ist längst nicht alles. Die komplette Weltöffentlichkeit empfindet nicht den Diebstahl als einen Skandal, sondern den mißlungenen Diebstahl. Nicht der Erfolg der Diebe, sondern ihr Mißerfolg ist Anlaß der weltweit ausgestrahlten entsetzlichen Klagelieder. Wenn irgendwo Lohnarbeiter nicht ausgenutzt werden oder eine nur mäßige Dividendenzahlung bei ihrer Ausnutzung herausgesprungen ist, dann überschlagen sich in den Medien und den Kneipen die Sachverständigen aller Interessengruppen mit ihren Verbesserungsvorschlägen - und niemand schreitet gegen sie ein wegen Volksverhetzung oder Anstiftung zum Diebstahl.
Es mögen vielleicht 20% der Bevölkerung sein, die den Reichtum produzieren, von dem alle leben. Diese arbeitsamen Trottel wissen es genau, daß ihnen 80% genommen werden. Aber sie glauben nicht, daß sie es wissen. Die Plünderung ist so unglaublich kühn, daß die Beobachter ihren Sinnen mißtrauen.
Neben dieser hervorbringenden Klasse müssen unzählige Menschen ihren Lebensunterhalt durch Beihilfe zum Diebstahl bestreiten. Sie formulieren Gesetze oder setzen sie durch; sie beraten, betreuen und trösten die Opfer, verwalten ihre Ersparnisse oder versichern ihre Habseligkeiten; sie bewachen Fabriken oder Menschen; dressieren Kinder und halten Jugendliche in Schach; schreiben Gutachten, Artikel oder Bücher zum Ruhme der bestehenden Verhältnisse und pusten im Namen der Aufklärung alle Lichter aus. Und dafür erhalten sie einen Teil der Beute.
Wir wollen hier nicht nach Erklärungen suchen für die Dummheit der Bestohlenen, sondern uns mit einem Beispiel beschäftigen, wie man es anstellen kann, ohne Reue vom Diebstahl fremder Arbeitszeit prächtig zu existieren.
Man kennt die Geschichte von Bonnie and Clyde. Die beiden haben unverzeihliche Fehler gemacht bei ihrem Versuch, sich die Früchte der Arbeit anders als durch Arbeit anzueignen. Sie legten sich an mit Recht und Gesetz und gingen so ein unnötiges Risiko ein. Daß diese Unvernunft ihre Leben kostete, war das beinahe zwangsläufige Resultat ihrer Anstrengungen.
Christa und Oskar dagegen gehen den umgekehrten Weg und zeigen, wie man das Begehrte ohne Risiko bekommt! Sie machen sich nützlich beim weitaus größten Beutezug der Weltgeschichte und sichern sich darüber ihre Teilhabe am Gewinn.
Sie bestehlen niemanden durch einen vorgehaltenen Revolver, sondern bekleiden öffentliche Ämter und haben ein Buch geschrieben, das sie nicht unsterblich machen wird, aber wohl habender. Sie stellen sich dem Publikum vor als die Erfolgslotsen der Ängstlichen, Zaghaften und Zukurzgekommenen in der “neuen” Welt der Globalisierung und beuten nach allen Regeln der öffentlichen Ordnung die elenden sozialen Verhältnisse vorbildlich aus, indem sie sich um ihre Aufrechterhaltung verdient machen. Anerkennung und Ehrungen sind ihnen ebenso gewiß wie eine ordentliche Provision.
Es handelt sich bei ihrem Erzeugnis um eine Art Drehbuch aus der sozialdemokratischen Alptraumfabrik, das den wunderbaren Untertitel trägt: Wohlstand und Arbeit für alle. Das ist durchaus als ein Versprechen zu verstehen, das Erfüllung finden soll - nach Lieferung der Gegenleistung: Wählt SPD! Laßt uns nur machen! Laßt uns euer Vormund sein! Wir führen euch durch´s Labyrinth der wohltätigen Marktwirtschaft.
Gleich im Vorwort teilen die zwei Sozis dem Publikum mit, daß sie das Buch geschrieben haben, um den Leuten die Wahlentscheidung zu erleichtern.
Es soll hier gar nicht erst der Versuch gemacht werden, alle ihre Anschläge auf den gesunden Menschenverstand und die guten Sitten zu kommentieren. Einige Beispiele müssen langen.
Die Autoren schwärmen für die Marktwirtschaft und für einen starken Staat, d.h. für eine soziale - oder besser: sozialdemokratische - Marktwirtschaft. Ihren Mitbewerbern um die politische Revenue im Lande kreiden sie hemmungslos an, die staatlichen Aufgaben vernachlässigt und einseitig auf den freien Wettbewerb gesetzt zu haben. Dabei sollen sie sogar alle menschenfreundlichen Lehren von Ludwig Erhard, Alfred Müller-Armack und Walter Eucken sträflich mißachtet haben. Bis ins “Detail” kupfert das Autorenpärchen die dürftigen Befunde dieser Wirtschaftswundertäter ab und sozialdemokratisiert sie. Nach ihrer festen Überzeugung “hat sich die soziale Marktwirtschaft bewährt und verdient es, weltweit installiert zu werden”.

Wir wissen nicht, was eine “soziale Marktwirtschaft” ist, obgleich die sämtlichen Demokratielehrer nicht müde werden, sie uns zu erklären. Was jedoch ein Markt ist, davon haben wir alle eine mehr oder minder deutliche Vorstellung. Es ist die Landschaft, in der getauscht wird, meist Geld gegen Ware oder Dienste. Hier sucht jeder seinen Vorteil und kann ihn nur erreichen, wenn er das Bedürfnis der anderen Vorteil suchenden Marktteilnehmer bedient. Wer diesen Boden betritt, der hat es geschafft und ist zufrieden, weil er bekommt, was er will, soweit er was hat. Es überrascht daher nicht, wenn sämtliche Hirten des Landes unaufhörlich auf diese grüne Weide hinweisen, wenn die schwarzen Schafe ihrer Herde behaupten, in einem Jammertal zu vegetieren.
Der Oberhirte Oskar und seine Christa teilen nicht nur diese aufdringliche Begeisterung für das Herumwirtschaften auf dem Marktplatz mit unzähligen anderen Menschen, sondern bemühen sich entschlossen um den Nachweis ihrer eigenen Notwendigkeit inmitten des satten Weideglücks. Einfach wird das nicht für sie, denn ihr Lob der Marktwirtschaft fällt so umfassend aus, daß kaum noch etwas zu verbessern bleibt:

“Die Marktwirtschaft ist kein Selbstzweck… Sie muß im Dienst der Bedürfnisse der Menschen stehen. Diesen Dienst, diese Aufgabe löst sie mit unvergleichlicher Effizienz”.

Die Marktwirtschaft, so erzählen sie uns, sei sich nicht selbst der Zweck, sondern offenbar ein Zweck für andere. Das werden die Leser vermutet haben. Daß eine Marktwirtschaft aber ein “Diener der Bedürfnisse” ist, wird jeder bezweifeln, der mit leerem Magen und ohne Kreditkarte über einen Marktplatz bummelt. Wenn er dagegen mit Zahlungsmitteln ähnlich gut ausgestattet ist wie Oskar und Christa und daher Grund hat zur Bewunderung der “unvergleichlichen Effizienz” dieser gelungenen Veranstaltung, dann wird ihm kaum ein Argument dafür einfallen, wozu man noch Sozialdemokraten braucht. Wie kommen die Sozis aller Parteien zu der verrückten Vorstellung, Marktwirtschaft benötige die zusätzlichen Dienste gutbezahlter Menschenfreunde? Was ist so unsozial an der “Marktwirtschaft”, daß sie eine soziale Ergänzung nötig hätte? Ist das, was da auf allen Märkten geschieht, etwa nicht die vollkommene Abhängigkeit aller von allen anderen bei vollständiger Freiwilligkeit, Gleichheit, Gerechtigkeit und daher eine wahnsinnig soziale Angelegenheit? Wie und warum sollten diese sozialen “Leistungen des Marktes” noch überboten werden? Die Autoren haben eine Entdeckung gemacht:

“Die Frage, wie wir zusammenleben wollen, kann nicht der Markt beantworten”.

Dieser Satz steht tatsächlich so und nicht anders in dem Buch. Wollen diese beiden Berufssozialdemokraten uns etwa mitteilen, daß der Markt viele Fragen beantworten kann, aber ausgerechnet diese eine nicht? Für uns Normalos war schon immer klar, daß Märkte keine Fragen beantworten. Wir werden ihnen daher auch niemals welche stellen wollen. Schon gar nicht müssen wir einen Markt oder sonstwen nach unserem Wollen befragen. Dann fragen wir uns doch lieber gleich selber.

Man muß ja nicht alles wörtlich nehmen. Womöglich wollen die beiden sagen, was sie nicht schreiben: Auf dem Markt kann man die wundersamsten Dinge veranstalten, aber “unser Zusammenleben” ist nach unseren Wünschen hier nicht zu erledigen. Diese Sicht der Dinge wäre auch nicht besser. Schließlich ist doch der Markt nichts anderes als das Zusammenleben aller Marktteilnehmer. Hier entscheiden sie wie nirgendwo sonst, welche Angebote sie anderen machen und welche sie von anderen annehmen. Was sie für andere tun wollen und was sie von ihnen verlangen, das hängt hier nicht ab von dem Treiben irgendwelcher Volksfreunde, sondern von ihnen selbst. Hier also beschließen die Leute unmittelbar darüber, was sie tun und was sie lassen.
Was Christa und Oskar uns einreden möchten, ist nicht zu übersehen: Sie werden ganz dringend gebraucht. Wenn wir schon keinen Bedarf haben, dann doch die Marktwirtschaft:

“Sie braucht eine staatliche Ordnung”.

Wir hatten schon befürchtet, daß die Marktwirtschaft ein bedürftiges Wesen ist, das staatlichen Beistand braucht. Und weil die Autoren begründet vermuten, daß wir das richtig verstehen, schieben sie wenige Sätze später das Dementi nach:

“Deshalb wäre es falsch, die Wirtschaft der Kontrolle der Politik zu unterwerfen”.

Schluck! Diese Marktwirtschaft braucht nichts nötiger als eine staatliche Ordnung, aber die Wirtschaft sollte um nichts in der Welt staatlich kontrolliert werden? Ein widerspruchsfreier Sinn war der sozialdemokratischen Buchmacherkunst sicherlich niemals abzugewinnen. Was dem Leser hier jedoch angeboten wird, ist schon ein deutlicher Fortschritt vom bedenklichen Krankheitsbild der Schizophrenie hin zur ausgebildeten Kleptomanie. Mit mäßig entstellten Wahrheiten ist es heutzutage schon nicht mehr zu machen. Das läßt hoffen. Denn je unverschämter gelogen werden muß, desto deutlicher lugt die diebische Absicht hervor. Kaum ein Leser wird ernsthaft noch daran zweifeln, daß es den Autoren um Sozialpolitik zu tun ist - um Sozialpolitik in eigener Sache. Das folgende Argument wird die letzten Bedenken ausräumen:

“Die Marktwirtschaft ersetzt aber nicht die Demokratie.”

Nachdem sie uns mit ernster Miene ihre Beobachtungen mitgeteilt haben, daß der Markt nicht alle Fragen beantworten kann und die Marktwirtschaft kein Selbstzweck ist, jedoch nach einer staatlichen Ordnung ohne staatliche Kontrolle verlangt, behaupten sie jetzt, die Marktwirtschaft sei kein Ersatz für Demokratie.
Wozu ist eine Demokratie nötig, wenn wir schon eine Marktwirtschaft haben? Warum sollten wir nicht nur Gänsekeulen, Bettwäsche, Nierentische und Automobile haben wollen zur Vervollständigung unseres Menschenglücks, sondern auch noch Oskar, Christa und Kumpanen? Als hätten wir die nötig! Weil kein Marktteilnehmer sein sauer verdientes Geld für solche Figuren ausgeben will, wurde ja die Einrichtung des Finanzamtes geschaffen, die uns zwangsweise einen beträchtlichen Teil unserer Marktstimmzettel entzieht - zur fürstlichen Entlohnung der nicht marktfähigen “Dienste” dieser Brut. Ist nicht der Marktplatz der Platz der demokratischen Verkehrsformen schlechthin? Wie könnte “die Demokratie” einen Vergleich aushalten hinsichtlich der Entscheidungsfreiheit über die Lebenssituation der Leute, ihrer Selbstbestimmung, Meinungs- oder Handlungsfreiheit? Eine kontinuierliche Zusammenkunft von Leuten, die mit ihren Zetteln genau sagen, was sie tun wollen und für richtig halten, ohne daß ein Vormund dagegen Einwände geltend machen könnte, sollte den faulen Zauber einer periodischen Wahl von politischen Würdenträgern nicht entbehren können? Das können Oskar und Christa nicht wirklich glauben. Sie wissen genau, daß “Demokratie” nur ein übler Trick ist zur Bevormundung und daher Niederhaltung von Lebensansprüchen unter dem Vorwand der Menschheitsbeglückung.

Sie müssen wissen, daß mit der “Marktwirtschaft” irgendetwas nicht stimmen kann. Ihnen kann nicht entgangen sein, daß manch ein Marktteilnehmer nur einer ist, weil er zuvor milde Gaben erhalten hat, die meisten Figuren sich ihre bescheidene Marktteilnahme erkaufen müssen mit ihrer kompletten Lebenskraft, während manch andere sich in vollen Zügen die bunten Angebote an Land ziehen können, obgleich sie nichts weiter zu bieten haben als eine Menge Geldscheine, die bei ihnen als ein arbeitsloses Einkommen angekommen sind.
Sollten sie nicht registriert haben, daß die meisten Leute sich während ihrer meisten Zeit nicht in den Warenhäusern tummeln, um sich zu holen, was zu holen ist. Sie haben! Denn das ist die unübersehbare Grundlage ihres Geschäfts, die sie aussprechen, wenn sie für eine soziale Marktwirtschaft ihren Lärm machen. Gemeint ist weiter nichts als eine barmherzige Marktwirtschaft, also eine gesellschaftliche Organisation der Dinge, die Barmherzigkeit nötig macht. Davon leben sie - und davon wollen sie leben, zuständig als öffentliche Wohltäter gegen ein stattliches Honorar. Professionelle Samariter können nur existieren in einer Gesellschaftsordnung, in der es haufenweise Menschen gibt, die vom Wohlwollen anderer abhängig gemacht worden sind.
Hinter der schwachsinnigen Auskunft, der Markt könne die Demokratie nicht ersetzen, verbirgt sich also mehr als die bloße Ahnung davon, daß es mit den vortrefflichen sozialen Marktverhältnissen bei weitem nicht getan ist. Sie wissen genau, daß im Gegenteil fast alles schon gelaufen ist, ehe die meisten Leute den freundlichen Ort als Kauflustige überhaupt erreichen. Was haben die meisten der Ankömmlinge nicht schon alles durchgemacht! Etliche haben zittern müssen, ob sie von den barmherzigen Sozialstaatsmännern überhaupt Platzkarten bewilligt bekommen. Viele andere haben sich den Großteil ihrer Arbeitszeit abknöpfen lassen müssen und stellen auf dem Marktplatz fest, daß sie zu wenig Gaben haben, um viel erwarten zu können. Sollte es ihnen dann dämmern, daß es für sie kein übermäßig vorteilhaftes Verfahren sein kann, erst Arbeitskraft gegen Geld zu verkaufen, um anschließend mit dem Geld zu versuchen, die Produkte dieser Arbeitskraft zu erwerben, dann teilen Oskar und Christa ihnen mit, warum es sich dabei um eine marktwirtschaftlich unzulässige Überlegung handelt. Zu hohe Löhne schwächen nämlich die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, und was “Arbeitnehmer” daher gerechterweise erwarten dürfen ist, daß sie “über produktivitätsorientierte Lohnzuwächse am steigenden Wohlstand beteiligt werden sollten”.

Wer den “Wohlstand” herbeimalocht, der sollte auch was davon abhaben. Das ist die sozialdemokratische Weise, von Ausbeutung zu reden. Wenn die “Arbeitnehmer” etwas abbekommen von dem, was sie hervorbringen, dann bekommen den Überschuß über ihren Anteil andere ab. Wir wissen alle, daß es um diesen Überschuß geht und sonst um nichts. Und wir haben gelesen, daß Christa und Oskar das auch wissen. Wenn sie also von der Marktwirtschaft schwärmen, dann meinen sie eine Ausbeutungsordnung, die andere schon mal Kapitalismus nennen. Und das ist ohne Frage die bisher “effizienteste” Form des Diebstahls fremder Arbeitszeit. Wenn das Bonnie and Clyde gewußt hätten…

Man sollte sich nun jedoch nicht der falschen Vorstellung hingeben, die beiden würden ihr Geld nur mit diesem Etikettenschwindel verdienen. Sie machen auch unzählige Vorschläge, den besagten Überschuß zu erhöhen. Sie fühlen sich berufen, alle möglichen Lebensbedingungen unter dem Gesichtspunkt zu begutachten, ob sie zur Steigerung dieses Überschusses tauglich sind. Es soll nicht nur die Arbeitskraft der “Arbeitnehmer” diesbezüglich verwertet werden, sondern alles, was die Verwertung dieser Arbeitskraft optimieren könnte. Dabei schrecken sie nicht einmal davor zurück, offen zur möglichst restlosen Ausnutzung der Kinderlebenszeit aufzurufen:

“Zunächst gilt es, eine stärkere (!) Kontrolle über das Zeitbudget (!) der Kinder und Jugendlichen auszuüben. Ganztagskindergärten und -schulen sind dafür die geeigneten Einrichtungen…”.

Etwas anderes durften wir nicht erwarten. Wer erwachsenen Menschen die Lebenszeit entwenden will, der darf unmöglich zulassen, daß sie sich in jungen Jahren daran gewöhnen, mit ihrer Zeit selbstbewußt umzugehen. Wie soll ein Mensch die Monotonie im modernen Arbeitsprozeß erfolgreich aushalten können, wenn er nicht die Langeweile in den Kinderanstalten ertragen mußte. Wie soll jemand ein ordentlicher Überschußproduktionsmensch werden können, wenn er menschliche Regungen als Selbstzweck hat kennenlernen können. Wenn also die kindliche Lebenszeit möglichst konfisziert wird, dann liegt das in der Natur der Sache und hat nichts damit zu tun, Sport, Spiel und Spaß mit theoretischer Unterweisung, Übung und sinnvoller Arbeit zu verbinden.

Selbst die frühzeitige Unterdrückung aller menschlichen Anlagen vom Kindesalter an ist den beiden unzureichend. Sie tragen uns daher unbefangen ihre Vision einer sozialdemokratischen Schreckensherrschaft vor:

“Die Schule der Zukunft hat einen breiteren Auftrag als heute: Sie muß moralische, zivilisatorische und kulturelle Werte vermitteln. Sie hat den Schülern das Wissen und die Fähigkeiten beizubringen, die die Arbeitswelt erfordert. Und sie muß ein Sozialverhalten einüben, das die Schüler in die Lage versetzt, als Kinder, Jugendliche und Erwachsene in einer vernünftigen Art miteinander umzugehen. Gemeinsinn und Miteinander müssen eine Aufwertung erfahren”.

Wenn alle Arbeitstiere freundlich miteinander umgehen und ohne Meckern tun, was “die Arbeitswelt erfordert”, dann ist der sozialdemokratische Zukunftsstaat erreicht. Die Herde wird willig arbeiten und sich betreuen lassen, weil ihr genau das beigebracht wurde, was dazu notwendig ist. Sonst nichts. Alles andere käme einer “Vergeudung menschlicher Fähigkeiten” gleich und wäre glatt ein Attentat auf die “Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft”. Nie und nimmer sollen die für die Arbeit vorgesehenen Leute ihre Lebenszeit zum Genuß ihrer Kräfte mißbrauchen. Ihre Kräfte werden ja gebraucht zur Schaffung des Überschusses für Oscar, Christa und ihre Freunde. Dafür werden die Sozis an der Macht schon sorgen:

“Zunächst müssen alle Anstrengungen unternommen werden, den zukünftigen Bedarf an qualifizierten und hochqualifizierten Arbeitskräften zu decken. Eine Hochqualifizierungslücke oder ein ´mismatch´, das heißt Unterschiede in Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften, sollte verhindert werden. Denn Wachstumsverluste und Wohlstandseinbußen sind die Folge, wenn vorhandene Kapazitäten nicht genutzt oder ausgeweitet werden können, weil die notwendigen hochqualifizierten Arbeitskräfte fehlen”.

Die Wirtschaft braucht “fähige und willige” (”leistungswillige”) Arbeitskräfte, damit das Werk der Ausbeutung auch ordentlich gelingen kann. Sozialdemokraten wissen, was sie dafür zu tun haben: Sie sorgen mit ihrer Bedarfsdeckungswirtschaft für Befähigung und Willigkeit. Das Zurichten von Menschen für die kapitalistische Verwendung ist für Christa und Oskar etwa dasselbe wie das Schleifen eines Messers für einen Messerschmied. Wie dieser nicht zufrieden sein wird, wenn der Schlachter mit seinem Erzeugnis nicht sachgemäß umzugehen versteht, so beklagen sich auch die beiden Menschenfreunde zuweilen über die mangelhafte Nutzung der Resultate ihrer Anstrengungen. Ihr Eifer in Sachen Überschuß geht dann weit über das hinaus, was die professionellen Überschußauspresser zuwege bringen:

“Die Qualifikation und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter ist eine Sache, sie zu nutzen und effizient einzusetzen eine ganz andere. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, daß die Arbeitnehmer in vielen deutschen Unternehmen gar nicht die Möglichkeit haben zu zeigen, was sie können”.

Der sozialdemokratische Traum von der Zukunftsgesellschaft, darüber kann es keine zwei Meinungen geben, ist nichts weniger als ein Verein freier Menschen. Er ähnelt mehr einem wundervoll harmonischen Insektenstaat, in dem alle Beteiligten ihre quasi natürliche Stellung gefunden haben. Sie werden dann Lohnarbeiter sein, Anwender von Lohnarbeit, Soldaten, Priester und Könige.

Um diesen ihren Traum zu verwirklichen, nutzen die Sozialdemokraten die demokratischen Wahlveranstaltungen. Es ist unglaublich, aber auf Geheiß solcher Priester bewegt die ausgenommene Klasse sich tatsächlich von Zeit zu Zeit beinahe geschlossen ins demokratische Knusperhäuschen, um ihre Zettel in die Kästen zu stecken.

Nehmen wir einmal an, ein halbes Dutzend Schweine machten einer großen Anzahl von Rindviechern den Vorschlag, gemeinsam ein Schwein zur Schönheitskönigin zu wählen. Da bekanntlich dem Rindvieh die Kuh und dem Schwein die Sau das schönste Weibsbild ist, lehnen die Rindviecher solche Anträge regelmäßig ab. Sie wissen genau, daß man ihnen damit eine widernatürliche Abstraktionskraft zumutet, und lassen sich daher auch nicht von den zahllosen Demokratielehrern, die im Auftrag der Schweine unterwegs sind, einlullen, sondern bleiben stur bei ihrer Weigerung.

Was nach meiner Kenntnis im Reich der Rindviecher bislang nicht vorgekommen ist, das ist unter den Menschen ganz normal. Wir finden in den modernen kapitalistischen Gesellschaften Menschen, die sich ähnlich zueinander verhalten wie die Rindviecher sich zu den Schweinen, denn es gibt ja Leute, die arbeiten und andere, die vom Diebstahl fremder Arbeitszeit leben. Kein Rindvieh käme je auf die Idee, mit Viechern, die ihnen Arbeitszeit stehlen, eine gemeinsame Wahlveranstaltung hinzulegen. Lohnarbeiter aber bringen es fertig, in der regelmäßigen Wahl darüber zu entscheiden, wer über die ganze Organisation ihrer Ausplünderung die Aufsicht führen darf. Sie schaffen es offenbar, anders zu denken als die Rindviecher und bei der Abstimmung der Interessen von ihren eigenen Interessen abzusehen.

Jedenfalls sieht es ganz so aus, als wollten sie sich nicht auch noch um ihre Wahlfreuden bringen lassen. Damit müssen wir einstweilen leider leben. Sollte es uns aber nicht wenigstens möglich sein, diesem wahlverrückten Volk einen ehrenvollen Kompromiß anzubieten?

“Die Äthiopier”, schreibt Marat irgendwo, “wählten aus ihren Reihen immer den Schönsten zum König” (Herodot, Thale)”.

Sind wir dümmer als die alten Äthiopier? Die Alten waren nicht nur so klug, daß sie keinen klugen König brauchten. Ihnen war schon klar, daß zur erfolgreichen Besetzung der obersten Regierungsfunktion auch sonst irgendwie keine besonderen Eigenschaften erforderlich sind. Wozu gibt es denn den ungeheuren Regierungsapparat, der in den vergangenen Jahrhunderten beinahe bis zur Vollkommenheit entwickelt werden konnte. Diese gigantische Maschinenkonstruktion mit ihren willenlosen Bauelementen, ihren menschlichen schiefen Ebenen, Zahn- und Schaufelrädern, Kolben, Generatoren, Sonden, Robotern, Isolatoren, Halbleitern, lichtempfindlichen Schichten, mit ihren Pumpen, Schaltern, Stiften, Steuerungs- und Regelungssystemen ist so perfekt organisiert, daß niemand fürchten muß, sie könne ihren Dienst versagen. Kein König könnte sie anhalten oder gar mißbrauchen.

Der wirkliche Souverän der Gesellschaft wird sich mit einer solchen Apparatur im Rücken einen beliebigen Schatten leisten können. Warum kein Schönheitsideal? Mister Germany als Kanzler? Mit einer Wahl zwei Repräsentanten! Das wäre mehr als eine Sparmaßnahme angesichts der drückenden Staatsschulden, die doch allen Beteiligten schmackhaft zu machen sein sollte. Und dann erst Miß Germany! Wir hätten ohne Frage nach dem neuen Verfahren schon von dem ersten Urnengang an endlich eine Kanzlerin - ganz ohne Quotenregelung! Eine bildhübsche Charaktermaske statt eine verschlagene Politikervisage! Das wäre doch was! Die Einschaltquoten der Nachrichtensender gingen zweifellos in die Höhe. Bei den Auslandsreisen unserer Kanzlerin käme nie die Befürchtung auf, sie könnte eine schlechte Figur machen. Wir alle fühlten uns prima repräsentiert. Darauf sind nicht einmal die Äthiopier gekommen!

Und sollten, entgegen jeder vernünftigen Annahme, viele der Leute heutzutage ernsthaft hoffen und sich einbilden, die unmerklichen Unterscheidungen der paar genehmigten Meinungen, die bei einer politischen Wahl zum Vergleich stehen, könnten ihre Lebensverhältnisse verändern, dann empfehlen wir ihnen einfach das Buch von Oskar und Christa zur Lektüre! Sie werden rasch merken, daß ihre Interessen beim sozialdemokratischen Verein nie und nimmer besser aufgehoben sind als bei… Äh? Wie heißt Miß Germany?

Autor: David Tiger
zuerst erschienen in: Kalaschnikow - Das Politmagazin
Ausgabe 11, Heft 2/98

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