Die Parabel

„Angenommen, Frankreich behalte alle genialen Menschen, die es in den Wissenschaften, in der Kunst und im Handwerk besitzt, habe aber das Unglück, am selben Tage Monsieur, den Bruder des Königs, Seine Durchlaucht den Herzog von Angoulême, Seine Durchlaucht den Herzog von Berry, Seine Durchlaucht den Herzog von Orléans, Seine Durchlaucht den Herzog von Bourbon, die Frau Herzogin von Angoulême, die Frau Herzogin von Berry, die Frau Herzogin von Orléans, die Frau Herzogin von Bourbon und das Fräulein von Condé zu verlieren.

Nehmen wir an, es verliere gleichzeitig alle Großwürdenträger der Krone, alle Staatsminister mit oder ohne Geschäftsbereich, alle Staatsräte, alle Berichterstatter über die Bittschriften, all seine Marschälle, all seine Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Großvikare und Domherren, alle Präfekten und Unterpräfekten, alle Angestellten in den Ministerien, alle Richter uns dazu noch die zehntausend reichsten Besitzenden (unter denen, die vornehm leben).

Dies Unglück würde den Franzosen gewißlich nahegehen, weil sie gut sind, weil sie nicht gleichgültig dem Verschwinden so vieler ihrer Landsleute zusehen könnten. Aber dieser Verlust von dreißigtausend Menschen, die als die wichtigsten des Staates gelten, würde ihnen nur rein gefühlsmäßig Kummer bereiten, denn es erwüchse daraus kein Nachteil für den französischen Staat…

Der Wohlstand Frankreichs kann nur die Wirkung und das Ergebnis des Fortschritts der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks sein: nun arbeiten aber die Fürsten, die Großwürdenträger, die Bischöfe, die Marschälle von Frankreich, die Präfekten und die müßigen Reichen nicht direkt für den Fortschritt der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks; weit davon entfernt, ihn zu fördern, können sie hier nur schaden, weil sie sich bemühen, das Übergewicht weiterbestehen zu lassen, das bis heute auf die Vermutungen fußenden Theorien über das positive Wissen haben! Sie schaden notwendigerweise dem Wohlstand der Nation, indem sie die Wissenschaftler und die Handwerker auch der höchsten Wertschätzung berauben, die ihnen rechtmäßig zukommt. Sie schaden, indem sie ihre finanziellen Mittel auf eine Weise verwenden, die den Wissenschaften, den Künsten und Handwerken nicht direkt von Nutzen ist. Sie schaden, weil sie von den durch die Nation aufgebrachten Steuern jährlich einen Betrag von drei bis vierhundert Millionen in Form von Gehältern, Pensionen, Gratifikationen, Entschädigungen usw. für die Bezahlung ihrer für die Nation unnützen Arbeiten erheben…..

Diese Behauptungen lassen erkennen, daß die gegenwärtige Gesellschaft wirklich eine verkehrte Welt ist: weil die Nation zum Grundprinzip hat, daß die Armen den Reichen gegenüber großzügig sein müßten und daß folglich die weniger Begüterten sich täglich einen Teil des Lebensnotwendigen versagen, um den Überfluß der großen Besitzenden zu vermehren; weil die Hauptschuldigen, die allgemeinen Diebe, die alle Bürger aussaugen und ihnen drei- oder vierhundert Millionen im Jahr wegnehmen, damit beauftragt sind, die kleinen Vergehen gegen die Gesellschaft zu bestrafen; weil Unwissenheit, Aberglaube, Faulheit und der Hang zu kostspieligen Vergnügungen die Mitgift der höchsten Führer der Gesellschaft darstellen und weil die fähigen, sparsamen und arbeitsamen Menschen nur in subalternen Stellungen und als Werkzeuge Verwendung finden; weil, mit einem Wort, auf allen Tätigkeitsgebieten unfähige Menschen die Aufgabe haben, die fähigen Leute zu leiten; weil auf dem Gebiet der Moral die unmoralischsten Menschen berufen sind, die Bürger zur Tugend zu erziehen, und weil auf dem Gebiete der Rechtsprechung die Schuldigsten eingesetzt werden, um die Fehler der kleinen Rechtsbrecher zu ahnden.

Obwohl diese Auswahl sehr kurz ist, glauben wir hinreichend bewiesen zu haben, daß der politische Körper krank ist; daß seine Krankheit schwer und gefährlich ist; daß sie die unangenehmste ist, die er durchmachen konnte, weil er im Ganzen und in allen seinen Teilen gleichzeitig davon befallen ist“.

Der Graf Claude Henri de Saint-Simon wurde für diese nette Analyse aus dem Jahre 1819 gerichtlich verfolgt

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