Knechtschaft als Freiheit

Am 05.03.2015 um 19:30 Uhr predigt Frau Sahra Wagenknecht in Marl:
„Freiheit statt Kapitalismus - Über vergessene Ideale, die Eurokrise und unsere Zukunft“.
Nichts wie hin: http://www.sahra-wagenknecht.de/de/topic/35?id=886

Randbemerkungen über die seltsame Verkehrung des Sozialismus in eine kapitalistische Heilslehre - bei einer linken Linken. 

von Horst Schulz

„Freiheit statt Kapitalismus[1]“ ist der Titel und die dunkle Botschaft auch ihres Buches, mit dem Frau Wagenknecht ihren Lesern nun bereits seit Jahren schon einen „kreativen Sozialismus“ nahe bringen möchte. Ein Schwindel der besonderen Art liegt nahe oder ist jedenfalls nicht gut ausgeschlossen, wenn diese tonangebende Befreiungsexpertin der Linkspartei verbissen um Zustimmung wirbt. Was denn sonst ist der Kapitalismus als die Freiheit der „Unternehmer“, die Ausbeutung der freien Lohnarbeiter zu unternehmen? Totale Freiheit überall! Man sollte nicht glauben, die Frau Wagenknecht möchte irgendeinen Beitrag leisten zur Emanzipation einer in Ketten liegenden proletarischen Klasse, wenn sie „Freiheit statt Kapitalismus“ fordert. Eine solche Klasse wird nicht erwähnt in ihrem Beitrag! Welche Freiheit also ist gemeint in dem Buch, dessen sensationeller Erfolg einen erneuten Blick hinein nicht ganz überflüssig macht? Nicht nur bewirbt sie ihr Buch noch immer leibhaftig auf Vortragsreisen, mit den dort formulierten Gewissheiten hat sie längst auch die besten Sendeplätze der bürgerlichen Medien eingenommen. Das will erklärt sein: Sozialismus im Handelsblatt, in der F.A.Z, in der ARD, im ZDF usw.

Dass in ihrem Sozialismus alles wesentlich beim Alten bleiben soll, das zeigt mit Nachdruck ihr glühendes Bekenntnis zur ordoliberalen Schule, denn für diese Schule sind Gesellschaftsklassen und daher die Klassengesellschaft dem Menschengeschlecht sozusagen genetisch eingeschriebene Lebensbedingungen. Walter Eucken, eine der zentralen Berufungsinstanzen unserer Autorin, hat das vor einem guten halben Jahrhundert unzweideutig formuliert:

„Eine jede Gesellschaftsordnung hat die Gestalt einer Pyramide. Stets ist eine Führungsschicht vorhanden. Eine `klassenlose Gesellschaft´ hat es niemals gegeben und kann es nicht geben“ (Walter Eucken: Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Hamburg 1959, S. 129).

Wie voluntaristisch der gesellschaftliche Organismus von den bürgerlichen Schriftstellern sonst auch immer behandelt wird, die unerschütterliche Grundlage ihrer phantastischen Vorstellungswelt ist in dieser Annahme ausgesprochen - und wird auch von Frau Wagenknecht als ganz selbstverständliche Voraussetzung ihres „kreativen Sozialismus“ betrachtet. Bei Walter Eucken wissen aber alle, woran sie sind. Aber Frau Wagenknecht? Sie vermarktet Freiheit als Alternative zum Kapitalismus – und sollte sich keine Gedanken machen über den Inhalt bürgerlicher Freiheitsrechte? Wir werden sehen. Wenn Klassen bei ihr ausdrücklich kein Thema des Sozialismus sind, dann haben wir einen guten Grund zu der Annahme, dass eine Thematisierung für sie zweckwidrig wäre. Der ordoliberalen Schule dagegen widmet sie nicht nur das erste Kapitel ihres bedenklichen Thesenpapiers, sondern kupfert auch sonst von diesen Helden der Sozialen Marktwirtschaft gerne und ungeniert ab[2]. Dort sieht sie auch ausdrücklich das Original ihres „kreativen Sozialismus“, denn bereits die Ordoliberalen „haben für ein Wirtschaftsmodell plädiert, das von kleinen und mittleren Unternehmen dominiert wird“ (29)[3]. Und dieses Modell bewirbt sie ernsthaft als ein sozialistisches. Die ordoliberalen Lehrer gelten ihr als die frühzeitigen Warner „jener fatalen Fehlentwicklung, deren Konsequenzen wir heute erleben“ (29), und die Korrektur dieser vermeintlichen Fehlentwicklungen ist ihr offenes Anliegen und kreativsozialistisches Angebot. Fehlentwicklungen statt Entwicklungen! Offenbar war da mal ein hoffnungsvoller Anfang. Vielleicht nicht unbedingt damals der in Manchester, aber bestimmt in Rheinland – Westfalen. Ein goldenes Zeitalter bahnte sich an… Und nun müssen wir wieder zurück. Die Macht der Gedankenlosigkeit zeigt ihr das Paradies der guten alten Zeit. Sie ist nicht progressiv, nicht konservativ - sie ist reaktionär: „Erhard reloaded: Wohlstand für alle, nicht irgendwann, sondern jetzt!“ (347). „Wohlstand für alle“ wirft unvermeidlich eine Frage auf, die Wagenknecht nicht einmal andeutet: Wer sind „alle“?

Lohnarbeiter hier wie ihre Anwender und Nutznießer dort stellt sie sich nicht vor als antagonistische Sozialcharaktere, die keine gemeinsame Zukunft haben, weil sie mit guten Gründen schon in ihren besten Zeiten einander kaum etwas gönnen können; vielmehr bringt es ihre Einbildungskraft gerade mal zu dem Weltbild einer Schäferin, der das höchste Glück der Schafe die grüne Weide ist. Ein auskömmlicher Arbeitsplatz für jeden Lohnarbeiter! Bewahre der kapitalistische Himmel uns vor den Erfolgen solcher Weltverbesserer!

In dem Kapitel, das sie ernstlich mit „Grundrisse einer neuen (!) Eigentumsordnung“ überschreibt, erzählt sie uns mit hemmungsloser Beschränktheit von ihrer sozialistischen Zukunftsordnung, die es den „Menschen mit Ideen“ ermöglichen wird,

„ihr eigenes Unternehmen zu gründen, um für die Realisierung ihrer Geschäftsidee zu kämpfen und dabei im Erfolgsfall auch sehr reich zu werden“ (S. 334).

Wer an diesem Einfall keine neue und schon gar nicht eine spezifisch sozialistische Verkehrsform erkennen kann, dem wird eine akademische Belehrung zuteil:

„Der Gründungsunternehmer im Schumpeter´schen Sinn ist eine Quelle (!) von Innovation, technologischem Fortschritt und ökonomischer Anpassungsfähigkeit. Ein kreativer Sozialismus muss solche echten (!) Unternehmer fördern (!) und unterstützen (!), statt ihnen – wie der heutige (!) Kapitalismus – Steine in den Weg zu legen. Das setzt vor allem großzügige Finanzierungsmöglichkeiten voraus“ (S. 344).

Stellen wir ihre bedenkliche Behauptung zum „Gründungsunternehmer im Sinne Schumpeters“ einen Augenblick zurück. Dass sie den wirklichen Kapitalisten als einen „echten Unternehmer“ vorstellt, ist natürlich kein Fehler, sondern ein Kniff, mit dem sie das Wesentliche der Angelegenheit der Betrachtung entziehen möchte: das Kapitalverhältnis. Denn unmöglich kann sie ihrer linken Leserschaft die Wahrheit ihrer Weltanschauung umstandslos zumuten und den Satz so aufschreiben: „Ein kreativer Sozialismus muss solche echten Kapitalisten fördern und unterstützen“. Seit Generationen kämpfen Sozialisten bekanntlich für gesellschaftliche Verhältnisse, die ganz ohne alle Kapitalisten auskommen. Frau Wagenknecht dagegen bemüht sich, dieser bedrohten Art unter der Bezeichnung „Unternehmer“ ein dauerhaftes Bleiberecht auch für das sozialistische Zeitalter einzuräumen, wobei sie freilich offenbaren muss, was sie eigentlich verschweigen wollte. Denn sie fordert zum Erhalt dieser vermeintlichen „Quelle der Innovation“ ernsthaft „großzügige Finanzierungsmöglichkeiten“. Nicht ganz ohne Häme für diese Scheinheiligkeit: Was nutzen den „echten Unternehmern“ die großzügigsten aller Finanzierungsmöglichkeiten, wenn sie mit den bewilligten Geldern keine Arbeitskräfte kaufen können? Und was aber soll das für ein Sozialismus sein, der die Selbstverschacherung der Arbeiter als eine unverzichtbare Verhaltensweise hinnimmt, die man nach Kräften fördern muss?

Tatsächlich ist der „Unternehmer“ eine respektable Figur von weltgeschichtlicher Bedeutung gerade als Kommandeur der Lohnarbeiter, der im Interesse der Kapitalverwertung den Arbeitsprozess als einen gesellschaftlichen organisiert. Von dieser Gewalttat und den systematisch niederen Beweggründen spricht Wagenknecht aber lieber nicht, weil sie den „Unternehmer“ als Lichtgestalt für ihren „kreativen Sozialismus“ nötig hat, der ohne Führer nicht auskommen kann. Eine nüchterne Analyse fällt daher aus, und so verklärt sie den „Unternehmer“ des berühmten Schumpeter und kehrt ihn in enger Anlehnung an professionelle Mittelstandsideologen[4] obendrein auch noch ins direkte Gegenteil.

Während nach Schumpeter der Unternehmer ausdrücklich jene Figur auf der ökonomischen Landkarte ist, die „außerhalb der Fahrrinne navigieren“ muss, weil sie „Neuerungen“ oder „neue Kombinationen“ gegen die Kräfte der Beharrung durchzusetzen hat - sie also Neues in Geld verwandeln muss - und keineswegs verwechselt werden darf mit Entdeckern und Erfindern oder den Besitzern von guten Einfällen, unterschiebt sie ihm bedenkenlos eine Unternehmerfigur, die mehr an Daniel Düsentrieb erinnert und weniger an Dagobert Duck. Dabei hatte Schumpeter, wenn er uns auch mehr Ungereimtheiten hinterlassen hat als Erklärungen, nicht den geringsten Zweifel daran gelassen, dass der Unternehmer und der Erfinder für ihn zwei sehr unterschiedliche Figuren selbst dort waren, wo sie in Personalunion vorkommen[5].

Nicht schlecht amüsiert hätte sich Schumpeter bestimmt auch über die Idee, man solle den bedauernswerten Unternehmern von Amts wegen Hilfestellungen geben. Denn diese Unternehmer verkörperten für ihn ja gerade die Energie, den Mut, die Gerissenheit, die Rücksichtslosigkeit und die Weitsicht oder Engstirnigkeit, um Neuerungen gegen den Widerstand der Konventionellen, der Zweifler, der Zaghaften und Blasenzähler durchzudrücken. Der Unternehmer war für ihn der Gegencharakter zum Traditionsbewahrer, zum Sittenwächter und zum Bedenkenträger, ein Macher mit der Fähigkeit, „Unsicherheit und Widerstand nicht als Gegengründe zu empfinden“[6] und sich daher konsequent für Zwecke zu engagieren, für die sich die meisten Zeitgenossen erst im Erfolgsfalle begeistern können. Der Gedanke, oder besser die Gedankenlosigkeit, ein Amtsinhaber sollte einem Neuerer beim Überschreiten der Grenzen zur Seite stehen, ist mindestens ebenso verrückt wie die Vorstellung, ein Finanzmann sollte ihm das Geld andrer Leute für seine waghalsigen Abenteuer überlassen. Selbst wenn der Amtmann und der Finanzmann zufällig ihrer Zeit in Gedanken ebenso weit voraus wären wie die hochtrabenden Vorstellungen eines Unternehmers, so dürfen doch die spießigen Bürger und ängstlichen Kapitalgeber von ihnen erwarten, dass sie nach den Grundsätzen ihrer gesellschaftlichen Funktionen handeln und nicht nach ihren privaten Neigungen. Umgekehrt besteht der Job des Unternehmers gerade darin zu tun, was andere gar nicht tun wollen oder können, weil sie zu vornehm sind oder zu christlich, zu ängstlich, zu eitel, zu träge, zu rücksichtsvoll - oder weil sie einfach über den erforderlichen Killer-Instinkt nicht verfügen. Und im Sozialismus gibt’s natürlich eh keine despotischen Strukturen mehr, keinen Amtmann, keinen Finanzmann und keinen „Unternehmer“, so dass wir diesen Fall hier nicht weiter betrachten wollen.

Wenigstens nebenbei soll noch erwähnt werden, dass beim Schumpeter der Unternehmer nicht nur als eine Epoche machende Erscheinung dargestellt wird, sondern auch als eine, deren beste Zeit bereits gewesen ist, denn die Neuerung wird unter den Bedingungen des industriellen Kapitalismus mehr und mehr zum Regelfall, und die allgemeine Gewöhnung daran setzt die Bedeutung der Figur zurück, die solche Veränderungen durchzusetzen hat. Endgültig verschwinden kann dieses Auslaufmodell nach seinem Urteil aber erst mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise, weil zwangsläufig jede profitable Neuerung zur Quelle unternehmerischer Handlung wird, solange sie irgendwelche Existenzen gefährdet, wie es unter kapitalistischen Bedingungen regelmäßig der Fall ist[7]. Wenn ausgerechnet der Unternehmer „im Sinne Schumpeters“ zum sozialistischen Hoffnungsträger herausgeputzt wird, dann ist das als ein Fehler gar nicht zu erklären. Auf die Aufhebung ihrer Konkurrenz untereinander waren die Anstrengungen der sozialistischen Arbeiter seit jeher gerichtet, und zwar in dem vollen Bewusstsein, dass die Unternehmer nichts mehr werden zu unternehmen haben, soweit ihnen dies auch gelingt. Wenn nun auch noch der Schumpeter verleumdet wird als der geistige Vater eines „sozialistischen Unternehmers“, dann ist die schriftstellerische Skrupellosigkeit perfekt, allerdings hat vom Standpunkt der Frau Wagenknecht diese Sicht auch ihre perfide Plausibilität. Ihr Sozialismus ist ja keiner, der den Arbeitszwang mindern und schließlich ausräumen will, sondern wendet sich ausdrücklich gegen die Planung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit, die allen arbeitsfähigen Menschen eine mäßige Portion Pflichtarbeit zumutet und ihnen damit zugleich die Freiheit gibt, den „echten Unternehmern“ die Gefolgschaft zu verweigern:

„Kreativer Sozialismus hat sich von der Idee des planwirtschaftlichen Sozialismus verabschiedet. Er will mehr Wettbewerb, nicht weniger“ (345).

Ein solcher „Wettbewerbssozialismus“ wird natürlich ohne „Unternehmer in Sinne Schumpeters“ tatsächlich niemals auskommen können, denn ein Wettbewerb ohne Verlierer ist schwer vorstellbar, und alle Gefährdeten haben einen guten Grund, sich nach ihren Kräften gegen die existenzgefährdende Neuerung zu stemmen, wodurch nach Wagenknechts eigener Darstellung die nötigen Unternehmereigenschaften ausgelöst werden:

„Ein solcher Unternehmer treibt die ´kreative Zerstörung´ bei seinen Wettbewerbern voran, deren Produkte jetzt möglicherweise nicht mehr konkurrenzfähig sind“ (126).

Und solche netten Typen wird der Sozialismus „fördern“! Wer noch einen Beweis nötig hatte für den kapitalistischen Charakter des „kreativen Sozialismus“, der findet ihn in dieser Forderung von Anarchie und Konkurrenz („Planlosigkeit“ und „Wettbewerb“) und in dem Jubel über die „kreative Zerstörung“. Manche Linke werden das ja wirklich für Sozialismus halten, wenn infolge des zunehmenden Wettbewerbs die Herde derjenigen noch anwachsen wird, die von tatkräftigen Unternehmern um ihre Existenzmittel gebracht worden sind. Wenn infolge dieser Unternehmertätigkeit schließlich zur Schadensregulierung massenhaft Sozialstaatsarbeiter nötig werden, dann hat die Hoffnung auf einen übermächtigen Sozialarbeiterstaat ja auch ihre geschichtsphilosophische Berechtigung. Wozu noch nachdenken über den banalen Tiefsinn der „kreativen Zerstörung“ und ihre kapitalistische Härte? Die „kreative Zerstörung“, um die die Wagenknecht mit allen übrigen Apologeten der kapitalistischen Produktionsweise so viel Aufhebens macht, wäre nicht erwähnenswert unter sozialistischen Lebensbedingungen. Als schöpferische Zerstörung ihres Gegenstandes kann ja jegliche Arbeit aufgefasst werden. Aber auch die daraus eventuell folgende „moralische Vernichtung“ irgendeines Gebrauchswertes - also etwa der Ersatz der Schreibmaschine durch einen Personal Computer - ist nicht das, was Frau Wagenknecht begeistert. Vielmehr hat sie das Resultat im Sinn, das der Unternehmer mit all seinen Anstrengungen „bei seinen Wettbewerbern“ bewirkt, denn „deren Produkte sind jetzt möglicherweise nicht mehr konkurrenzfähig“ – und diese „Wettbewerber“ werden daher ihre Lohnarbeiter entlassen und vielleicht selber zum Sozialamt müssen. Das ist eben „Marktwirtschaft“. Schön. Für den intellektuellen Mittelstand die größtmögliche aller Freiheitsvorstellungen.

Zur Entlastung der Frau Wagenknecht kann allerdings vorgebracht werden, dass sie als praktizierende Eklektikerin auch umgehend von dem wieder Abstand nimmt, was sie als bekennende Marktwirtschaftlerin gerühmt hat. Wenn sie einen marktwirtschaftlichen Sozialismus will, der ausgerechnet den „echten Unternehmern“ außermarktwirtschaftliche Hilfe verspricht, damit die sich mit mäßigen Profiten auch wirklich auf den Märkten behaupten und richtig „reich werden“ können, dann hat sie damit schon bewusstlos ausgedrückt, was ihre Vorstellungen von Markt und Wettbewerb wirklich wert sind: Sie bildet sich doch eh mit dreister Naivität ein, bereits im Voraus genau zu wissen, welche Ergebnisse die marktwirtschaftlichen Wettkämpfe unbedingt erzielen müssen. Im endlosen Meer der Markturteile hat ihr höchstpersönlicher Geschmack den Status der gesellschaftlichen Vernunft. Etwas weniger ahnungslos formuliert sie ihre Skepsis dem Markt gegenüber, wenn sie über den „Bereich der elementaren Dienste“ berichtet:

„Leistungen der Grundversorgung wie Wasser, Energie, Mobilität und Kommunikation gehören nicht in die Hand renditeorientierter Privatunternehmen, sondern in die gemeinnütziger Anbieter in öffentlichem Eigentum. Das gleiche gilt für Bildung, Gesundheit, Mietwohnungen und die ganze Palette kommunaler Dienste. Gesetze, die die Rekommunalisierung und Rückverstaatlichung solcher Leitungen begünstigen statt erschweren, sind überfällig“ (271).

Nun gut! Wenn schon „Mobilität und Kommunikation“ (Automobil und Internet?) nicht renditeorientiert dem Volke zur Verfügung gestellt werden dürfen, was ist dann erst mit Nahrung und Kleidung? Handelt es sich dabei vielleicht nicht um die Bereitstellung von „Leistungen der Grundversorgung“? Sollen wir schutzlos sein gegen Hunger und Kälte. Soll das alles etwa im „kreativen Sozialismus“ der habgierigen Profitwirtschaft überlassen werden, der industriellen Agrarmafia überall auf der Welt und den erbarmungslosen Textilfabrikanten in Pakistan, Indien, Bangladesch, Venezuela und Neapel? Oder soll sich die wohltätige öffentliche Hand eventuell auch nach diesen Geschäftsbereichen noch ausstrecken. Welche Angelegenheiten aber bleiben dem Markt dann noch unterworfen? Und warum? Sind ihre Ausführungen zum sozialistischen Potential der „echten Unternehmer“ eventuell nur unbedachtes oder hinterhältiges Gerede, während ihr in Wahrheit Sozialismus ein Synonym ist für eine lupenreine Staatswirtschaft? Schwärmt diese demokratische Marktsozialistin womöglich unter einem irreführenden Etikett nur bewusstlos für eine orientalische Despotie? Allerhand spricht auch dafür.

Während sie den kleinen und mittleren altmodischen Privatkapitalisten ihre sozialistische Wertschätzung entgegenbringt, verabscheut sie unverhohlen die Umtriebe der großen „börsennotierten Unternehmen“. Wenn sie die an den Pranger stellt, deutet nichts darauf hin, dass sie dort irgendwelche Keimzellen einer neuen Produktionsordnung vermutet, nicht zu reden von Anzeichen einer ungewollten Schwangerschaft, die uns die Geburt einer neuen Gesellschaft vorauswerfen. Sie ahnt nicht entfernt etwas von den wirklich Sozialismus stiftenden Tendenzen, die überall im Verborgenen lauern, wo die „Unternehmer“ in verwertender Absicht den Arbeitsprozess als einen gesellschaftlichen organisieren. Aber auch gar nichts! Dialektik ist ihre Sache ganz sicher nicht – und als Algebra der Revolution ist sie ihr komplett unverständlich. Der sozialistischen Liebhaberin des unternehmerischen Kleinbetriebs bereiten gerade die gesellschaftlichen Potenzen der kapitalistischen Produktionsweise das größte Unbehagen. Während verständige Sozialisten stets die kapitalistische Entwicklung der materiellen Produktivkräfte bis hin zur großen Industrie gleich in mancherlei Hinsicht zugleich als die bewusstlose Vorbereitung einer künftigen Produktions- und Gesellschaftsform betrachtet haben, weil der Kapitalismus ja ohne Zweifel nur mit den von ihm selbst hervorgebrachten Mitteln umgewälzt werden kann und keineswegs mit irgendwelchen aus einer anderen Welt geliehenen, beurteilt Wagenknecht die Großkonzerne nach den Paragrafen eines imaginären Strafgesetzbuches linker Kleinbürger: groß ist schlecht und klein ist recht.

Den großen Konzernen bescheinigt sie eine kolossale Leidenschaftslosigkeit hinsichtlich der Zukunftsinvestitionen und selbst der Herstellung der gewöhnlichsten Produkte, denn „Markt und Wettbewerb disziplinieren die Konzerne nicht mehr“ (306). Nach Wagenknechts Urteil haben sie „immer weniger Interesse an den Kernaufgaben (!) eines Wirtschaftsunternehmens: an Forschung und Innovation, an langfristigen Investitionen, an höchster Qualität, an den Kundenwünschen, sofern es sich nicht gleich um Großkunden handelt“ (83), während sie andrerseits aber über die sagenhafte „Fähigkeit“ verfügen, „die wichtigsten Variablen des wirtschaftlichen Lebens wie Investitionen und Arbeitsplätze nach Belieben (!) zu steuern …“ (307). Woraus Wagenknecht das mangelnde Interesse an Kernaufgaben erschließt, wenn diese doch beliebig zu erledigen sind für die Großunternehmen, die obendrein infolge ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten auch noch „Rekordprofite“ (83) ohne Ende schreiben, das erzählt sie ihren Lesern leider nicht. Da sie für Frau Wagenknecht nichts weiter sind als verkommene „Träger gesellschaftlicher Fehlentwicklungen“ (306), sozusagen allmächtige Taugenichtse, die ganz offenbar einfach keinen Bock haben, das Gute zu tun und den „Wohlstand für alle“ einzurichten, also „Kundennutzen und Produktqualität“ (306) zu organisieren, liegt für sie auch nichts näher, als diese Ungetüme auf wettbewerbsmäßige Größen zu verkleinern. Aber so wünschenswert das ist, räumt sie ein, so „wenig aussichtsreich“ (315) ist es auch, denn die „modernen Technologien“ verlangen oftmals Investitionssummen, die auf dem “Niveau größerer Mittelständler“ nicht zu stemmen sind. Irgendwie scheinen die ganz großen Unternehmen also doch ihren „Kernaufgaben“ nachzukommen und für „Forschung und Innovation“ zu sorgen, während selbst „größere Mittelständler“ an dieser Aufgabe scheitern. Warum auch sollten sie darauf verzichten, ihren Profit auch auf dem Wege der Produktivkraftsteigerung zu sichern?

Aber eine sozialistische Marktwirtschaftlerin der Linkspartei mag eben keine Großunternehmen, mögen die auch können, was sie wollen. Was also ist zu tun? Darauf warten, dass der gelobte Markt über das kunden- und innovationsfeindliche Geschäftsgebaren dieser Profiteure urteilt? Oder womöglich diese Alleskönner in den Dienst der Gesellschaft stellen, so wie es von Kommunisten seit Jahr und Tag gepredigt worden ist? Keineswegs:

„Wo weder Regulierung noch Mitbestimmung noch Entflechtung funktioniert, bleibt nur der Weg, die Kriterien des Wirtschaftens zu verändern: die grundlegende Veränderung der Eigentumsverhältnisse. Wir brauchen Konzepte für eine neue Wirtschaftsordnung. Wir brauchen Ideen für Formen des Eigentums“ (320). “Über dieses Neue (!) nachzudenken und Konzepte dafür zu entwickeln ist die dringende Aufgabe einer Zeit, in der das Alte nicht mehr (!) auf menschenwürdige Weise funktioniert“ (319).

Wenn also alles Reformieren und Deregulieren nichts bringt, dann müssen „wir“ ernsthaft über die „grundlegende Veränderung der Eigentumsverhältnisse“ „nachdenken“ und nach „Ideen“ suchen „für Formen des Eigentums“. Als hätte die Welt auf diese Botschaft gewartet! Womöglich sollen wir in sozialdemokratischen Pamphleten nach den „Ideen“ suchen, die die große Industrie uns bereitwillig in den Schoß legt. Als wäre nicht das Denken wie das Handeln der Sozialisten seit vielen Generationen bestimmt von der Notwendigkeit einer neuen Ordnung der Dinge, weil die alte Ordnung einer „menschenwürdigen Weise“ des Lebens nicht sehr zuträglich war und ist[8]. Und als seien ihre bedeutenden Ergebnisse nicht stets und überall entstellt und zugeschüttet worden von den konfusen Machwerken rücksichtsloser Karrieristen auch aus dem „linken Lager“. Lager! Unter dem Titel „Freiheit statt Kapitalismus“ hat sie die Erwartungen ihrer Leserschaft auf einen „kreativen Sozialismus“ geweckt - und zuletzt liefert sie das Eingeständnis einer großen Ahnungslosigkeit: „Wir brauchen Konzepte für eine neue Wirtschaftsordnung“. Wenn das kein Schwindel war! Wäre sie nicht gnadenlos eklektisch, wäre bei ihr also der Satz nicht ebenso beliebig wie sein Gegensatz, wäre Widerspruchsfreiheit ihr ein verständliches Wort, dann könnte man nach der Lektüre ihres Buches immerhin zu dem Ergebnis kommen, sie wollte den Leser betrügen. So aber liegt die Vermutung auch des Selbstbetrugs nahe.


[1] Sahra Wagenknecht, Freiheit statt Kapitalismus, Frankfurt am Main 2011.

[2] Neu ist das nicht. Immer wieder haben Weltverbesserer im „Ordoliberalismus“ die passende Melodie für ihre sozialdemokratischen Heilsgesänge gefunden. Oskar Lafontaine ist einer dieser cleveren Geschäftemacher, der bereits 1998, damals im Duett mit Christa Müller, den Schlager der „sozialen Marktwirtschaft“ zur ordoliberalen Begleitmusik gesungen hat. Er bedauerte glaubhaft den Verlust des „Gedankengutes“ von Eucken und Freunde, die der „Marktwirtschaft einen nationalen Ordnungsrahmen zur Seite“ stellen wollten. (vgl. „Keine Angst vor der Globalisierung. Wohlstand und Arbeit für alle“, Bonn 1998, S. 18). Was mir einfällt dazu? „O wunderbare Harmonie - was er will, will auch sie“ (Text: Johann Nikolaus Goetz/Ton: Franz Joseph Haydn).

[3] Zitiert wird hier durchgängig nach der 1. Auflage: Sahra Wagenknecht, Freiheit statt Kapitalismus. Frankfurt am Main, 2011.

[4] Hervorzuheben ist Herr Fredmund Malik, dem sie wohl die Lehre von den „echten Unternehmern“ zu verdanken hat, die den „Kundennutzen“ und ihre „Innovationskraft“, aber „nicht ihren Gewinn“ maximieren wollen (307).

[5] „Der Unternehmer kann auch Erfinder sein und umgekehrt, aber grundsätzlich nur zufälligerweise. Der Unternehmer als solcher ist nicht geistiger Schöpfer der neuen Kombinationen, der Erfinder als solcher weder Unternehmer noch Führer anderer Art“ (Joseph Alois Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (TWE), Berlin 1987, 7. Auflage (Nachdruck), S.129).

[6] Ebda

[7] „Der Widerstand, der von den durch eine Neuerung im Produktionsprozess bedrohten Interessen ausgeht, wird wahrscheinlich so lange nicht aussterben, als die kapitalistische Ordnung bestehen bleibt“ (Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 1975, 4. Auflage S. 216).

[8] Ganz anders übrigens als die Sozialisten, die im Sinne Schumpeters als „Unternehmer des Sozialismus“ betrachtet werden können, weil sie das Neue durchzusetzen haben, und zwar gegen alle skrupellosen Beharrungskräfte dieser bürgerlichen Welt, ist die Autorin offenbar nicht einmal „Unternehmerin im Wagenknechtschen Sinne“, denn sie taugt auch als „Erfinderin“ nicht, sie hat nicht einmal eine „Idee“ von dem Neuen, das sie im Titel ihres Buches „Freiheit“ tauft. Und das soll kein Schwindelgeschäft sein?

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