Neue Landnahme? Die falschen VerehrerInnen Rosa Luxemburgs – eine Schwindelhochzeit

von Guenther Sandleben

Die Linke tut sich schwer mit dem Erbe Rosa Luxemburgs. Rechte Sozialdemokraten würden damit am liebsten gar nichts zu tun haben. Das revolutionäre Erbe empfinden sie als unangenehme Belastung ihrer eigenen Tradition, die darin besteht, die Lohnabhängigen in das kapitalistische System zu integrieren. Mit der Niederschlagung der deutschen Revolution und der Ermordung von Luxemburg und Karl Liebknecht lieferten sie den historischen Beweis, dass sie bereit sind, entschlossene Kämpfe gegen das Lohnsystem im Blut zu ersticken.

In anderen Teilen der Linken geht die Mode um, das Erbe Luxemburgs in Ehren zu halten, es aber zugleich zu verharmlosen, zu banalisieren und zu entstellen. Man entfernt daraus die revolutionäre Seite, also genau die Punkte, weshalb Luxemburg ermordet wurde. Luxemburgs Lehren sollen „fruchtbar“ gemacht und als „Anknüpfungspunkt“ dienen für ein Engagement innerhalb des Lohnsystems.

Dieser Teil der Linken schmückt sich mit dem Namen Luxemburg, um unter falscher Flagge eine Emanzipation zu verkünden, die diesen Namen nicht verdient. So gilt Luxemburg als Vorkämpferin für Frieden und Demokratie, als hätte sie bürgerliche Ideale nur verwirklichen wollen. Derzeit kreist das Täuschungsmanöver stärker um den mehrdeutigen Begriff der „Landnahme“, der noch nicht einmal von ihr selbst stammt, aber dennoch mit ihrer 1913 veröffentlichten Schrift „Die Akkumulation des Kapitals“ in Verbindung gebracht wird. Darauf ist näher einzugehen.

Feminismus

Bekanntlich war Luxemburg keine Feministin; dennoch berufen sich viele auf sie. Bereits in den 1970er Jahren entstand der feministische Subsistenz-Ansatz der Bielefelder Schule. Vertreter dieser Richtung, darunter Veronika Bennholdt-Thomsen, Maria Mies und Claudia von Werlhof verbanden die Frauenfrage mit der Dritte-Welt-Frage und später mit der Ökologiefrage. Zur Subsistenzproduktion sollen neben kleinbäuerlichen und kleinhandwerklichen Tätigkeiten vor allem diverse Hausarbeiten gehören, einschließlich das Gebären und Aufziehen von Kindern und die „physische und psychische Arbeit der Sexualität“. Bei dieser Frauenarbeit handle es sich um „unbezahlte Arbeitszeit, die in den Verwertungsprozess einfließt und daher um Mehrarbeit“ (Bennholdt-Thomsen 1981:35). Das Geschlechterverhältnis wird in ein Produktionsverhältnis uminterpretiert; Frauenarbeit, Nicht-Lohnarbeit und Natur sollen in ähnlicher Weise unter dem Kapital subsumiert und Gegenstand kapitalistischer Ausbeutungsprozesse sein.

Der von Marx entwickelte und von Luxemburg nirgends in Frage gestellte Wertbegriff ist beseitigt; entgegen ihrer Akkumulationstheorie wird die Ausbeutung von der Lohnarbeit in Richtung Hausarbeit als den jetzt zentralen Ort der Ausbeutung verschoben.

Wie Hausarbeit unter dem Gesichtspunkt der Wertschöpfung zu beurteilen ist, brachte Luxemburg im Artikel „Frauenwahlrecht und Klassenkampf“ (GW 3: 163) so auf den Punkt: „Diese Arbeit ist nicht produktiv im Sinne der heutigen kapitalistischen Wirtschaftsordnung, und mag sie in tausendfältigen kleinen Mühen eine Riesenleistung an Selbstaufopferung und Kraftaufwand ergeben. Sie ist nur eine private Angelegenheit des Proletariers, sein Glück und Segen, und gerade deshalb bloße Luft für die heutige Gesellschaft“.

Nach gründlicher Auseinandersetzung mit den Marxschen Reproduktionsschemata gelangte Luxemburg zu ihrer zentralen These, dass ein „nichtkapitalistisches Milieu“ nicht nur unbedingt notwendig für die Realisierung des zur Akkumulation bestimmten Teils des Mehrwerts sei, sondern dass durch die fortschreitende Vernichtung solcher nichtkapitalistischer Bereiche der kapitalistische Akkumulationsprozess immer heftiger gegen seine Absatzschranken stoßen und schließlich krisenhaft zusammenbrechen würde. Die ökonomische Krisentendenz würde das Proletariat mehr und mehr in Richtung sozialistische Revolution drängen.

An die Stelle dieser allgemein menschlichen Emanzipation, die die kapitalistisch hoch entwickelten Produktivkräfte zum Ausgangspunkt nimmt, setzt der feministische Subsistenz-Ansatz eine rückwärtsgewandte Utopie: die Perspektive einer Subsistenzproduktion in dezentralisierten, regionalisierten und auf Reziprozität beruhenden ökonomisch-sozialen Verhältnissen. Solche Selbstsorge-Konzepte beförderten später den Neoliberalismus.

Das von Luxemburg hervorgehobene „nichtkapitalistische Milieu“ als unbedingte Begleiterscheinung kapitalistischer Akkumulation ist vollständig umdefiniert: Statt vor allem Werte zu realisieren, soll die Substenzwirtschaft Werte schaffen, statt jenseits des kapitalistischen Reproduktionsprozesses zu stehen, steht sie mitten drin, statt aufgelöst zu werden, existiert sie nicht nur fort, die Subsistenzproduktion soll in ihrer technischen Rückständigkeit die Zukunft weisen.

Das feministische Interpretationsmuster prägt bis heute verschiedene Landnahme-Konzepte.

Akkumulation durch Landnahme

Die Debatte um die kapitalistische Landnahme wird maßgeblich von David Harvey bestimmt. Zunächst teilt er Luxemburgs These, dass der Kapitalismus Bereiche „außerhalb seiner selbst“ (Harvey 2005: 140) benötige, um akkumulieren zu können. Anders als in Luxemburgs Theorie dienen solche Bereiche weniger der Realisierung von Mehrwert, sondern vor allem als profitable Anlagemöglichkeit überakkumulierten Kapitals.

Harveys Überakkumulationstheorie ändert den Blickwinkel. Die nichtkapitalistischen Bereiche, die bei Luxemburg eine zentrale Rolle spielen, werden in zweifacher Hinsicht uminterpretiert. Neben den „nichtkapitalistischen Gesellschaften“ gehören dazu erstens bestehende Gebiete „innerhalb des Kapitalismus“. Zweitens soll der Kapitalismus über die Fähigkeit verfügen, weitere Gebiete aktiv herzustellen. Mit dieser „Innen-Außen-Dialektik“ (2005: 140) entfernt Harvey die von Luxemburg aufgezeigte revolutionäre Perspektive. Da der Kapitalismus eigenständig und unbegrenzt neue Außenbezirke herzustellen vermag, wird die kapitalistische Landnahme zu einem nicht enden wollenden Jungbrunnen für das System.

Die feministische Luxemburginterpretation sah in der normalen Form der Ausbeutung von Lohnarbeitern nur die Spitze eines Eisbergs, der auf einem unsichtbaren Sockel unbezahlter Subsistenzarbeit beruhen soll. In gewisser Weise teilt Harvey diesen Mythos, nur dass er die „räuberischen Mittel der Akkumulation durch Enteignung“ (2013:109) stärker auf die Stadt bezieht. Solche „sekundäre Formen der Ausbeutung“ (Harvey 2013:225) mag es in bestimmten Fällen geben, nur sie fallen mehr unter die Rubrik von Missständen. Wie Harvey breit ausführt, bestehen sie in Gaunereien auf dem Immobilienmarkt, sie treten im Austausch von Waren, in Mietverhältnissen, in Betrügereien beim Kauf der Arbeitskraft oder bei der Kreditvergabe hervor. Aber sie erklären gerade nicht die Mehrwertproduktion. Das Zentrum des Kapitalismus, der durch die Zirkulation verdeckte Ausbeutungs- und Aneignungsprozess in der Waren- und Dienstleistungsproduktion, rückt in den Hintergrund. Die Produktion mit all ihren Konflikten aus der wissenschaftlichen und politischen Debatte möglichst auszublenden, gehört zum traditionellen Geschäft von Vulgärökonomen und Vulgärsozialisten. Harvey reiht sich in diese traurige Tradition ein.

Harveys Enteignungsbegriff schließt nicht nur vielfältige primäre und sekundäre Ausbeutungsprozesse ein, sondern auch die Aneignung von Kapitalvermögen, die durch Finanzmanipulationen oder durch die Überakkumulationskrise entwertet und durch andere Kapitalisten zu „Schleuderpreisen“ aufgekauft werden.

Eine größere Heterogenität hinsichtlich der Aneignungsweisen, der Aneigner und der Ausgebeuteten ist kaum vorstellbar. Zu den Aneignungs-Opfern zählt Harvey ausgebeutete Arbeiter, betrogene Mieter, Arbeitslose, vom Land vertriebene Bauern und intigene Bevölkerungen ebenso wie geplünderte Kapitalanleger und ruinierte Unternehmer. Mitglieder sämtlicher Klassen und selbst historische Überbleibsel alter Gesellschaften gehören dazu. Harvey hat die Illusion, als könnte sich diese heterogene Menge zu einer „revolutionären und entschieden antikapitalistischen Bewegung“ zusammen finden. Notwendig wäre lediglich eine „ko-revolutionäre Theorie“.

Wie aber soll ein gemeinschaftlicher Kampf möglich sein, wenn die Menschen, die den Kampf zu führen haben, weder miteinander kooperieren noch in anderer Weise miteinander zu tun haben? Es fehlen schlichtweg die gemeinsamen Existenzbedingungen. Die Heterogenität der Lebenslagen verhindert gleichartige Interessen. Noch nicht einmal einen gemeinsamen Gegner gibt es, der zur Herausbildung gemeinsamer Ziele beitragen könnte. Da zudem der Kapitalismus über endlose Selbstheilungskräfte verfügen soll, besteht keinerlei Tendenz zur Vereinfachung und Zuspitzung der Gegensätze. Es fehlen sämtliche materiellen Bedingungen für einen einheitlichen Kampf, der sich auf kaum mehr stützen kann als auf einen durch die „ko-revolutionäre Theorie“ inspirierten freien Willen.

Landnahme als Gefahr für den Sozialstaat

Die emanzipatorische Perspektive, die bei Harvey noch eine vage Hoffnung ist, wird im sozialstaatlich ausgelegten Landnahmekonzept völlig ausgeblendet. Dahinter steckt die Vorstellung, „kapitalistisch geprägte Marktwirtschaften (hätten) bisher ihre Erneuerungs- und Expansionsfähigkeit unter Beweis gestellt“ (Brie: 2014:15). Ein solch effizienter Kapitalismus muss nicht mehr grundlegend geändert werden.

Für Klaus Dörre besteht das Landnahmekonzept im Wechselspiel von Marktöffnung und Marktbegrenzung. Die „’Landpreisgabe’, die mit der Expansion des Wohlfahrtsstaats und der Einbettung von Lohnarbeit in geschützten Arbeitsmärkten verbunden war“, sei durch die kapitalistische Landnahme, durch Privatisierungen und Deregulierungen rückgängig gemacht, wodurch eine Wachstumsdynamik in Gang gesetzt worden sei (2013: 95f).

Weshalb sollte die Landnahme sowohl für die kapitalistische Entwicklung als auch für eine politisch-gesellschaftliche Transformation eine Rolle spielen, wenn sie später durch eine „Landpreisgabe“ korrigiert wird? Zumindest in der längeren Frist hätten wir es mit einem Nullsummenspiel, mit einer insgesamt neutralen Wirkung zu tun. Das aber widerspricht Dörres eigener These, wonach die kapitalistische Akkumulation die Landnahme unbedingt benötigen würde.

Sämtliche sozialen Bewegungen stehen von vornherein auf verlorenem Posten. Ihre Reformarbeit gleicht den vergeblichen Mühen eines Sisyphos: Die dem Kapitalismus durch „De-Kommodifizierung“ mühevoll entzogenen Bereiche fallen durch Landnahme immer wieder in den Schlund kapitalistischer Profitlogik zurück.

Der Feminismus begrenzte die Subsistenzproduktion auf die „drei Kolonien des Kapitals“, auf die Arbeitskraft der Frauen, auf die Menschen zurückgebliebener Länder und auf die Natur. Dörre fügt diesem fragwürdigen Konzept Staatsunternehmen, öffentliche Güter und marktbegrenzende Regulierungen hinzu. Mit der Einbeziehung des Sozialstaates reproduziert er die Irrtümer auf erweiterter Stufenleiter.

Jedoch wird ein nichtkapitalistisches Außen keineswegs hergestellt, nur weil der Staat dem Gesamtkapital Bedingungen der allgemeinen Reproduktion, Infrastruktureinrichtungen etc. zur Verfügung stellt. Solche Staatstätigkeiten beruhen auf Kapitalkreisläufen und bleiben finanziell darin eingebunden. Öffentliche Güter haben die kapitalistische Warenproduktion nicht nur zur Voraussetzung, sie dienen stets der Reproduktion des Gesamtkapitals.

Luxemburg arbeitete mit großer Sorgfalt heraus, wie die Nachfrage der Arbeiterklasse durch die Lohnzahlung begrenzt wird, deren Quelle das variable Kapital bildet. Mehr Waren können die Arbeiter (der Kredit spielt in ihrer Argumentation keine Rolle) einfach nicht abnehmen. Der Lohn bleibt auch dann die Nachfragegrenze, wenn Mitverzehrer ins Spiel kommen: Familienangehörige, Verbände, Sozialabgaben und Steuern für Sozial- und Staatszwecke. Letzteres bedeute nur „die Übertragung eines Teils der Kaufkraft der Arbeiterklasse auf den Staat“ (GW 5:401).

Der Staat steht in Luxemburgs Argumentation keineswegs jenseits des Kapitalismus; seine ökonomischen und sozialen Aktivitäten werden durch die Reproduktion des Gesamtkapitals und die darin eingeschlossene Reproduktion der Arbeitskraft vermittelt und finanziert. Wenn der Staat Funktionen übernimmt, die der Reproduktion der Arbeitskraft dienen, dann ändern sie durch die bloße Verwandlung in Staatstätigkeiten keineswegs ihren Charakter. Sie bleiben reproduktive Teile des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.

Für Luxemburg stellte das eine wichtige Erkenntnis dar, um Vorstellungen als falsch zurückzuweisen, „dritte Personen“ oder der Staat könnten die fehlende Nachfrage schaffen, die der kapitalistische Akkumulationsprozess benötigt. Solche Einsichten werden gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Der positive Bezug auf Luxemburgs Akkumulationstheorie bleibt lediglich formell bestehen, die Inhalte spielen keine Rolle. Luxemburgs Theorie wird heilig gesprochen, um sich damit nicht mehr auseinandersetzen zu müssen.

Finanzkapitalstische Landnahme

Luxemburg kannte Hilferdings Schrift „Das Finanzkapital“, erwähnte sie aber in ihrer „Akkumulation des Kapitals“ nicht ein einziges Mal, für so irrelevant hielt sie die These von der besonderen Rolle des Finanzkapitals. Und dennoch wird ihre Theorie von der fortschreitenden Vernichtung nichtkapitalistischer Sektoren und Regionen in diesen Kontext gestellt.

Für Luxemburg ging eine solche Landnahme notwendig aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst hervor. Diese schafft „nicht bloß im Mehrwerthunger des Kapitalisten die treibende Kraft zur rastlosen Erweiterung der Reproduktion, sondern sie verwandelt diese Erweiterung geradezu in ein Zwangsgesetz, in eine wirtschaftliche Existenzbedingung für den Einzelkapitalisten“ (GW 5:18). Finanzmärkte und Banken tauchen in diesem Zusammenhang gar nicht auf; das industrielle Kapital selbst ist imperialistisch.

Demgegenüber beschönigt die Vorstellung einer „finanzkapitalistischen Landnahme“ (Dörre 2013) das Industriekapital, indem die notwendig imperialistischen Tendenzen des Kapitals in den Finanzsektor ausgelagert werden, der dann scheinbar von außen her durch seine „Gewinnansprüche“, durch die „Shareholder-Value-Steuerung“ und durch angeblich weitere Erpressungsmittel die Unternehmen zur Expansion antreibe.

In diesem stark auf den Finanzsektor ausgerichteten Landnahme-Konzept sind die produzierenden Unternehmer mehr Opfer als Täter. Durch gezielte politische Eingriffe in das Finanzsystem scheinen die aggressiv-imperialistischen Kräfte des Kapitals zähmbar zu sein, ohne das Herzstück des Kapitalismus, die Warenproduktion und -zirkulation politisch umwälzen zu müssen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Luxemburg in ihrem kurzen Leben geschrieben und gesagt hat.

Luxemburg als Vorläuferin einer monetären Werttheorie?

Zur Vorstellung einer „finanzkapitalistischen Landnahme“ passt eine Theorie, die dem Geld eine im Vergleich zur Ware abgehobene und beherrschende Stellung zuerkennt. Das Geld darf nicht mehr, wie Marx es sah, eine Konsequenz der Ware sein, sondern muss eigenständig sein und zusammen mit dem Kredit den Wertbildungs- und Akkumulationsprozess maßgeblich bestimmen.

Riccardo Bellofiore versucht Luxemburg für eine solch monetäre Werttheorie zu vereinnahmen, die im Anschluss an die Neue Marx-Lektüre unter Beteiligung von Michael Heinrich seit den 1970er Jahren ausgearbeitet wird. Aus den wenigen Bemerkungen Luxemburgs zur Werttheorie will Bellofiore herausgelesen haben, dass sie - ebenso wie es der monetäre Wertansatz vorsieht - die abstrakte Arbeit und damit die Quelle des Warenwerts jenseits des unmittelbaren Produktionsprozesses ansiedelt, also paradoxerweise dort, wo gar nicht mehr gearbeitet wird. „Die Betonung liegt bei diesem Ansatz darauf, dass der Wert am Schnittpunkt zwischen Produktion und Zirkulation geschaffen wird – oder genauer gesagt, dass er dort ‚entsteht’“ (Bellofiore 2013:41).

Allerdings besagt das von Bellofiore angeführte Luxemburg-Zitat das Gegenteil: „Die von Marx entdeckte abstrakt-menschliche Arbeit“, schreibt Luxemburg (GW 1/1:414f) „ist nämlich in ihrer entfalteten Form (!) nichts anderes als – das Geld.“

Bellofiores Lesart, abstrakte Arbeit und Wert würden erst durch das Geld geschaffen, verdreht den Sachverhalt. Im Zitat bildet vielmehr die abstrakte Arbeit den Ausgangspunkt und das übergreifende Moment. In geronnener Form wird sie Wert, der eine notwendig gegenständliche Form erhält. In „ihrer entfalteten Form“ ist diese abstrakte Arbeit „nichts anderes“ als das Geld, während das Wertverhältnis einer Ware zu einer einzigen verschiedenartigen Ware dessen Keimform bildet. Das Geld, so die kurze Botschaft, ist die Konsequenz abstrakter, warenproduzierender Arbeit und erschafft diese gerade nicht.

Dass Luxemburg sich nur knapp zum inneren Zusammenhang von Wert und Geld äußerte, kann als Hinweis gewertet werden, dass sie die von Marx sorgfältig ausformulierte Werttheorie als ziemlich vollendet ansah, also für sie schlichtweg keine Notwendigkeit bestand, darüber längere Ausführungen zu machen. Dort, wo sie das Wertgesetz thematisierte, u. a. in ihrer „Einführung in die Nationalökonomie“, unternahm sie keinerlei Interpretationsversuche der Marxschen Werttheorie. Diese wird als richtig und eindeutig unterstellt, um dann von einem anderen zumeist historischen Gesichtspunkt aus dem anfälligen „Bau des kapitalistischen Babelturms“ (GW 5: 698), dem Wertgesetz als dem inneren Band zersplitterter Privatproduktion, auf die Spur zu kommen.

Wie man gesehen hat, haben die VerehrerInnen Luxemburgs unter dem Begriff der „Landnahme“ alle systemtranszendierenden Aspekte entfernt. Wirkliche Emanzipation ist kein Thema mehr. Sie haben Luxemburgs Akkumulationstheorie uminterpretiert, verstümmelt und ihr eine entgegengesetzte Tendenz gegeben. All das geschieht eher verdeckt als offen, indem die Akkumulationstheorie gelobt und scheinbar fortentwickelt wird. Tatsächlich aber wird sie zerstört und damit integrationsfähig für die bürgerliche Soziologie und ökonomische Theorie gemacht. Wie sich herausstellte: Eine solche Vermählung ist eine Schwindelhochzeit.

Literatur

Bellofiore, Riccardo (2013): Rosa Luxemburg – Kritik der politischen Ökonomie und die politische Perspektive, in: Ingo Schmidt (Hrg.): Rosa Luxemburgs „Akkumulation des Kapitals“, Hamburg

Bennholdt-Thomsen, Veronika (1981): Subsistenzproduktion und erweiterte Reproduktion. Ein Beitrag zur Produktionsweisendiskussion, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 14. Frankfurt a.M.

Brie, Michael (2014): Akkumulation des Kapitals – Akkumulation des Sozialen und Ökologischen im Kapitalismus. Folgerungen für revolutionäre Realpolitik. Beitrag für die Konferenz “’The Accumulation of Capital: A Contribution to an Economic Explanation of Imperialism’: A Century-Old Work Remains Current, Provocative and Seminal”

Dörre, Klaus (2013): Landnahme und die Grenzen sozialer Reproduktion. Zur gesellschaftstheoretischen Bedeutung Rosa Luxemburgs, in: Ingo Schmidt (Hrg.): Rosa Luxemburgs „Akkumulation des Kapitals“, Hamburg

Fraser, Nancy (2009): Feminism, Capitalism and the Cunning of History, in: New Left Revue 56/2009

Harvey, David (2005): Der neue Imperialismus. Hamburg

Harvey, David (2013): Rebellische Städte, Berlin

Luxemburg, Rosa (1913): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke (GW), Band 5, Berlin 1975

Luxemburg, Rosa (1925): Einführung in die Nationalökonomie, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke (GW), Band 5, Berlin 1975

Luxemburg, Rosa (1899): Sozialreform oder Revolution, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke (GW), Band 1/1, Berlin 1974

Luxemburg, Rosa (1912): Frauenwahlrecht und Klassenkampf, in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke (GW), Band 3, Berlin 1973

Mies, Maria (1983): Subsistenzproduktion, Hausfrauisierung, Kolonisierung, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis. 9/10. Zukunft der Frauenarbeit, Köln

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